Fussball

Fernando Ricksen leidet unter der Nervenkrankheit ALS: Mit dem Tod per Du

Fernando Ricksen wurde 2014 eine große Ehre zuteil: Fortuna Sittard veranstaltete ein Benefizspiel für ihn.
© getty

Bei Fernando Ricksen ist vor vier Jahren die Nervenkrankheit ALS diagnostiziert worden. Der ehemalige niederländische Nationalspieler ist seit einiger Zeit an den Rollstuhl gebunden - der wohl härteste Schlag für einen so extrovertierten Charakter wie ihn. Doch trotz all der psychischen und physischen Rückschläge hört Ricksen nicht auf zu kämpfen.

Von Parties mit nackten Frauen auf dem Trampolin zum Leben im Rollstuhl: Die vergangenen fünf Jahre stellten Fernando Ricksens Alltag peu a peu auf den Kopf. Doch nie zuvor erfuhr der heute 41-Jährige so viel Liebe wie in dieser Zeit.

Sie mündete vor einigen Tagen in der Enthüllung seiner eigenen Statue vor dem Stadion seines Heimatvereins Fortuna Sittard. Das Besondere: Der Bau des Denkmals wurde von den Fans initiiert und per Crowdfunding finanziert.

Dieuwertje Mangeng, Mitbegründerin des Projekts, erzählte SPOX: "Als Fernando von unserem Plan hörte, grinste er von Ohr zu Ohr." Dieses Grinsen vermischte sich bei der offiziellen Vorstellung der Statue mit Rührung und Freudentränen.

ALS ist für Ricksen die Hölle auf Erden

Eine Menge Aufwand nur Ricksen zu Liebe. "Wir haben mehr als 18.000 Euro zusammenbekommen", sagte Mangeng. Das übrige Geld fließe in die ALS-Foundation. ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) ist eine nicht heilbare degenerative Nervenkrankheit, die die motorischen Fähigkeiten eines Menschen einschränkt.

ALS erlangte via Social Media durch Aktionen wie die Ice Bucket Challenge Aufmerksamkeit, ehe der Akt die Krankheit überschattete. Was ALS in der Praxis bedeutet, erfährt Ricksen Tag für Tag aufs Neue - und immer intensiver. Er kann nicht mehr richtig gehen, greifen oder gar sprechen.

Für einen Mann, der das Wort "Lebemann" erfunden haben hätte können, die Hölle auf Erden. Die Diagnose war ohne Frage der schwerste Schlag seiner Karriere. Seines Lebens. Doch Ricksen wäre nicht Ricksen, wenn er nicht wieder aufstehen würde: "Ich will der Erste sein, der ALS besiegt."

"Ich kapituliere nicht, nicht vor der Krankheit. Ich bin eine Kämpfernatur. Das war ich immer schon. Als Spieler. Und jetzt mehr denn je", sagte Ricksen im Interview mit Die Presse. Er ist wie ein junger Vogel, der immer wieder gegen eine Fensterscheibe kracht, aber genauso oft wieder aufsteht und weiterfliegt - ohne Angst vor Höhen oder Konsequenzen.

Fernando Ricksen: Neben dem Platz ein Rockstar

Viele dieser Fenster hat sich Ricksen selbst in den Weg gestellt. Nach seiner Zeit bei Sittard und AZ Alkmaar wechselte der Rechtsverteidiger zu den Glasgow Rangers. Losgelöst von Familie und Freunden, führte Ricksen ein Leben ohne Grenzen. In Schottland lernte der Niederländer seine damals wohl zweitgrößte Liebe nach dem Fußball kennen: den Alkohol.

Neben dem Platz war Ricksen ein Rockstar. Er feierte mit nackten Frauen auf seinem Trampolin, zündete Feuerwerkskörper um drei Uhr nachts, durch die der Garten der Nachbarn zu brennen begann. Nach einem Old Firm gegen Celtic, bei dem es zu einer kleinen Rangelei mit Alan Thompson gekommen war, besuchte Ricksen diesen mitten in der Nacht mit seinem Hund, um ihn zur Rede zu stellen.

Auf dem Platz gab Ricksen trotz seiner sicher ermüdenden Eskapaden aber immer 110 Prozent, was niemand so richtig erklären konnte. "Fernando the Commando" war zwischenzeitlich Kapitän der Rangers. 2005 wurde er gar zu Schottlands Fußballer des Jahres gewählt.

Doch auf Dauer waren Ricksens Ausflüge ins Rockstar-Leben für die Rangers nicht tragbar. Im Juli 2006 stellten sie Ricksen frei, weil er sich auf einem Flug nach Amsterdam betrunken daneben benommen hatte. Er und sein neuer Trainer Paul le Guen wären ohnehin verschieden gewesen, erklärte Ricksen gegenüber Sky Sports: "Und nackt und angetrunken im Flugzeug herumzurennen, hat nicht geholfen."

