Mehr als ein Papierflieger

Samstag, 11.11.2017 | 08:39 Uhr
Deutschland hat sich in Wembley von England mit einem 0:0 getrennt
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Die deutsche Nationalmannschaft hat beim 0:0 gegen England zwei Gesichter gezeigt. In der ersten Halbzeit boten die Teams gute Unterhaltung, im zweiten Durchgang sorgten die Zuschauer selbst dafür - so der Tenor nach der Nullnummer in Wembley. Trotzdem war es der nächste Schritt in der Weiterentwicklung des DFB-Teams.

45 Minuten Unterhaltung, 44 Minuten Langeweile, eine Minute Papierflieger. Das blieb offenbar hängen vom Test gegen die Three Lions. Erstmals seit 35 Jahren endete ein Duell der beiden Fußballnationen torlos. Nun, nicht komplett torlos, zählt man den Treffer des Papierfliegers hinzu.

Doch der Auftritt eines zusammengefalteten Stück Papier täuscht über die großartige Vorstellung der deutschen Elf in den ersten 45 Minuten hinweg. "In der ersten Halbzeit hatten wir drei, vier sehr gute Möglichkeiten, das war gut. Die Defensive stand insgesamt auch sehr, sehr gut, wir hatten eine gute Organisation", analysierte Joachim Löw nach Abpfiff des 20. Spiels ohne Niederlage in Serie.

Dass die DFB-Auswahl überhaupt zu diesen hochkarätigen Chancen gekommen ist, ist nicht der belächelten B-Elf der Engländer zuzuschreiben, sondern der Weiterentwicklung des neuen Systems der Deutschen.

Deutschlands neue Facette - Vorbild England?

Mit Ausnahme der Partien gegen Norwegen und Nordirland ließ Löw seit dem Confed Cup im 3-4-2-1-System spielen. Eine Formation, die ein gutes Umschaltspiel, einen hohen Spiel-IQ und variable Spieler einfordert. Ansonsten droht es im defensiven Chaos zu enden. Stichwort Balance.

Ein ähnliches System hat England-Coach Gareth Southgate neben dem klassischen 4-2-3-1 auf der Insel installiert. Und es hat auch gegen Deutschland funktioniert, trotz der vermeintlich schwächeren Spieler. "Wir wollten junge Spieler bringen. Es war ermutigend, es kamen ein paar neue Elemente ins Spiel. Wir haben durchaus eine Entwicklung erkannt", lobte der 47-Jährige seine Elf.

Klar agierten die Hausherren aufgrund des starken Gegners längst nicht so eigeninitiativ, die beiden dicht gestaffelten Abwehrreihen zogen den Deutschen in der zweiten Halbzeit jedoch den Zahn.

DFB-Team mit mehr Flexibilität

Eine Dreierkette, die im Spiel gegen den Ball zwei weitere Außenverteidiger hinzu bekommt. Davor drei, respektive vier Mittelfeldakteure. So haben es mittlerweile auch die Schützlinge von Joachim Löw verinnerlicht. Der Vorteil des neuen Spielsystems ist die Flexibilität. Nicht nur in der Offensive beim 3-4-2-1, sondern auch im Allgemeinen. Zwei funktionierende Systeme kann nicht jede Nationalmannschaft sein Eigen nennen.

Die beiden verkappten Außenverteidiger Joshua Kimmich und Marcel Halstenberg sollten sich auf den Flügeln in die Offensive mit einschalten. Dadurch wurden in diesem Fall Julian Draxler und Leroy Sane frei für das Zentrum. Draxler ordnete sich meist hinter der Spitze ein, Sane agierte um Werner herum.

Schnell war nahezu Gleichzahl im letzten Angriffsdrittel hergestellt - mit zwei von ihren Positionen losgelösten Spielern. Sane und Draxler hatten Narrenfreiheit. Vor allem der Shootingstar von Manchester City kam dadurch zu guten Torabschlüssen, die lediglich nicht belohnt wurden. "Wir hätten das Spiel früh entscheiden können. Es ärgert mich sehr, dass ich noch kein Tor für die Nationalmannschaft geschossen habe", haderte Sane.

Trotz der teilweise chaotisch anmutenden Ordnung gelang es dem DFB-Team, die Organisation im Umschaltspiel nicht zu verlieren - das Hauptproblem der ersten Gehversuche im neuen System, das sich laut Löw im zweiten Durchgang wieder einschlich: "Die Automatismen haben nicht so gegriffen, wie wir es uns gedacht haben."

Müde zweite Halbzeit eines klasse Testspiels

Schon am Donnerstag vor der Partie hatte Löw den Wunsch nach mehr Flexibilität geäußert. Das Team sollte auf einen Plan B ausweichen. Diesen etablierte der Bundestrainer im Jahr vor der WM Stück für Stück. Nach der gelungenen Testphase beim Confed Cup folgt nun der Feinschliff.

Dass die zweite Halbzeit dann Raum für Papierflieger geboten hat, zeugt vom Prozess, in dem sich Plan B noch befindet. "Wir müssen nach Ballgewinnen schneller umschalten, mit mehr Dynamik zum Tor ziehen. Das haben wir versäumt. Wir hätten besser im Umschaltspiel agieren können, es ist wichtig, dass wir das Richtung WM wieder einschleifen", sagte Löw.

Es war eben dann doch "nur" ein Länderspiel. Zwei nicht top besetzte Mannschaften trafen inmitten von richtungsweisenden Wochen auf Vereinsebene aufeinander, in denen der eine oder andere sicher gerne seinen Akku aufladen würde. Die zweite Halbzeit lässt keinen echten Schluss zu. Daher lautete Löws Fazit: "Es war ein klasse Testspiel für uns auf einem guten Niveau. Das war das Allerwichtigste."

Das lästige Jahr zwischen EM und WM? 2017 war Gold wert

Am Dienstag empfängt die DFB-Elf dann den nächsten ebenbürtigen Gegner. Frankreich kommt zu Besuch ins RheinEnergieStadion nach Köln (20.45 Uhr im LIVETICKER).

In welcher Grundordnung Löw gegen die Franzosen spielen lässt? "Das weiß ich noch nicht", lautete die Antwort des 57-Jährigen. Das ist der Vorteil eines Plan B, der in einer Nationalmannschaft aufgrund der wenigen Spiele schwer zu installieren ist.

Das Jahr 2017 mag kein großes Turnier bereitgehalten haben, für die Entwicklung der deutschen Mannschaft war es Gold wert.

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