DFB-Pokal-Finale: Bremen - Leverkusen

Der Tod der Revolution

Von Für SPOX in Berlin: Stefan Moser
Freitag, 29.05.2009 | 22:40 Uhr
Läuft seine Zeit bald ab? Leverkusens Coach Bruno Labbadia steht vor dem Finale unter Druck
© Getty
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Nur wenige Stunden vor dem Pokalfinale gegen Werder Bremen (19.45 Uhr im LIVE-TICKER und Internet TV) droht Bayer Leverkusens Trainer Bruno Labbadia mit Rücktritt. (mehr) Damit reagiert er auf die anhaltende - auch interne -  Kritik an seiner Person und seinem Konzept. Vieles deutet darauf hin, dass es nach dem Finale zu einer Trennung kommen wird. Damit steht Labbadia symbolisch für einen Trend der Rückrunde: Das Scheitern der Reformer.
 

"Geht's raus und spielt's Fußball!" Mehr musste Franz Beckenbauer seiner Mannschaft nicht sagen, um 1990 Weltmeister zu werden. So jedenfalls will es die Legende. Und wenn es nicht wahr ist, so ist es immerhin schön erfunden, denn die kaiserliche Anekdote bringt die traditionellen Leitmotive fußballdeutscher Spielkultur auf den Punkt: Der Ball ist rund, das Runde muss ins Eckige - Fußball ist ein einfaches Spiel.

Nachdem die Bundesliga in den letzten zehn Jahren im europäischen Vergleich dann allerdings den Anschluss verloren hatte, häuften sich zwar punktuell die Klagen über taktische und konzeptuelle Mängel im deutschen Fußball, doch vor allem die Wortführer aus Bayern blieben der einfachen Formel treu. "Erfolg ist: starker Wille, starke Physis und vor allem - starke Einzelspieler."

"Die besseren Spieler entscheiden"

In ihrer aktiven Zeit waren Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge selbst "große Spieler" - und diese Kategorie übertrugen sie auch nahtlos auf ihre Zeit als Funktionäre. Es gehört zum bayerischen Selbstverständnis, dass die großen Erfolge immer die von großen Spielern waren. Die bedeutenden Pokale in der Vereinsvitrine tragen alle einen bedeutenden Namen: Rummenigge, Effenberg, Matthäus oder eben Beckenbauer.

Der Name eines Trainers taucht dort nirgends auf. Und Begriffe wie "Pressing", "Abseitsfalle" oder "vertikales Spiel" schon gar nicht. "Nicht die Taktik entscheidet, sondern die besseren Spieler", sagte Hoeneß im Herbst noch berauscht von einem Gala-Auftritt von Franck Ribery. Fußball ist ein einfaches Spiel.

Umso erstaunlicher war die Entscheidung im Sommer 2008, als die Bayern mit einem gewaltigen Satz über ihren eigenen Schatten sprangen und mit Jürgen Klinsmann nicht nur einen einfachen Fußballlehrer, sondern gleich ein neuartiges Konzept verpflichteten.

Philosophie, Konzept, Vision...

Tatsächlich versuchte Klinsmann, den Verein auf links zu drehen - und fand dabei sogar noch einige Nachahmer. Die Zeit schien reif für die längst überfälligen Reformen. Niemals zuvor fielen so häufig Begriffe wie "Philosophie", "Konzept", "Vision", "Taktik", "Tempo", "Kollektiv".

Zwar hatte Klinsmann selbst von Anfang an mit den zu erwartenden Widerständen zu kämpfen, doch zumindest seine programmatischen Mitstreiter Ralf Rangnick und Bruno Labbadia ernteten Respekt - zum Teil auch Bewunderung. Leverkusens Pressing machte als Lehrvideo die Runde, Hoffenheim wurde mit spektakulärem Offensivfußball sogar Herbstmeister. Der Reformgeist schien erste Früchte zu tragen.

Aufatmen in der Liga

Doch dann kam der Winter - und mit ihm der Aufschwung der Konterrevolution. Labbadia gewann nur noch vier Spiele, Rangnick belegte in der Rückrundentabelle lediglich Platz zehn - und Klinsmann verlor seinen Job.

Als Uli Hoeneß auf der Pressekonferenz das "Scheitern des visionären Konzepts" verkündete, konnte er seine heimliche Genugtuung nur schwer verbergen. Und auch andere vermeintlich konservative Kräfte kommentieren das Ende des Konzeptfußballs durchaus süffisant.

"Wenn er Erfolg gehabt hätte, dann hätten wir anderen Vereine alle nach diesem neuen Konzept leben müssen", atmete etwa Frankfurt-Boss Heribert Bruchhagen auf. Wolfsburgs Felix Magath formulierte es noch deutlicher: "Ich frage mich schon lange, wie jemand, der keine Erfolge vorzuweisen hat, so einen gewaltigen Einfluss auf die gesamte Szene haben konnte."

Magath als Gegenreformation

Tatsächlich erscheint Magath als der personifizierte Sieg der Gegenreformation: Exzessive Videoanalysen hält er für Zeitverschwendung, Laktattests "bringen nichts", sein Co-Trainer Bernd Hollerbach ist ein einschlägiger Ex-Profi aus der Bundesliga - und nicht einer aus dem fußballerischen Ödland USA.