Alkohol in Schottland, Kokain in Russland, Frauen überall

Genie und Wahnsinn trafen bei Ricksen auch in der Nationalmannschaft aufeinander. Nur zwölf Mal trug er das Elftal-Trikot, dabei hatte er die Qualität für ein Vielfaches davon. Doch auch hier machte er sich selbst einen Strich durch die Rechnung. Beschädigte Straßenschilder und ein zerstörtes Hotelzimmer passten dem niederländischen Verband nicht in die Außendarstellung.

Wieder klatschte der Vogel gegen ein Fenster. Wieder stand er auf. Ricksen wechselte zu Zenit St. Petersburg. Mit den Russen gewann er nicht nur die Meisterschaft, sondern auch den UEFA Cup - sein größter Erfolg.

Ein Blick abseits des Spielfelds zeigte: Ricksen war immer noch derselbe - nur, dass nun das Kokain hinzukam. Alkohol in Schottland, Kokain in Russland, Frauen überall. In St. Petersburg teilte er sein Apartment eine Zeit lang mit vier Stripperinnen. Auch von einer gemeinsamen Nacht mit Katie Price schrieb er später in seiner Autobiografie. Und selbst das sind nur Auszüge: "Wir haben die meisten Namen nicht im Buch genannt. Zumindest nicht von denen, die ein Familienleben haben. Wir wollten keine Scheidungen auslösen."

Ricksen verkündet ALS-Diagnose im Fernsehen

Und plötzlich saß er da. In der niederländischen Talk-Show von Matthijs van Nieuwkerk ging Ricksen erstmals mit seiner Diagnose an die Öffentlichkeit - in seiner Sprachfunktion bereits sehr eingeschränkt. "Wir dachten zuerst, er sei betrunken", sagte sein ehemaliger Trainer Hugo Hovenkamp später bei Sky Sports.

Eigentlich wollte Ricksen sein Buch vorstellen. Die Diagnose holte ihn genauso von den Beinen wie die Studio-Gäste. Es sollte einer der emotionalsten TV-Momente der Niederlande werden. Zwischenzeitlich musste Co-Autor Vincent de Vries das Wort für den sichtlich aufgelösten Ricksen ergreifen.

Der Fußball gibt Ricksen Kraft: "In meinem Kopf spiele ich jeden Tag"

Seitdem sind beinahe fünf Jahre vergangen. Fünf Jahre, in denen die Krankheit sich immer stärker auf die Physis Ricksens auswirkt. Doch der Vogel steht immer wieder auf. "Fernando würde nie den Kopf in den Sand stecken, wie hart das Leben auch immer zurückschlägt", sagte Mangeng zu SPOX.

Der Fußball gibt Ricksen noch immer viel Kraft: "In meinem Kopf spiele ich jeden Tag, auch wenn mein Körper nicht mehr will."

Das Spiel mit dem runden Leder, dem Ricksen seine Seele geschenkt hat, gibt dem 41-Jährigen in diesen Tagen viel zurück. Hunderte Fans und ehemalige Mitspieler wie Mark van Bommel waren bei der Enthüllung von Ricksens Statue zu Gast in Sittard. "Die Leute haben nicht nur gespendet, sondern uns auch ihre Hilfe zur Verfügung gestellt", sagte Mangeng.

Die Statue soll vor allem eine Botschaft transportieren: "Gib niemals auf, stecke niemals zurück." Und welches Denkmal könnte das besser? Mangeng erklärt: "Sittard war fast bankrott und jetzt spielt der Klub um den Aufstieg in die Eredivisie mit. Der Verein und Fernando haben sehr viel gemeinsam. Ich hoffe die Statue inspiriert viele Menschen."

Ricksen will "mindestens 55 Jahre alt werden"

Und dennoch schwingt bei jedem Blick auf den Bronze-Ricksen ein Hauch von Trauer mit. Gegen so viele Fenster Ricksen auch schon gekracht sein mag, dieses scheint selbst ihn irgendwann die Flügel zu stutzen. Nach dem Auftreten der ersten Symptome der ALS-Krankheit beträgt die Lebenserwartung meist nur einige Jahre.

Doch damit gibt sich Ricksen nicht zufrieden. Der Tod sieht sich selten einem härteren Kämpfer gegenüber. Er und Ricksen sind im Grunde per Du. Aufgrund seines Lebensstils gingen einige seiner Kollegen sogar davon aus, dass Ricksen sich höchstpersönlich sein Grab schaufeln würde.

Doch noch kämpft Ricksen. Und er will "mindestens 55 Jahre alt werden". Den Titel seines Buches, "Fighting Spirit", hätte Ricksen nicht besser wählen können.

Dieuwertje Mangeng liefert die perfekte Analogie: "Fernando kam zurück zu Fortuna, als der Klub Letzter war. Sittard hat 626 Tage lang kein Auswärtsspiel mehr gewonnen. Fernando kam zurück und bei seinem Debüt gewann Sittard mit 3:2 beim Tabellenführer. Er war der Grund. Er glaubte an die Mannschaft."

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung