Hurra, wir leben!

Freitag, 04.03.2016 | 10:35 Uhr
"Wir haben Austria Salzburg gerettet!", skandieren die violetten Fans am liebsten
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Die Geschichte von Austria Salzburg ist an Kitsch kaum zu überbieten. Nach der Übernahme von Red Bull gründeten die Fans ihren Verein 2005 einfach neu und marschierten von der untersten in die zweithöchste Liga. Dann gerieten die Finanzen aber außer Kontrolle und das Fußballmärchen drohte jäh zu enden. Jetzt ist zumindest der komplette K.o. abgewendet.

Das Wort Fußballmärchen ist ein viel strapazierter Begriff. Wenn ein Drittligist etwa im DFB-Pokal bis ins Halbfinale vorstößt spricht man gerne von einem Fußballmärchen oder auch wenn ein 18-jähriger Stürmer wie aus dem Nichts auftaucht und auf einmal Tore am Fließband schießt. Stimmt eine Mehrheit von 100 Gläubigern aber einem Sanierungsplan zu, erscheint der Begriff Fußballmärchen eher unpassend.

Als jedoch am Dienstag eine Mehrheit von 100 Gläubigern einem Sanierungsplan des österreichischen Zweitligisten Austria Salzburg zustimmte, wurde das wohl größte Fußballmärchen Europas um ein Kapitel reicher. Im vergangenen September präsentierten die Fans dieses so stolzen Vereins während eines Spiels noch ein Transparent mit der Aufschrift: "Ein Fußballmärchen, das kein Ende nimmt." Sie ahnten noch nicht, dass dieses Fußballmärchen, ihr Fußballmärchen ganz knapp vor einem abrupten und herzzerreißenden Ende stehen sollte.

1,4 Millionen Euro Schulden erscheinen in der heutigen Welt des Fußballs wie ein Klacks. 1,4 Millionen Euro Schulden bedeuteten für die Salzburger Austria aber beinahe das Ende eines elfjährigen, märchenhaften Aufstieges. Der Aufstieg ist vorerst trotzdem gestoppt, der insolvente Verein wird am Saisonende als Fixabsteiger in die drittklassige Regionalliga relegiert werden. Aber was viel wichtiger ist: Das gänzliche Ende ist abgewendet, denn der Verein darf in der jetzigen Form weiterbestehen.

Im Sommer 2005 wurde es märchenhaft

Die Salzburger Austria war die ersten knapp 70 Jahre ihrer Vereinsgeschichte ein ganz normaler österreichischer Traditionsverein. Sie hatte viele Fans, holte den einen oder anderen Titel und stand 1994 immerhin im Finale des UEFA-Cups, das es gegen Inter Mailand verlor - wenig Märchenhaftes, viel Gewöhnliches. Märchenhaft wurde es dann im Sommer 2005.

Das ortsansässige aber weltweit operierende Unternehmen Red Bull kam bei seinem Kreuzzug durch die Welt des Sports auf die Idee, sich einen Fußballverein zulegen zu müssen. Was bietet sich da besser an als der lokale Verein, den man schnell mal in die europäische Spitze hieven wollte.

Recht bald wurde aber klar: Red Bull will einen Verein kreieren, der außer der Bundesliga-Lizenz eher weniger mit der Salzburger Austria zu tun haben sollte; mehr einen Marketingableger des weltweiten Imperiums schaffen als einen traditionellen Fußballklub fortführen.

"... dann gründet doch euren eigenen Verein"

Einfach die jahrzehntelang treuen Fans abzuservieren, das ging aber natürlich auch nicht. Red Bull machte ein Kompromissangebot und das las sich wie folgt: Neue Vereinsfarben, neues Logo, neue Dressen, neues Gründungsdatum, dafür aber violette Tormannstutzen, eine violette Kapitänsbinde sowie ein kleines, violettes adidas-Logo auf den Dressen. Die Fans fühlten sich brüskiert und der damalige Trainer Kurt Jara sagte: "Dann sollen diese Leute doch ihren eigenen Verein gründen."

Und dann gründeten diese Leute halt ihren eigenen Verein und das erste Kapitel des Märchens war geschrieben. Möglich war das, weil sich ein gewisser Moritz Grobovschek, ein eingefleischter Austria-Fan, die Logo- und Namensrechte am SV Austria Salzburg gesichert hatte. Angeblich für 700 Euro. Die neue Austria legte also los, und zwar in der siebthöchsten Liga. Der untersten.

Auf Dorfplätzen, wo sich normalerweise nur eine Handvoll Schaulustige einfinden, rückte jetzt die Salzburger Anhängerschaft aus. Hin und wieder, wenn es mal Bedarf gab, standen auch einige Fans aus der Kurve auf dem Platz und halfen als Spieler aus. So erzählt es zumindest die Legende. Auch Spielercastings wurden veranstaltet.

