Süßer Triumph mit bitterer Note

Von Für SPOX in der Allianz Arena: Florian Bogner
Mittwoch, 31.03.2010 | 11:26 Uhr
Die Garanten für Bayerns 2:1-Sieg: Franck Ribery (l.) und Ivica Olic machten gegen ManUtd die Tore
© Getty
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Der FC Bayern München sieht sich nach dem Last-Minute-Sieg über Manchester United auf Augenhöhe mit den Großen - auch, weil Louis van Gaal rechtzeitig sein glückliches Händchen wiederfindet. Durch das Auswärtstor hält der angefressene Sir Alex Ferguson jedoch noch ein paar Trümpfe in der Hand.

So gelöst hat man Louis van Gaal als Bayern-Trainer selten erlebt. Auf der Pressekonferenz nach dem Last-Minute-Sieg gegen Manchester United war er so gut aufgelegt, dass er fast schon mit den Journalisten flirtete - ein noch nie dagewesenes Szenario.

Auf die Frage, ob es denn ein Sieg des Offensivfußballs gewesen sei, weil er auch nach dem 1:1 noch offensiv gewechselt hatte, meinte der Coach generös: "Das dürfen Sie entscheiden." Und auf die Nachfrage, ob es deswegen für ihn ein besonders süßer Erfolg gewesen sei, sagte er schon fast bestätigend: "Süß ist das richtige Wort."

Vielleicht schmeckte van Gaal der Sieg ja besonders gut, weil er diesmal ein glückliches Händchen bewiesen hatte - und Ivica Olic zum ersten Mal in dieser Champions-League-Saison durchspielen ließ.

"Ein Sieg der Leidenschaft, des Willens und des Charakters"

Beim 1:2 gegen Stuttgart am Wochenende hatte er den Kroaten noch zur Halbzeit ausgewechselt, wie schon 17-mal in dieser Saison. Olic reagierte sauer, van Gaal ließ ihn diesmal bis zum Ende drin - der Kroate dankte es ihm mit dem Siegtreffer in der Nachspielzeit (90.+2).

"Es war ein Sieg der Leidenschaft, des Willens und des Charakters. Die Mannschaft hat alles gegeben, um dieses Spiel noch umzubiegen", frohlockte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge.

Dank einer Energieleistung im zweiten Durchgang hatte Bayern ein übermächtig erscheinendes ManUtd in die Schranken gewiesen. "Keiner hat uns zugetraut, dass wir gegen diese große Mannschaft überhaupt eine Chance haben. Jetzt haben wir eine kleine Chance", so der Bayern-Boss.

Van Gaal lobt Olic und sich selbst

Siegtorschütze Olic heimste sich indes ein Extra-Lob von van Gaal ein. "Olic ist immer scharf", sagte der Coach leicht frivol und lobte sich gleich selbst mit: "Ich denke auch, dass es schlau von diesem Trainer war, ihn auf der rechten Seite spielen zu lassen, damit er nach innen ziehen und mit links ein Tor erzielen kann."

Van Gaal meinte damit den Schachzug, Olic nach der Einwechslung von Miroslav Klose und Mario Gomez in den Schlussminuten auf rechts zu beordern. So kam der Kroate überhaupt erst in den Genuss, die Schlafmützigkeit von Patrice Evra beim 2:1 ausnutzen zu können.

Überhaupt hatte van Gaal sein Team sehr gut eingestellt - und dass, obwohl die Bayern auf ihren Mittelfeldmotor Bastian Schweinsteiger und den Ausnahmespieler Arjen Robben verzichten mussten. Dafür berief van Gaal etwas überraschend Danijel Pranjic und Hamit Altintop in die Startelf, Anatolij Tymoschtschuk und Klose mussten von draußen zusehen.

Bayern mit Mittelfeld-Hoheit

Derart umformiert schafften es die Bayern dennoch, die Hoheit im Mittelfeld zu erobern. Und dass obwohl Sir Alex Ferguson, wie in Auswärtsspielen der Champions League üblich, auf drei zentrale Mittelfeldspieler gesetzt hatte. Die Taktik ging nicht auf, Ferguson musste sogar schon Mitte der ersten Halbzeit reagieren und Michael Carrick und Paul Scholes die Positionen tauschen lassen.

