Schluss mit Konjunktiv

Montag, 10.10.2016 | 13:56 Uhr
Ilkay Gündogan feierte gegen Tschechien sein Comeback in der Nationalmannschaft
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Ilkay Gündogan stand beim 3:0-Sieg der deutschen Nationalmannschaft über Tschechien am Samstag nach fast einem Jahr erstmals wieder für das DFB-Team auf dem Platz. Sein Einfluss auf Deutschlands Spiel könnte riesig sein. Gündogan ist zurückgekommen, um diesen Konjunktiv endlich verschwinden zu lassen.

Hätte, wenn und aber: Es ist der Konjunktiv, der Gündogans Karriere in den vergangenen Jahren prägte. Entsprechend war kaum jemand darüber verwundert, dass beim Trainingsauftakt der Nationalmannschaft am Mittwoch krankheitsbedingt nur einer fehlte: Ilkay Gündogan. Wieder einmal. Deutschland hat sich einfach daran gewöhnt, den 25-Jährigen in der Rolle des Pechvogels zu sehen - beziehungsweise nicht zu sehen.

Sein vielversprechendes Debüt für die A-Nationalmannschaft gab er im Oktober 2011. Seitdem absolvierte Deutschland 67 Länderspiele, Gündogan gerade einmal derer 17. Der Ex-Dortmunder verpasste nicht nur den WM-Titel mit dem DFB-Team verletzungsbedingt, sondern auch die EM in diesem Jahr in Frankreich.

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"Wenn man so lange raus war wie ich", sagte Gündogan vergangene Woche, "stellt man sich irgendwann die Frage, ob man noch mal auf ein so hohes Niveau kommt."

Nicht nur ein Stürmer-Problem

Wie sehr Gündogan dem DFB in den vergangenen Jahren fehlte, ist natürlich rein hypothetisch. Die kommenden Monate könnten aber zeigen, dass diese Frage mit "sehr" zu beantworten ist.

Der deutsche Trainerstab analysierte die EM abschließend mit einem nicht ganz überraschenden Fazit: Ballbesitz ist gut, Tore sind besser. Schon länger gibt es in der deutschen Öffentlichkeit eine Stürmerdiskussion. Den klassischen Mittelstürmer verkörpert offenbar nur noch Mario Gomez, die mitspielende falsche Neun Mario Götze. Und wenn Thomas Müller mal gerade nicht müllert, sieht es in Sachen Torausbeute mau aus. Der Killer fehlt. Deutschland hat keinen Ronaldo, Griezmann oder Lewandowski.

Was dem DFB-Team womöglich aber genauso fehlte, war ein Spieler, der die Abschlusssituationen aus dem Rückraum stringent vorbereitet. Gündogan.

Gündogan sieht Lücken und bestraft sie

"Er kann viel Qualität ins Spiel bringen. Ich glaube, dass er für unser Spiel demnächst sehr wichtig wird", kündigte Löw bereits Gündogans tragende Rolle im Mittelfeld an. Trotz des Überangebots an guten bis sehr guten Spielern im Zentrum ist Gündogan schließlich ein Unikat geblieben.

Von seinem Naturell her ist Gündogan bereits offensiver ausgerichtet als Toni Kroos und Sami Khedira. Wie Kroos ist Gündogan extrem ballsicher, jedoch spielt er deutlich vertikaler als der Madrilene. Er sucht viel häufiger die Lücke im Zentrum der gegnerischen Viererkette und verlagert seltener auf die Außen. Kroos ist mehr der zermürbende Ballverteiler, Gündogan der bestrafende Schnittstellenspieler.

Seine Pässe in die Spitze sind schärfer als die von Mesut Özil und ohnehin gefühlvoller als die von Khedira. Er bringt Fähigkeiten mit, die sich in dieser Zusammensetzung bislang noch nicht im deutschen Team wiederfinden.

Viel 'neuer' als Kroos und Götze

Kaum jemand zweifelt daran, dass sich Deutschlands hohe Spielqualität durch einen dauerhaft einsetzbaren Gündogan noch einmal erhöhen würde. "Seine Kreativität ist ein sehr belebendes Element für unser Spiel", sagt Löw, der ihn schon 2012 zum "Unersetzbaren" in der deutschen Mannschaft kürte. Die Aussage machte der Bundestrainer gar nicht einmal zu früh, jedoch ist sie aufgrund Gündogans anschließender Verletzungshistorie längst in Vergessenheit geraten.

Wohl nur deshalb ist man 2016 etwas vorsichtiger mit großen Gündogan-Prognosen und -Hoffnungen geworden. Der heute 25-Jährige ist auf dem Papier schon viele Jahre dabei und doch scheint ihn Deutschland als Spieler noch gar nicht richtig zu kennen. Er wirkt viel 'neuer' als die jüngeren Mario Götze und Julian Draxler und vor allem als der kaum ältere Toni Kroos.

Alle Spiele und Termine: Der DFB-Fahrplan bis zur WM 2018 in Russland

In den vergangenen drei Jahren hat er nur neun Länderspiele mitgemacht, drei davon über die vollen 90 Minuten. 619 Tage war er krank oder verletzt, über ein Jahr lang quälte ihn eine rätselhafte Rückenverletzung, die sich im Nachhinein als Nervwurzelreizsyndrom herausstellte.

Vielleicht ist es nur eine Art Selbstschutz, dass Gündogan davon spricht, er bringe "mit 25 ja schon eine gewisse Erfahrung" mit und habe sich "nicht viele Gedanken über das Comeback" gemacht. Die elenden Niederschläge hätten ihn zermürben können. Gündogan ließ das aber nicht zu.

Schluss mit hätte, wenn und aber

Mittlerweile hat Gündogan bei seinem neuen Verein Manchester City sportlich wieder Fuß gefasst. Fünf Mal stand er für die Citizens bereits auf dem Platz, er wirkte dabei spritziger und spielfreudiger als er das beim BVB zuletzt inmitten seines Verletzungs-Hoppings tat.

Mit Pep Guardiola hat er seinen Wunschtrainer - und umgekehrt der Katalane seinen Wunschspieler. "Gündogan or nothing", mag Guardiola zwar nicht gesagt haben, eingesetzt hat er sich für den deutschen Nationalspieler aber schon vor seinem Job in Manchester. Gündogan hat den vielleicht größten Förderer im Weltfußball an seiner Seite. Das wird seinem Spiel alles andere als schaden.

Bleibt er fit, ist Gündogan auf dem besten Weg zum großen Weltstar - und für Löw dann auch schon ganz bald wieder "unersetzbar". Es soll jetzt Schluss sein mit Konjunktiv.

Gegen Nordirland, das am Dienstag (20.45 Uhr im LIVETICKER) "in der Defensive tiefer stehen wird als Tschechien", wie Gündogan einschätzt, wird er wohl von Beginn an ran dürfen. Gut möglich, dass das Mittel, Diagonalbälle auf die Außenbahnen zu schlagen, dann nicht mehr so effektiv ist. Dem Zentrum wird deshalb wieder eine größere Rolle zukommen. Gut für Gündogan. Gut für Deutschland.

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