EM-Erinnerungen, Teil 2

Allein mit der Klaustrophobie

Von SPOX
Freitag, 30.11.2007 | 14:14 Uhr
Bierhoff, Rada, Bode, EM, 1996
© Getty
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München - 1996 wurde eine Legende geboren. Dieter Eilts.

Schmerzhafte Grätschen, sich selbst verleugnende Tacklings, eine fast schon unmenschliche Willenskraft: Der Ostfriesen-Alemao steckte für das Wohl des DFB-Teams jeden blauen Fleck ein und wurde damit zum heimlichen Star der EM.

Was das Selbstverleugnende angeht, stand die SPOX.com-Redaktion während des Endspiels gegen Tschechien jedoch in nichts nach. Sich mit seinen Urängsten konfrontieren, sich wegen des Studiums in Askese üben, den Weg in die Einsamkeit suchen, um die Schicksalsgöttin milde zu stimmen: Eilts wäre stolz auf uns...

Quatsch mit Biermann: Hier geht es zum 1. Teil der EM-Erinnerungen

Familientherapie auf der Couch: Hier geht es zum 3. Teil der EM-Erinnerungen

 

Wenn man Fußball-Fan ist und seine Leidenschaft gerne mit anderen teilt, ist Klaustrophobie ein schlechter Begleiter. Am 30. Juni 1996 bekam ich die volle Breitseite meiner Platzangst zu spüren.
Das Spiel über hing ich in Papa Joe's Bar in München-Schwabing halbseitengelähmt in einer Menschentraube fest mit Minus-Blick auf die Glotze. Kratzen, schreien, wiehern - nichts half. Umso schöner die Party danach: der Wirt entschloss sich, das Geldeinsammeln bis 5 Uhr morgens einzustellen.

 

Klassenfahrt, Jahrgangstufe zwölf, alle Mann ans Meer. Meine erste Italienreise. Und definitiv die letzte. Erster Tag: raus aus dem Bus, rein ins Wasser, stundenlang rumgeplanscht - und laienhafterweise wasserlösliche Sonnencreme verwendet. Den Sonnenbrand meines Lebens eingesackt (Blasen auf dem Rücken!!).
Die folgende Woche: eine einzige Hölle. Immerhin: 95 Minuten Linderung durch Bertis Buben. Dennoch: zu wenig. Daher: nie wieder Italien!

 

Ich war komplett abgeschottet bei mir zu Hause in meiner hessischen Heimat. So wie 1990, als ich alle sieben Spiele der WM alleine geschaut habe. Bin immer noch überzeugt davon, dass das der Schlüssel zu den Triumphen von Rom und Wembley war!

 

Ein Trauma, das mich noch heute verfolgt: Ich habe Olis Golden Goal nicht live gesehen. Schauplatz: eine Disco in Fulda vor einer Großleinwand. Oli trifft, ich springe auf, mein Vordermann springt höher, rammt mir seinen Ellbogen ins Gesicht und zertrümmert meine Brille. Das nächste, was ich verschwommen sehe, ist, wie Bierhoff sich das Trikot vom Leib reißt. Der Rest ist Jubel - das ging auch ohne Brille.

 

Verregnet, kalt, klamm. Ich war bei einem Schulausflug: Zelten! Jeder, der mich kennt, weiß: Ich hasse Zelten! Aber es hat nichts geholfen, zum Finale vom platschnassen Zeltplatz in irgendeine komische Hütte gestiefelt, nach dem Triumph ging's wieder zurück ins Verregnete, Kalte, Klamme. Ganz toll...

 

Ich war jung, brauchte das Geld und verfolgte das Spiel daher bei der Arbeit in der Kneipe. Ein Studium muss ja irgendwie finanziert werden. Das Tor habe ich dann auch schön verpasst und das Golden Goal als solches hassen gelernt. Tisch 14 wollte zahlen.

Quatsch mit Biermann: Hier geht es zum 1. Teil der EM-Erinnerungen

Familientherapie auf der Couch: Hier geht es zum 3. Teil der EM-Erinnerungen

Wie habt Ihr den EM-Triumph erlebt? Klaustrophobisch wiechernd, plantschend die Haut ablösend oder traumatisiert und blind durch die Gegend stolpernd? Wir interessieren uns für Eure Geschichte! Nutzt einfach die Kommentar-Funktion unter dem Artikel und schreibt über Euren Erlebnisse. Wir freuen uns!

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