Donnerstag, 26.06.2008

Spaniens Keeper im Porträt

"Simpson" Casillas genießt Heiligenstatus

Neustift - Im Elfmeter-Krimi gegen Italien hat er gehalten wie ein junger Gott. Heiligen-Status genoss "San Iker" in seiner Heimat schon vor diesen Großtaten, mit denen der Schlussmann Spaniens erstmaligen Einzug ins EM-Halbfinale seit 24 Jahren möglich machte.

EM 2008, Fussball, Spanien, Iker Casillas
© DPA

Dabei ist Iker Casillas trotz seiner Klasse ein ganz bescheidener, bodenständiger Typ ohne jegliche Starallüren. "Ich bin kein Galactico, ich bin aus Mostoles", verwies der seit einem Jahrzehnt bei Real Madrid das Tor hütende Top-Mann einmal auf seine irdischen Wurzeln.

Casillas steht zu seiner einfachen Herkunft aus dem Arbeiterviertel der spanischen Metropole. Sein Spruch wurde so populär, dass er sogar als Werbespot auftauchte. Der 27-Jährige kann aber auf seine kometenhafte Karriere stolz sein. Mit 18 verdrängte das Supertalent die damalige Nummer eins bei Real, den deutschen Nationaltorhüter Bodo Illgner, aus der Stammformation.

Vom Schulhof in die Champions League

Mit 19 Jahren und vier Tagen feierte Casillas seinen ersten Champions-League-Triumph. Er ist bis heute der jüngste Keeper, der bei einem Finale in der europäischen Königsklasse im Kasten stand. 1999 feierte er auch sein Debüt in der Seleccion.

Ein weiterer Rekord: Als 16-jähriger Teenager gehörte er gegen Rosenborg Trondheim erstmals zum Champions-League-Kader von Madrid, weil zwei etatmäßige Torhüter verletzt ausfielen.

Ein Bote hatte den Schüler in der Pause über seine Nominierung unterrichtet. "Ich komm' sofort, ich muss nur mein belegtes Brot aufessen", hatte Casillas grinsend gesagt - er war von einem Scherz ausgegangen. Später erzählte er, dass er sich für die Reise nach Norwegen "den Anzug meines Vaters leihen" musste.

Auch Barca wollte Casillas

Real Madrid ist Casillas sportliche Heimat. Schon als Knirps ging er zu dem Kult-Klub. Auch der FC Barcelona wollte den damals Neunjährigen verpflichten. Das Buhlen dieser beiden Vorzeige-Vereine verdeutlicht, über welche außergewöhnlichen Fähigkeiten Casillas verfügte - und immer noch verfügt.

"Für mich zählt Iker zu den drei besten Torhütern der Welt", sagte Nationaltrainer Luis Aragones, der ihn zum Kapitän ernannte. Kein Wunder, dass ihn Real bis 2017 an sich band. Der hoch dotierte Kontrakt verlängert sich danach um jeweils eine Saison, wenn Casillas mindestens 30 Spiele absolviert.

Schwächen in der Strafraumbeherrschung

Ob Casillas wirklich zu den Top-Drei gehört, ist unter Fußballexperten umstritten. Seine Qualitäten auf der Linie, sein reflexartiges Reaktionsvermögen, seine Sicherheit und Ruhe sind Weltklasse. In der Strafraumbeherrschung weist der 1,85 Meter große, 80 Kilogramm schwere Schlussmann dagegen Schwächen auf.

Eine ganz andere Macke Casillas ist die: Sein linker Handschuh hat nur vier Finger. "Ich bin einer von den Simpsons", sagt er schmunzelnd zu diesem Spleen. Als sich Casillas bei der WM 2006 in Deutschland den Ringfinger ausgekugelt hatte, ließ er sich diesen und den Mittelfinger vom Mediziner zusammentapen, um mehr Schutz zu gewährleisten.

Das Experiment funktionierte. Selbst als die Verletzung verheilt war, klebte der Keeper die beiden Finger weiter zusammen. "Ich habe mich so daran gewöhnt, dass ich dabei bleibe."


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