Vor der Partie hatte van Gaal noch zugegeben, neidisch auf die Ordnung im Spiel von ManUtd zu sein - nach diesem Spiel musste er das nicht mehr sein. "Wir haben heute als Mannschaft besser gespielt als ManUtd", meinte der Coach und entsprach damit dem Urteil seines Gegenübers, der kurze Zeit später mit hochrotem Kopf auf dem Podium saß und mit seinem Team überhaupt nicht zufrieden war.

"Wir haben die Bälle zu leicht hergegeben", sagte Ferguson immer wieder. "Aber wenn man den Ball weggibt, dann muss man auch verteidigen. Das haben wir nicht gut gemacht. Das ist nicht zu erklären und eine Riesenenttäuschung für mich." Der Gram des Gegners war für van Gaal die höchste Anerkennung.

Ferguson: "Das Spiel ist noch nicht aus"

Dass Ferguson beim Verlassen der Arena nicht alles kurz und klein hackte, lag wohl am Auftakt der Partie: Schon nach 64 Sekunden hatte Manchester nach zwei Unachtsamkeiten von Martin Demichelis durch Wayne Rooney das wichtige Auswärtstor und so eine gute Ausgangslage für das Rückspiel erzielt. "Ein Auswärtstor ist immer ein Vorteil. Das Spiel ist noch nicht aus. Wir haben gute Chancen, aber es ist eng", sagte Sir Alex.

Ferguson gab hinterher allerdings auch zu, dass das frühe Tor Gift für das Spiel seiner Mannen war: "Es stimmt, dass ein Tor manchmal auch zu früh fallen kann. Wir mussten nicht dafür arbeiten." Eher zufällig in Führung geraten, schaltete ManUtd kontinuierlich runter und nach der Pause sogar in den Leerlauf, was von immer stärker werdenden Bayern bestraft wurde. "Das Gute an dem Gegentor war, dass wir noch 88 Minuten Zeit hatten", sagte Thomas Müller.

Und als Franck Riberys abgefälschter Freistoß nach 76 Minuten endlich ins Netz segelte, hatte auch der Letzte in der Arena begriffen: Heute ist noch mehr drin für die Bayern. "Nach dem 1:1 haben wir uns angesehen und gemerkt, dass wir noch die Kraft haben, um weiter nach vorne zu spielen", berichtete Daniel van Buyten über die Stimmungslage auf dem Spielfeld vor den turbulenten Schlussminuten.

Was ist mit Wayne Rooney?

"2:1 ist nicht das beste Ergebnis. Ich wollte eigentlich 0:0 oder 1:0 spielen", sagte van Gaal zur Ausgangslage vor dem Rückspiel in acht Tagen, verwies aber auch darauf, dass der FCB auswärts immer ein Tor macht. "Drei in Haifa, eins in Bordeaux, vier in Turin, zwei in Florenz - das sind viele Tore", rechnete er vor.

Zumal die Bayern aller Voraussicht nach im Old Trafford wieder auf Robben zurück greifen können, Schweinsteiger ist sicher wieder dabei. Auf des Gegners Seite droht indes Wayne Rooney auszufallen, der in der Schlussminute umknickte und vom Platz getragen werden musste. "Hoffentlich ist es nicht so schlimm, aber wir müssen die Untersuchungen abwarten", sagte Ferguson und versuchte damit ein bisschen Optimismus zu verbreiten. Englische Medien spekulieren derweil über einen Ausfall von vier bis sechs Wochen.

Keine Niederlage im OT

Worin sich beide Teams für das Rückspiel nichts nehmen: Beide haben am Wochenende in der Liga Spiele mit vorentscheidendem Charakter zu absolvieren: ManUtd tritt zuhause gegen Chelsea an, Bayern auf Schalke. Kräfte wird keiner der beiden Kontrahenten sparen können.

In der FCB-Kabine habe deshalb nach dem Last-Minute-Sieg auch keine große Euphorie geherrscht, berichtete Rummenigge, aus selbiger kommend: "Der Fokus ist schon total auf Schalke gerichtet. Wir wissen, dass wir am Samstag auf keinen Fall verlieren dürfen." Und am nächsten Mittwoch am besten auch nicht. Aber im Old Trafford haben die Bayern ja sowieso noch nie verloren.

Analyse: ManUtd-Keeper van der Sar der Star des Spiels

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