Chapecoense sucht Weg in die Normalität

Chapecoense: "Neustart für uns alle"

SID
Freitag, 20.01.2017 | 14:58 Uhr
Chapecoense trainiert mit einem neuen Team
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Ende November war nahezu das komplette Team des brasilianischen Fußball-Erstligisten AF Chapecoense bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Am Samstag tritt der Klub mit einer neuen Mannschaft zu seinem ersten Spiel nach diesem verheerenden Unglück an.

Die Tränen sind noch lange nicht getrocknet, Wut und Trauer bestimmen noch immer den Alltag von AF Chapecoense: Doch 54 Tage nach der verheerenden Flugzeug-Katastrophe, die das Leben von 19 Spielern und 24 Betreuern des Klubs gefordert hatte, wagt der brasilianische Fußball-Erstligist einen ersten großen Schritt zurück in die Normalität.

"Das ist ein Neustart für uns alle, ein Neubeginn für Fans und auch für die Spieler, die wissen, dass es eine einmalige Chance ist", sagte AF-Sportdirektor Rui Costa vor dem symbolträchtigen Freundschaftsspiel gegen den brasilianischen Meister Palmeiras mit dem früheren Bundesliga-Profi Zé Roberto (42) am Samstag mit fester Stimme.

Eine Woche, bevor der Klub des früheren Leverkusener Profis Paulo Rink mit einer Mischung aus Nachwuchskräften, Neuzugängen und nur einer Handvoll Spieler aus dem einstigen Team wieder den Liga-Spielbetrieb gegen Joinville aufnimmt, soll gegen Palmeiras ein deutliches Zeichen gesetzt werden. Chapecoenses neuer Präsident David De Nes Filho sprach von einer Geste der "Solidarität und Größe unseres Schwesterklubs Palmeiras, der uns in dieser Zeit der Trauer und des Wiederaufbaus begleiten möchte".

"Leben muss wietergehen"

In der Arena Condá, in der vor sechs Wochen bei der bewegenden Trauerfeier für die Opfer noch über 50 Särge auf dem vom Regen aufgeweichten Rasen standen, sind am Samstag Leistung und Ergebnis nebensächlich. "Es ist wichtig, dass wir die Familien, die von diesem Drama betroffen sind, unterstützen und ihnen verdeutlichen, dass der Verein zurückkommt und das Leben weitergehen muss", sagte der Franco-Brasilianer Tulio De Melo, der zu den rund 20 Neuzugängen zählt, die den gebeutelten Klub beim Wiederaufbau helfen wollen.

Unter den 22.500 Besuchern im ausverkauften Stadion werden auch die Abwehrspieler Neto und Alan Ruschel sein, zwei der sechs Überlebenden des Flugzeug-Absturzes mit insgesamt 71 Toten. "Ich bin glücklich, an diesem Moment des Neuaufbaus teilzuhaben. Der Klub unternimmt alles, um wieder ein gutes Team zusammenzustellen", sagte Neto bei der Pressekonferenz vor dem Match. Auch der Journalist Rafael Henzel, der das Team von Chapecoense am 28. November auf dem Flug LaMia 933 zum Copa-Südamerica-Finale bei Atlético Medellin begleitete und wie durch ein Wunder überlebte, soll unter den Zuschauern sein. Die Einnahmen kommen komplett den Familien der Opfer zugute.

Ob auch Torwart Jackson Follmann, dem nach dem Unglück ein Teil seines rechten Beins amputiert worden war, ins Stadion kommt, ist noch ungewiss. Klar ist dagegen, dass bei dem historischen Neuanfang zunächst noch einmal ein Blick zurückgeworfen wird auf einen der schwärzesten Tage im brasilianischen Fußball.

Pilot ließ Tankstopp aus

Der Pilot der bolivianischen Airline hatte wahrscheinlich aus Kostengründen auf einen notwendigen Tankstopp verzichtet und somit den Tod vieler Unschuldiger verursacht. Der Boss der Fluggesellschaft LaMia sitzt seither in Haft, was aber für die Betroffenen kein Trost ist. Auch am Samstag werden wieder Proteste gegen die Verantwortlichen der Tragödie erwartet.

Gepägt werden soll der Tag aber vom Blick in die Zukunft, auch wenn die Vergangenheit den Klub nie loslassen wird. Chapecoense will vor einem Gericht in den USA von der Charter-Fluggesellschaft und auch von der bolivianischen Regierung als Verantwortliche für die Freigabe des Fluges Ausgleichszahlungen für die Hinterbliebenen erstreiten.

Anfang Februar steht zudem ein Treffen mit den Rückversicherern der bolivianischen Fluggesellschaft auf dem Terminkalender, um auch von dieser Seite noch Geld für die Hinterbliebenen zu bekommen.

Obwohl die Klubbosse alles unternehmen, um den Familien der Opfer auch finanziell unter die Arme zu greifen, schließen sie eine Einnahmequelle kategorisch aus. "Dieser Verein wird keineswegs akzeptieren, dass aus der Tragödie auf unangebrachte Weise Entertainment gemacht wird", sagte ein Klubsprecher. Er reagierte damit auf erste Angebote der Filmindustrie, die das Drama ins Kino bringen will.

Chapecoense AF im Steckbrief

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