Fussball

"Wir sind ins Nationalmuseum geflüchtet"

Hendrik Helmke stand beim ägyptischen Top-Klub Al Ahly Kairo unter Vertrag
© instagram/@dico__7

Hendrik Helmke ist 30 Jahre alt und hat schon im mehreren Ländern Profifußball gespielt. Der Deutsch-Brasilianer spricht im Interview über seine vielschichtigen Erfahrungen, eine WhatsApp-Gruppe mit Max Kruse und Martin Harnik, die Flucht vor ägyptischen Fans und sein Scouting-Projekt "All about Football".

SPOX: Herr Helmke, Sie haben schon in sechs verschiedenen Ländern Fußball gespielt. Wie oft wurden Sie schon gefragt, ob Sie den Namen Lutz Pfannenstiel kennen?

Hendrik Helmke: Schon öfter, ich habe mich auch informiert. Ganz so extrem war es bei mir dann doch nicht. Er hat ja auf jedem Kontinent gespielt. Das ist und war nie mein Ziel. Die vielen Wechsel haben sich einfach so ergeben.

SPOX: Bereuen Sie irgendeinen Schritt?

Helmke: Nein. Aus fußballerischer Sicht hätten manche Dinge natürlich besser laufen können, aber das weiß man im Nachhinein immer besser. Viele Erlebnisse haben mich aber vor allem menschlich weitergebracht.

SPOX: Inwiefern?

Helmke: Ich habe viele Erfahrungen sammeln können, vor allem auch negative, wie es im Fußball eben oft abläuft, wenn man nicht gerade in der Premier League oder der Bundesliga spielt. Auch da laufen im Hintergrund viele schmutzige Dinge ab, aber nicht so wie in vielen Ländern, in denen ich gespielt habe. Trotzdem bin ich glücklich, so viele verschiedene Orte und Menschen kennengelernt zu haben.

SPOX: Denken Sie nicht manchmal darüber nach, was hätte sein können?

Helmke: Ich denke schon, dass ich mit mehr Glück oder ein paar anderen Entscheidungen eine ganz andere Karriere hätte hinlegen können. Vielleicht hätte ich auch das erreicht, was viele meiner Ex-Mitspieler erreicht haben. Aber so ist eben der Fußball. Es ist nicht immer alles fair. Der Markt ist eben so überfüllt, dass man Glück haben muss.

SPOX: Sie haben unter anderem mit Max Kruse und Martin Harnik zusammengespielt.

Helmke: Ja. Wir haben damals beim SC Vier- und Marschlande alles abgeschossen, was in der Liga war. Wir hatten eine gute Mannschaft und sind in die Bundesliga aufgestiegen. Die beiden sind dann zu Werder Bremen gegangen. Aber es besteht noch Kontakt. Im vergangenen Jahr hatten wir ein Treffen mit allen Spielern der damaligen Mannschaft. Wir haben auch eine WhatsApp-Gruppe zusammen. Gerade erst hat Martin wieder irgendeinen Schwachsinn geschickt, irgendwelche Videos. Er ist der Spaßvogel in der Gruppe.

SPOX: Vor Ihrer Zeit bei Marschlande haben Sie die Jugendakademie des Hamburger SV durchlaufen. Wieso haben Sie den HSV verlassen?

Helmke: Ich habe in der B-Jugend gespielt. Zu der Zeit hat der HSV nicht viel Wert auf die Jugend gelegt. Ich glaube, Rouven Hennings war nach langer Zeit der erste, der es in den Profi-Bereich geschafft hat. Daher hat mir der Abgang aus Hamburg eher gutgetan.

SPOX: Über mehrere Stationen in Deutschland sind Sie 2012 beim IFK Mariehamn gelandet. Aktuell sind Sie zum dritten Mal in Finnland unter Vertrag. Wieso Finnland?

Helmke: Ich hatte dort meine erste Erstliga-Saison. Ich genieße in Finnland einen guten Ruf.

SPOX: Lange blieben Sie aber auch dort nie.

Helmke: Ich wurde bei meiner zweiten Station in Finnland zum besten Spieler der Liga gewählt. Plötzlich konnte ich mich vor Angeboten kaum retten.

SPOX: Sie haben sich 2014 für Tromsö in Norwegen entschieden, den nördlichsten Erstligisten der Welt. Wie kann man sich das vorstellen?

Helmke: 22 Stunden Dunkelheit im Winter. Es ist sehr kalt, dort herrschen extreme Witterungsbedingungen.

SPOX: Aus sportlicher Sicht war der Wechsel ein Upgrade, auch wenn der Erfolg letztlich ausblieb.

Helmke: Das stimmt. Wir haben in der Europa League gespielt. Wir waren die erste Mannschaft in der Geschichte, die in der Europa-League-Gruppenphase gespielt hat und gleichzeitig in der heimischen Liga abgestiegen ist. Das war sehr unglücklich. Ich hatte einen längeren Vertrag unterschrieben und wollte eigentlich bleiben. Europa League gegen Tottenham, Besiktas und Anzhi zu spielen, war eine tolle Erfahrung, abzusteigen eher nicht.

SPOX: Die Erfahrung kann Ihnen dennoch niemand nehmen. Das Rückspiel in Istanbul zum Beispiel werden Sie vermutlich nicht so schnell vergessen.

Helmke: Allerdings. Wir hatten zuhause gegen Besiktas mit 2:1 gewonnen und wurden schon am Tag vor dem Spiel von den Besiktas-Fans belagert. Sie haben versucht, unseren Schlaf zu stören. Die haben die ganze Nacht Stimmung gemacht, es sind Steine gegen das Fenster geflogen. Es gibt schon verrückte Fans.

SPOX: Für seine Fans ist auch Ihr Ex-Klub Al Ahly aus Ägypten bekannt, für den Sie zwischen 2015 und 2016 aufliefen. Gab es dort ähnliche Grenzerfahrungen?

Helmke: Die Al-Ahly-Fans stehen denen von Besiktas in nichts nach. Das war schon etwas Besonderes. Überall in Ägypten wurde man erkannt und auf der Straße bedrängt. Man konnte sich nicht wirklich frei bewegen. Aber einen solchen Support für die Mannschaft habe ich noch nie erlebt. Gerade vor wichtigen Spielen.

SPOX: Was passiert vor solchen Partien?

Helmke: Es wird das Trainingsstadion gestürmt. Da musste man bis zu vier Stunden vor Trainingsbeginn schon anreisen, weil der Weg dorthin dicht war. Wenn man aus der Kabine kam, hat man nur diese rote Wand aus Fans gesehen. Die Security-Leute waren überfordert, Fans wollten den Platz stürmen.

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