Das Ende der Schnitzerei

Von Jonas Rütten
Montag, 13.11.2017 | 13:24 Uhr
Marcel Halstenberg könnte kurz vor knapp noch auf den WM-Zug des DFB-Teams aufsteigen
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Marcel Halstenberg ist der 95. Debütant im DFB-Team während Joachim Löws Ära. Bei seinem ersten Auftritt im prestigeträchtigen Duell gegen England überzeugte der Linksverteidiger auf Anhieb. Halstenbergs DFB-Einstand war nicht nur wegen seines Alters überfällig, sondern auch, weil er mit seinen Qualitäten perfekt in Löws neues System passt. Für den Bundestrainer dürften die Zeiten, in denen er sich einen Außenverteidiger schnitzen musste, endgültig vorbei sein.

"Jeder der Fußball spielt, träumt davon, in der ersten Liga zu spielen. Und insgeheim träumt er bestimmt davon, für sein Land zu spielen", stellte Marcel Halstenberg vor etwas mehr als einem Jahr im Interview mit der Mitteldeutschen Zeitung fest. Er sei jetzt in der Bundesliga "und klar würde ich gerne den nächsten Schritt gehen."

Als am Freitag um 20 Uhr Ortszeit Schiedsrichter Pawel Raczkowski im Wembley-Stadion die 32. Auflage des Klassikers zwischen England und Deutschland anpfiff, ging Halstenberg diesen nächsten Schritt. Der geheime Traum vom ersten A-Länderspiel im DFB-Trikot wurde Realität. Auch wenn solche Phrasen schon immer klischeebehaftet waren, auf Halstenberg treffen sie zu. Schließlich schien eine Karriere in der Nationalmannschaft noch vor ein paar Jahren für ihn mehr als unwahrscheinlich.

Bei seinem Ausbildungsverein Hannover 96 hieß es über Halstenberg, ihm fehle gar das Zeug für die Bundesliga. Ein Amateurvertrag. Das war alles, was die Niedersachsen Halstenberg anboten. Enttäuschend und traurig sei das für ihn gewesen. Doch über den Umweg Borussia Dortmund II und dem FC St. Pauli belehrte er die damaligen 96-Verantwortlichen bei RB Leipzig mittlerweile eines Besseren. Dabei empfindet Halstenberg keine Genugtuung. "Das trifft es nicht", sagt der Linksverteidiger.

David Wagner spielt Schicksal bei Halstenberg

Und dennoch: Die Karriere von Halstenberg nahm erst verhältnismäßig spät richtig Fahrt auf. Das hing insbesondere mit dem heutigen Huddersfield-Trainer David Wagner zusammen. Der spielte 2011 als Trainer der Dortmunder Amateure beim damals 20 Jahre alten Halstenberg Schicksal und schulte ihn zum Linksverteidiger um. Eine Position, die dem Bundestrainer mehr als jede andere seit Jahren Kopfzerbrechen bereitet.

"Wir bauen dich jetzt mal hinten links auf", soll Wagner zum Unmut Halstenbergs gesagt haben, denn dieser war mit seiner Rolle als zentraler Defensivspieler gar nicht unzufrieden: "Ich war Innenverteidiger. Auch weil ich nicht so gern viel gelaufen bin." Vieles hat sich seither geändert: Halstenberg ist nach Marcel Sabitzer und Diego Demme der laufstärkste Akteur in Leipzig.

Auch sein Faible für die Innenverteidiger-Position hat er zwischenzeitlich verloren: "Außen ist man schon ein ganzes Stück freier als anderswo, sowohl nach vorne, als auch nach hinten." Eben jene Freiheit lebt Halstenberg auf dem Platz aus. Dabei kommt dem Stürmer aus Jugendzeiten besonders der Vorwärtsdrang entgegen, ohne dass er jedoch die defensiven Aufgaben vernachlässigen würde.

Halstenberg: Die Ideallösung für Löws System?

Diese Balance könnte Halstenberg auch für Joachim Löw und die Nationalmannschaft im Hinblick auf die WM 2018 in Russland noch wertvoll machen. Für sein 3-4-2-1-System benötigt Löw zwei verkappte und offensiv talentierte, aber nichts desto trotz disziplinierte Außenverteidiger. Ein Anforderungsprofil, das für Halstenberg wie gemalt zu sein scheint.