Anstelle eines hochmodernen Trainingszentrums ließ er sich in Wolfsburg einfach einen stattlichen Hügel für seine berüchtigten Bergläufe aufschütten. Für die Fitness seiner Spieler ist ein ehemaliger Bundeswehroffizier zuständig, der bunte Gummibänder höchstens in der rhythmischen Sportgymnastik sehen will.

Und Magath holte den Titel, während Klinsmann schon seinen Hund durch die bayerischen Voralpen spazieren führte und Rangnick den schlimmsten Absturz eines Herbstmeisters in der Bundesligageschichte erlebte.

Labbadia hat noch eine Chance

Einzig Bruno Labbadia hat noch die Chance auf einen Titel. Am Samstag im DFB-Pokal-Finale gegen Bremen. Doch ob selbst der als Ehrenrettung der Reformer reicht, ist unwahrscheinlich. Immerhin halten sich hartnäckig die Gerüchte, dass Labbadias Projekt in Leverkusen intern längst als gescheitert gilt. Am Montag nach dem Finale soll der Trainer im Falle einer Niederlage angeblich fliegen.

Bis zum Spieltag machen die Bayer-Verantwortlichen zwar nach außen hin noch gutes Wetter, doch Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser sagte auch sehr deutlich: "Von einem Treueschwur kann nicht die Rede sein. Das würde auch nicht zum schnelllebigen Fußball passen."

Vorbild Werder - Schaaf bleibt in Bremen

Und auch Manager Rudi Völler ließ auf der Abschluss-Pressekonferenz in Berlin die Chance verstreichen, sich eindeutig zu seinem Trainer zu bekennen. "Werder Bremen ist das Paradebeispiel, wie man mit kleineren und größeren Krisen umgeht", holte er etwas umständlich aus. "Auch wenn es Gegenwind gibt, sind die Gremien dort intern von ihrem Trainer überzeugt - und wischen alle Gerüchte eiskalt vom Tisch."

Tatsächlich sagte Werder-Sportchef Klaus Allofs gegenüber SPOX zu den Gerüchten über eine Trennung von Thomas  Schaaf: "Er wird auch im nächsten Jahr Trainer von Werder Bremen sein. So einfach ist das."

Labbadias harsche Kritik

Völler sagte das über Bruno Labbadia nicht. Er beschränkte sich darauf, die Vorbildfunktion der Bremer zu loben. Dem Vorbild folgen wollte er jedoch nicht. Vermutlich konnte er auch kein vergleichbar klares Statement abgeben - denn die Gremien sind nicht überzeugt. Vor allem Manager Michael Reschke sieht mit dem Trainer angeblich keine Zukunft mehr.

Und auch Labbadia selbst sieht mit Reschke "keine gemeinsame Arbeitsebene". In einem Interview mit der "SZ" droht der 43-Jährige nun seinerseits mit Rücktritt, sollten sich Denkweisen in der sportlichen Führung nicht grundlegend ändern: Der Reformer geht nun seinerseits in die Offensive. Er fordert Rückendeckung für seinen Kurs. Denn bislang, so Labbadia, sei er mit seinem Willen zur Veränderung "letztlich angeeckt". Er spricht sogar von einer "Kampagne" gegen sein Konzept.

Aus Weiß wird Schwarz

Die Kritikpunkte, die dabei gegen ihn ins Feld geführt werden, sind dabei praktisch die gleichen, die man auch Rangnick und Klinsmann vorhält. Bezeichnenderweise sind die meisten davon gerade die Umkehrung dessen, was in der anfänglichen Aufbruchseuphorie noch als explizite Stärke verbucht wurde.

Eine klare Handschrift und ein konsequenter Weg gelten nun als Eitelkeit und Sturheit. Als Labbadia in der Hinrunde de facto nur mit 14 Akteuren auskam, weil er immer dieselben Spieler ein- und auswechselte, war das nur konsequent. Heute gilt es als unflexibel, hilflos und borniert.

Innovation - oder nur Schnickschnack?

Als er vor der Saison ganzheitliche Konzepte predigte und, ähnlich wie Klinsmann, die Spieler den ganzen Tag über auf dem Vereinsgelände haben wollte, galt das als innovativ und teambildend. Heute gilt es als esoterischer Schnickschnack. Wie Rangnick und Klinsmann werden Labbadia nun Schwächen in der Mannschaftsführung vorgeworfen. Die Spieler sollen sich in einem Misstrauensvotum sogar explizit gegen den Trainer ausgesprochen haben.

Mit seinem langjährigen Co-Trainer Eddy Sözer bildete er in der erfolgreichen Hinrunde noch ein "Gespann wie Henke und Hitzfeld" ("Bild"). Heute muss sich sein Assistent vorwerfen lassen, dass er selbst nie Profi war. Der 40-Jährige ist gelernter Informatikkaufmann und als Trainer ein Quereinsteiger.

Letztlich aber sind es in erster Linie die fehlenden Ergebnisse, die gegen alle drei sprechen. Das klar formulierte Ziel "Qualifikation für das internationale Geschäft" hat Labbadia in der Bundesliga weit verfehlt.

Immerhin bleibt ihm aber noch die Hintertür über den DFB-Pokal. Ein Sieg am Samstag könnte seine Situation auf einen Schlag dramatisch verbessern. So einfach ist Fußball...

Labbadia kokettiert mit Abschied

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