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Deutschlands Sieg über Gibraltar

Was soll das eigentlich?

Samstag, 15.11.2014 | 13:44 Uhr
Richtig zufrieden war auf deutscher Seite trotz des deutlichen Sieges keiner
© getty
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Deutschland zeigt beim 4:0-Sieg über Gibraltar eine überschaubare Leistung. Bundestrainer Joachim Löw spart nicht mit Kritik. Aber kann man den Spielern überhaupt einen Vorwurf machen? Die Zuschauer waren in ihrem Urteil ziemlich gnädig, in Bremen hätte das wohl anders ausgesehen.

Es war ein wildes Durcheinander auf dem Rasen, alle klatschten sich ab, alle jubelten. Es kommt nicht oft vor, dass eine Mannschaft eine Ehrenrunde im Stadion dreht und dabei einer anderen folgt. Aber nach dem 4:0-Sieg der deutschen Nationalmannschaft am Freitagabend in Nürnberg gab es diese Szenen. Es sah ein bisschen so aus wie die Verfolgung beim Bahnrad.

Echte Sieger mischten sich mit gefühlten Gewinnern und echte Verlierer mit gefühlten Verlierern. Mario Götze tauschte das Trikot mit Joseph Chipolina, der das Leibchen des Torschützen im WM-Finale stolz nach Hause trug. Während Götze das Dress von Joseph Chipolina falsch herum überstreifte. Die Nummer drei Gibraltars prangte auf seiner Brust.

Löw "alles andere als zufrieden"

Es war nicht das Einzige, was an diesem Abend nicht wie angegossen passte. "Alles andere als zufrieden" sei er, sagte Bundestrainer Joachim Löw nach dem zweiten Sieg in der EM-Qualifikation im vierten Spiel. "Die Mannschaft hat die Erwartungen nicht in dem Maße erfüllt, wie wir uns das gewünscht haben."

Löw hatte im Vorfeld einen weltmeisterwürdigen Auftritt verlangt, nur davon war sein Team in den gesamten 90 Minuten weit entfernt. Die Mannschaft um Kapitän Manuel Neuer, der mit einer spektakulären Parade kurz vor der Pause sogar ein historisches Gegentor verhindern musste, ging das Spiel zwar seriös und konzentriert an, beendete es aber fahrig, lustlos und uninspiriert.

Weit weg vom Rekord

"Vor allem in der zweiten Halbzeit hat die Mannschaft einige Dinge falschgemacht", sagte Löw. So deutlich urteilt der Bundestrainer normalweise nicht in der Öffentlichkeit über seine Spieler. Aber auch er hatte sich wie die Öffentlichkeit einen Sieg mit deutliche mehr Toren erwartet.

Im Vorfeld wurde ja sogar der höchste Sieg der Länderspielgeschichte aus den Archiven gekramt. Ein 16:0 gegen Russland 1912 - zwölf Tore fehlten also zumindest zur Egalisierung.

Nürnberger Publikum zeigt Reue

Das Nürnberger Publikum ließ sich lange Zeit nicht vom teils belanglosen Treiben auf dem Rasen beeindrucken und feierte auch vier Monate danach noch den Weltmeistertitel sowie sich selbst. La Ola durfte natürlich dabei nicht fehlen.

Besonders Neuer, der gegen Spanien nicht im Tor stehen wird, wurde bei jedem Ballkontakt gefeiert. Im März 2013 wurde er beim Spiel gegen Kasachstan ausgepfiffen. Die Zuschauer hatten in dieser Hinsicht noch etwas gutzumachen. Und so blieb es dieses Mal bei vereinzelten Pfiffen am Ende der Partie.

Hätte das Spiel wie ursprünglich geplant in Bremen stattgefunden, das Votum der Fans wäre vermutlich anders ausgefallen. Die Bremer wären ja ohne Reuegefühl ins Spiel gegangen.

Warum keine Vorqualifikation?

Wie unsinnig so ein Spiel für Nationen der Größe Deutschlands ist, machten hinterher die Spieler deutlich. In der Endphase einer langen Saison, in der nochmal einige englische Wochen mit Europapokal und Ligabetrieb anstehen, "brauche ich solche Spiele nicht", sagte der doppelte Torschütze Thomas Müller.

Seine Kollegen trauten sich nicht, das ganz so offen zu sagen, aber es wurde schon klar, was sie darüber dachten. Nämlich: Was soll das eigentlich?

Neuer im Tor? CR7 im Sturm? Oder doch Modric im Mittelfeld? Macht mit beim offiziellen UEFA EM-Qualifikations-Managerspiel!

"Das wäre mal eine Idee", sagte Toni Kroos, als er von SPOX auf die Möglichkeit einer Vorqualifikation angesprochen wurde. "Aber nicht nur wegen den Spielen an sich, sondern weil wir dann ein, zwei Spiele weniger hätten im Jahr. Das würde ganz gut tun."

Spieler uneins in der Bewertung

Der vollgestopfte Terminkalender ist seit geraumer Zeit ein Thema in der Branche. Muss man dann nicht auch Verständnis haben, wenn die hoch belasteten Spieler im November einen so eindimensionalen Kick mal etwas schleifen lassen und nur Dienst nach Vorschrift machen?

In der Bewertung waren sich nicht mal die Spieler selbst einig. Müller meinte, "wir haben unseren Job erledigt", Max Kruse nutzte die Floskel "das Wichtigste sind die drei Punkte", während Jerome Boateng recht kritisch von einer "sehr schlechten zweiten Halbzeit" sprach.

Löw vermisst Bewerbungen

Dem Bundestrainer ging der Schongang nach dem Seitenwechsel auf jeden Fall zu weit. Er vermisste Spielfreude, hohes Tempo und natürlich Tore. "Es waren einige Spieler dabei, von denen ich dachte, sie können sich heute aufdrängen, aber das haben sie nicht gemacht." Kruse, Erik Durm, aber auch Lukas Podolski dürften sich angesprochen fühlen.

Nur, wie sollen einzelne Spieler funktionieren, wenn das Gesamtgebilde nicht funktioniert? Das Spiel war ein Muster ohne Wert. Experimente wie die Dreierkette können erst gegen deutlich stärkere Gegner Erkenntnisse liefern.

Löw hat ja angekündigt, dem Weltmeister im kommenden Jahr ein taktisches Facelifting zu verpassen, um die neuen Trends im Weltfußball nicht zu verpassen.

Momentan keine Top-Mannschaft

Ob er schon am Dienstag in Vigo gegen Spanien mehr Erkenntnisse bekommen wird, ist zumindest für Kroos fraglich. "Wir gehen personell am Stock gehen und haben momentan nicht die Top-Mannschaft wie bei der WM."

Und so bleibt die Partie des Weltmeisters gegen den amtierenden Europameister vor allem eine Möglichkeit, um sich nach der holprigen Post-WM-Phase mit einem positiven Bild aus dem so erfolgreichen Jahr 2014 zu verabschieden.

Löw erwartet zumindest eine Mannschaft, die "das Jahr positiv zu Ende bringt, eine andere Spannung und Leistung an den Tag legt". Das sollte sich machen lassen. Denn in einem Punkt waren sich in Nürnberg alle einig: "Spanien und Gibraltar kann man nicht vergleichen. Das wird ein ganz anderes Spiel."

Deutschland - Gibraltar: Daten zum Spiel

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