Der Bundestrainer bescheinigte ihm zuletzt "konstant gute Leistungen" und traf den Nagel damit auf den Kopf. Halstenberg gewinnt 60 Prozent seiner Zweikämpfe, ist schnell, schaltet sich konsequent ins Offensivspiel ein und ist für einen Außenverteidiger bemerkenswert kopfballstark (72,7 Prozent gewonnene Luftzweikämpf).

Das macht ihn bei Standards sowohl im eigenen, als auch im gegnerischen Sechzehner zu einem Faktor und hebt ihn zudem im DFB-Team von den Konkurrenten auf seiner Position ab. Dort hatte sich seit der EM 2016 Jonas Hector festgespielt. Die Süddeutsche Zeitung prognostizierte nach Hectors überzeugenden Auftritten beim Confed Cup, dass der Kölner bei der WM in Russland jedes Spiel machen werde, wenn er sich nicht verletze.

Dieser Fall ist allerdings eingetreten, Hector wird nach seinem Syndesmosebandriss voraussichtlich erst im neuen Jahr wieder spielen können. Sollte Hector bis zur WM wieder zurück zu alter Stärke finden, dürfte der Kölner wohl allein schon aufgrund seiner Erfahrung im DFB-Team gesetzt sein.

Doch bereits in der vergangenen Saison wies Halstenberg bessere Zweikampf- und Flankenwerte als Hector auf. Der Leipziger ist daher eine ernst zu nehmende Alternative, allerdings mangelt es Halstenberg im Vergleich noch an der Passgenauigkeit, besonders in der gegnerischen Hälfte. Bezeichnend dafür sind die elf Ballverluste, die er sich bei seinem DFB-Einstand leistete.

Löw und die Außenverteidiger: Das Ende der Schnitzerei

Dass aber überhaupt so etwas Ähnliches wie eine Konkurrenzsituation auf der linken Außenverteidigerposition entsteht, daran war vor gut fünf Jahren noch nicht zu denken. Damals sagte Löw fast schon resignierend über den Mangel an Positions-Spezialisten: "Ich kann sie mir im Moment auch nicht schnitzen."

Vor der WM 2018 hat er das gar nicht mehr nötig: Die Zeiten, in denen gestandene Innenverteidiger wie Benedikt Höwedes die Position hinten links bekleiden oder Spieler wie Dennis Aogo als Notlösungen herhalten müssen, scheinen angesichts des überzeugenden Halstenberg-Debüts, der sich anbahnenden Rückkehr von Hector und der Personalie Marvin Plattenhardt vorbei zu sein.

Plattenhardt hat im Vergleich zu Halstenberg bereits vier Spiele für die DFB-Auswahl absolviert und war Teil des Teams, das im Sommer den Confed Cup gewann. Gegen England erhielt allerdings der Debütant den Vorzug vor dem Herthaner, der 90 Minuten auf der Bank saß. Löw hatte Experimente angekündigt und dafür auch nicht mehr allzu viel Zeit.

Auch Plattenhardt ist vom Spielertyp her jemand, der die Außenverteidigerposition offensiver interpretiert und wie Hector gegenüber Halstenberg leichte Vorteile in Sachen Passgenauigkeit hat. Im Defensivverhalten ist Halstenberg beiden Konkurrenten allerdings einen Schritt voraus.

Löw dank Halstenberg vor der Qual der Wahl

Trotzdem wird am Dienstag gegen Frankreich (20.45 Uhr im LIVETICKER) aller Voraussicht nach Plattenhardt seine Chance bekommen. Mit seiner Leistung gegen die Three Lions empfahl sich Halstenberg aber nachhaltig. Der Linksverteidiger bestätigte den konstant guten Eindruck, den Löw in der Bundesliga von ihm gewonnen hatte und entschied knapp 63 Prozent der Zweikämpfe für sich - immerhin 20 Prozent mehr als Joshua Kimmich auf der anderen Seite.

Zudem waren die drei abgefangenen Bälle sowie die sieben Balleroberungen Top-Werte des DFB-Kollektivs. Auch deshalb gab sich der Bundestrainer angesichts des geglückten Debüts zufrieden: "Das war absolut in Ordnung. Marcel hat seine Aufgabe auf der linken Seite sehr gut gemacht."

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