WM-Qualifikation: Deutschland - Schweden

Demonstration und Groteske

Von Für SPOX bei der Nationalmannschaft: Stefan Rommel
Mittwoch, 17.10.2012 | 15:29 Uhr
Ratlosigkeit und gesenkte Köpfe: Das DFB-Team verspielte einen 4:0-Vorsprung gegen Schweden
© Getty
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Wie erklärt man ein Spiel, das kaum zu erklären ist? Die deutsche Mannschaft hat sich gegen Schweden mal wieder selbst zu Fall gebracht. So krass wie diesmal waren die Leistungsschwankungen aber noch nie.

Thomas Müller hielt zwei Meter Sicherheitsabstand. "Was soll man dazu noch sagen?", fragte er in die Kette der Journalisten. Müller ist ja jetzt keiner, der besonders staatstragend referiert. Sondern frei erzählt, wie er die Dinge so sieht. Ob positiv oder negativ. Normalerweise ist er ein verlässlicher Gesprächspartner. Diesmal sagte er: nichts.

Kommentarlos durchschritt Müller die Reihen. Diesmal wollte er nichts erklären, keine Witzchen reißen. Was kurz davor passiert war im Berliner Olympiastadion hatte Müller die Sprache verschlagen. Und das will was heißen bei einem wie ihm.

Die deutsche Nationalmannschaft hat am Dienstagabend eines ihrer absurdesten Spiele hingelegt in 104 Jahren Länderspielgeschichte des Verbandes. Sie hat einen 4:0-Vorsprung verspielt, wie es sonntags den Kreisligisten des Landes schon öfter mal passiert. Aber doch nicht dem Weltranglistenzweiten.

"Fußball ist ein Rätsel"

Völlig fassungslos standen die deutschen Spieler nach dem Schlusspfiff auf dem Feld. Die meisten waren einigermaßen verstört, nur Philipp Lahm schritt laut fluchend seine Mitspieler und einige Gegenspieler ab.

"Football fucking hell" ist eins der unzähligen Bonmots von Alex Ferguson. Der Sir lieferte es nach Manchester Uniteds 2:1-Sieg über die Bayern im Champions-League-Finale 1999. Das in Berlin war zum Glück kein Champions-League-Finale, nicht mal ein Endrundenspiel, sondern "nur" die Qualifikation dafür.

Vielleicht deshalb, vermutlich aber, weil er gar nicht so derbe reden kann wie Fergie, resümierte Schwedens Coach Erik Hamren nachher: "Fußball ist ein Rätsel." Gemeint hatte er aber in etwa dasselbe wie Ferguson damals.

Überragende 60 Minuten

"Natürlich ist das unerklärlich", sagte Bastian Schweinsteiger. "So etwas habe ich noch nie erlebt. Es darf nie im Leben passieren, dass wir nach 4:0 noch Punkte hergeben." Dieses 4:0 hatte nach gut einer Stunde Bestand und die deutsche Mannschaft war bis dahin in Phasen geradezu rauschhaft durch die gegnerischen Reihen geschnitten.

"Wir haben 60 Minuten lang den besten Fußball gespielt, seitdem ich dabei bin", sagte Schweinsteiger, der seit nunmehr über acht Jahren für die A-Nationalmannschaft des deutschen Fußball-Bunds aufläuft.

"Wir haben 60 Minuten überragend gespielt, was Kombinationen, Abschluss, Ordnung und Disziplin betraf", sagte sein Trainer. "60 Minuten war es eine großartige Leistung. Die Schweden waren 60 Minuten nicht vorhanden. Ibrahimovic und Elmander hat man 60 Minuten nicht gesehen."

Es funktionierte wirklich nahezu alles: Die verordneten Spielverlagerungen, die Diagonalpässe aus dem Zentrum auf die Außen. Das schnelle Spiel mit einem Kontakt durch die Mitte. Die Raumaufteilung der zentralen Mittelfeldspieler, der Druck auf den Ball, wenn der Gegner mal nicht hinterherlaufen musste. Gerne spricht man dann etwas inflationär von einer Demonstration. Das aber war in der Tat eine.

Groteske und "Ohnmachtsanfall"

Nur folgten den ominösen 60 Minuten eben auch noch weitere 30. Die wurden zu einer Groteske, die sich langsam anbahnte und von niemandem in Schwarz und Weiß einzudämmen war. Der "Ohnmachtsanfall", wie es der "Tagesspiegel" nannte, hatte offenbar mehrere Gründe.

"Wir haben nach dem 4:0 abgeschaltet", sagte Kapitän Philipp Lahm. "Nach den Toren bricht alles zusammen, das darf einer Spitzenmannschaft nicht passieren." Jeder sei ein paar Schritte weniger gelaufen, habe dem Mitspieler nicht mehr so exzellent geholfen wie in der Phase davor. Und dann diese individuellen Fehler.

Heutzutage wird ja vieles völlig richtig immer in einem größeren Kontext analysiert. Nicht nur die letzten zwei Aktionen gehen einem Gegentor voraus, sondern auch die drei, vier, fünf davor entscheiden über eine bedrohliche Situation für das eigene Tor.

Bei wenigstens zwei der vier Gegentore am Dienstag aber kann man es sich wie früher auch sehr leicht machen: Ballverlust Müller, Stellungsfehler Holger Badstuber, Gegentor. Stellungsfehler Badstuber, Torwartfehler Neuer, Gegentor. Es sind die immer alten Missstände, die diese Mannschaft nicht in den Griff bekommt.

Ein Remis wie eine Niederlage

Beim letzten Gegentreffer stellten sich nur vier deutsche Spieler im eigenen Strafraum gegen vier Schweden. In der letzten Minute der Nachspielzeit, bei einem Ein-Tore-Vorsprung. Einige Mittelfeldspieler, die man dort gerne verortet gesehen hätte, fanden nicht mehr die Muße, sich zwischen Ball und Tor zu orientieren - dabei war davor eine Aktion auf die Flanke abgewehrt worden und genügend Zeit, sich zu positionieren.

Die Schlussphase offenbarte die totale deutsche Hilflosigkeit auch in drei Gelben Karten, die sich nacheinander Marco Reus, Lahm und Schweinsteiger abholten für lächerliche Aktionen, die zumindest den beiden erfahrenen Bayern-Spielern so nie passieren sollten. Dass danach ein eigener Freistoß aus der gegnerischen Hälfte bis zurück zu Neuer gespielt wurde, leitete den Gegentreffer mit ein.

Also bleibt am Ende ein Remis, das einer Niederlage gleichkommt und noch für einige Diskussionen, wenigstens aber ungute Erinnerungen sorgen wird. Passiert ist deshalb nichts in der Gruppe C. Deutschland bleibt weiter Tabellenführer und hat jetzt nach 13 Siegen in Folge in einer Qualifikationsrunde ausnahmsweise mal nicht gewonnen.

Bei einem Erfolg gegen die Schweden hätte Deutschland schon sechs Punkte Vorsprung gehabt. Vielleicht hilft die gefühlte Niederlage, in den kommenden Spielen die Konzentration hoch zu halten. Wirklich sicher kann sich diese deutsche Mannschaft nämlich kaum noch sein.

Deutschland - Schweden: Daten und Fakten zum Spiel

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