Der von Fans gegründete Verein stellte sich immer besser auf, er entwickelte sich weiter und schrieb ein märchenhaftes Kapitel nach dem anderen. Die Salzburger Austria marschierte durch das Ligensystem, stets begleitet von zahlreichen Fans und deren Lieblings-Schlachtruf: "Wir haben Austria Salzburg gerettet!". 2010 gelang der vierte Aufstieg in Serie. Fünf Jahre nach der Neugründung stand die Viola vor der Tür zum Profifußball. Die Sehnsucht nach diesem sollte das Fußballmärchen beinahe jäh beenden.

Alte Rivalen statt Dorfvereine

Es trafen Personen Entscheidungen, die nicht über die nötigen Kompetenzen verfügten; die Austria rückte teilweise von ihren eigenen Idealen ab. Die Kommerzialisierung, für viele Fußballfans das inoffizielle Unwort der vergangenen 20 Jahre, hielt auch im Salzburger Stadtteil Maxglan, in dem der Verein seine Spiele austrägt, Einzug.

Die Heimspielstätte wurde etwa nach einem Sponsor in "MyPhone Stadion" umbenannt. Ein besserer Sportplatz ist das, der über eine Tribüne mit einem Fassungsvermögen von knapp 1.500 Plätzen verfügt - und immerhin noch über einige Logen. Buchbar sind diese aber nicht, denn dabei handelt es sich um die Appartements der umliegenden Wohnhäuser. Besten Blick auf das grüne Rasenrechteck bieten sie allemal, einzig die Austria hat nichts davon.

Genau dieses so unschuldig anmutende MyPhone Stadion wurde beinahe zum Sargnagel des violetten Fußballmärchens. Nach vier missglückten Aufstiegsversuchen war es nämlich im Frühjahr 2015 soweit: Am 29. Mai siegte die Austria gegen den FC Kitzbühel 1:0. Der Aufstieg in die zweithöchste Liga war fixiert - die Konsequenz dessen zuvor aber nicht ausreichend bedacht.

Fortan würde sich die Viola nicht mehr mit besseren Dorfvereinen sondern alten Rivalen messen. Solche, mit denen sich die Austria in längst vergangenen Erstligazeiten duellierte und vor allem solche, die zu ihren Spielen nicht ein paar Schaulustige anlocken sondern hunderte Fans. LASK Linz etwa und vor allem Wacker Innsbruck. Die Spiele, auf die die Fanszene jahrelang sehnsüchtig wartete, wurden nun zum Problem; das eigene Stadion ist für solche Spiele schlicht unbrauchbar. Obwohl die Fans 200.000 Euro für Umbauarbeiten spendeten änderte sich daran nichts - und das Geld wurde trotzdem immer knapper.

Leere Ränge, trotzdem Gesänge

Hochrisikospiele wie gegen Wacker sollten im 60 Kilometer entfernten Schwanenstadt ausgetragen werden, doch auch dort waren kostspielige Umbauarbeiten unabdingbar. Um diese aber durchzuführen fehlte es an Zeit und Geld. Ende August musste das traditionelle West-Derby zwischen der Austria und Wacker Innsbruck deshalb wegen Sicherheitsbedenken vor leeren Rängen stattfinden. Ein Schock für alle Fans der Viola, die trotzdem nach Schwanenstadt fuhren um sich vor dem Stadion zu versammeln und ihre Lieder zu singen.

In der blinden Euphorie ob des Aufstieges verlor die Austria die Kontrolle über ihre Finanzen. Ein aufgeblähter Zweitliga-Kader von 28 Spielern tat ihr übriges. Im November eskalierte die Lage schließlich komplett. Die Resultate der Profimannschaft, die sich seit Saisonbeginn im Abstiegskampf der zweithöchsten Liga befindet, gerieten immer mehr in den Hintergrund. Es ging ums nackte Überleben. Erst wurde ein Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung eingeleitet, dann Sportdirektor und Gründungsmitglied Gerhard Stöger entlassen. Zwei Tage später ging auch Aufstiegstrainer Jörn Andersen.

Ein Märchen, das kein Ende nimmt

Es folgte ein wochenlanges Zittern und dann der 1. März. "Hurra, wir leben", schrieb der Verein auf seiner Internetseite - die Gläubiger haben gerade eben dem Sanierungsplan mehrheitlich zugestimmt. In Märchen ist bekanntlich einiges möglich, auch eine Wiedergeburt. Und genau eine solche erlebte nun die Salzburger Austria. Die nahe Zukunft ist gesichert und liegt in der Regionalliga, in die der Verein am Ende der Saison zwangsabsteigen muss. Es wird sich zeigen, ob es im zweiten Anlauf gelingt, das so kitschige Fußballmärchen auf sichere Beine zu stellen und bis in die Bundesliga fortzuschreiben.

Die Fans der Salzburger Austria, die diesen Verein 2005 vor dem Ende bewahrten, behielten zumindest vorerst Recht: "Ein Fußballmärchen, das kein Ende nimmt."

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