"Die Bayern sind extremer als Barca"

Dienstag, 06.05.2014 | 09:52 Uhr
Frank Wormuth leitet die Trainerausbildung beim DFB und coacht die deutsche U 20
© getty
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Der FC Bayern München und Trainer Pep Guardiola gerieten nach dem Aus gegen Real Madrid in die Kritik. Frank Wormuth, Trainer-Chefausbilder und U-20-Nationalcoach des DFB, analysiert die Taktik der Bayern sowie ihre Stärken und Schwächen. Außerdem erklärt er den Unterschied zwischen Konter- und Umschaltspiel, schwärmt von Real Madrid und erklärt mit dem Akronym ASTLB, warum Innenverteidiger alter Schule wieder en vogue sind.

SPOX: Nach dem Champions-League-Ausscheiden gegen Real Madrid wird Bayerns Trainer Pep Guardiola teils heftig kritisiert. Zu recht?

Frank Wormuth: Es liegt wohl in der Natur unserer modernen Gesellschaft und vor allem der Medien, nur schwarz und weiß zu sehen. Bis zu einem gewissen Punkt kann ich aber auch die Kritik an der Spielweise nachvollziehen. Die Bayern übertreiben es manchmal: Sie spielen zwar wie der FC Barcelona, aber nur noch schlimmer. Aber ich meine es positiv schlimm, so komisch sich das anhört. Ich mag das Spiel der Bayern. Zählen Sie die Ballkontakte einer normalen Bundesliga-Mannschaft in des Gegners Hälfte. Im Schnitt ist nach fünf, sechs Kontakten der Ball weg, das ist doch schade. Dabei können die Teams alle Fußball spielen, nur fehlt manchmal das Vertrauen, unter Druck den Ball zu halten. Die Bayern demonstrieren dieses Vertrauen und sind dabei sogar noch extremer als Barcelona, wenn die Außenverteidiger bei Ballbesitz im zentralen Bereich agieren. Das hat selbst Barcelona nicht gemacht.

SPOX: David Alaba und Philipp Lahm oder Rafinha, die Außenverteidiger der Bayern, rücken im Angriff extrem weit ein und bleiben untypisch für Ihre Position nie an der Außenlinie haften und laufen sehr selten zur Grundlinie durch, um zu flanken. Spielt Bayern den radikalsten Fußball Europas?

Wormuth: Den konsequentesten Fußball auf jeden Fall, weil Guardiola in der Außensicht nur offensiv denkt. Sein Thema ist die Überzahl in Ballnähe und durch die Überzahl in der Mitte schafft es Guardiola, dass der Gegner deswegen auch in die Mitte rücken muss. So steht außen immer mindestens ein Spieler frei wie Franck Ribery oder Arjen Robben. Unter Jupp Heynckes gab es das regelmäßige Hinterlaufen der Außenverteidiger noch, aber das hat Guardiola weitestgehend abgeschafft, weil so viele Spieler wie möglich, inklusive der Außenverteidiger, an der Ballzirkulation im zentralen Bereich teilnehmen sollen. Die Taktik ist an sich nicht zu beanstanden, sonst wären die Bayern nicht Meister geworden und könnten den Pokal holen. Guardiolas Philosophie ist vollkommen in Ordnung.

SPOX: Allerdings wird jetzt über die Kaderzusammenstellung spekuliert.

Wormuth: Guardiolas Fußball geht nur mit Spielern, die sich auf engstem Raum behaupten können, dafür hat er jetzt schon die richtigen Leute. Thiago passt super rein. Philipp Lahm fühlt sich sehr wohl in der zentralen Position, weil man ihm mit seinem tiefen Körperschwerpunkt den Ball kaum wegnehmen kann. Gleichzeitig beherrschen die Bayern das Element der diagonalen Flugbälle über die Innenverteidiger oder Toni Kroos und Bastian Schweinsteiger, die selbst am Sechzehner mit einem langen Ball die Seite wechseln können, um den gegenüberliegenden einfach besetzten Flügel anzuspielen und so den Gegner in die Breite zu ziehen.

SPOX: Dennoch war Real Madrid überlegen.

Wormuth: Der Nachteil des Bayern-Spiels ist, wenn sie den Ball verlieren, das Gegenpressing nicht funktioniert und der Gegner seinerseits mit langen, diagonalen Flugbällen auf seine Außenspieler agiert. Ihre Innenverteidiger gehen selten raus auf die Flügel, sondern halten die Mitte, die Außenverteidiger aber folgen nicht dem Prinzip des Fallens bei Ballverlust, sondern gehen immer voll drauf, oft auch im Zentrum. Das eröffnet jedem Team tolle Möglichkeiten, gegen Bayern zu gewinnen. (lacht)

Real Madrids Heatmap beim 4:0 im Rückspiel - Das offensive Zentrum ist verwaist

SPOX: Wie meinen Sie das?

Wormuth: Ich hätte es in der Bundesliga gerne mal gesehen, wenn eine Mannschaft gegen die Bayern auf beide Stürmer im Defensiverhalten verzichtet und damit nur mit acht Mann verteidigt hätte. Dafür stellt man die beiden eingesparten Spieler auf Linksaußen und Rechtsaußen. Jedes Mal bei Ballgewinn müsste die Mannschaft den Ball blind nach vorne auf die eine Seite schlagen und von da wieder blind auf die andere Seite, weil auch die Bayern ballorientiert verschieben. Nürnberg hatte es ansatzweise versucht und hier und da war zu erkennen: Wenn die Ballannahme nach dem ersten Flugball gelungen wäre und dann der zweite Flugball auf die gegenüberliegende Seite geklappt hätte, dann hätte man sich immerhin aus der Umklammerung lösen können und wäre vor dem Tor von Manuel Neuer gestanden.

SPOX: So spielte Real vor allem im Rückspiel. Oder auch in der Runde zuvor Manchester United im Hinspiel: Stürmer Danny Welbeck stellte sich bei jedem Angriff auf die gegenüberliegende Seite an die Außenlinie und Wayne Rooney hatte die Aufgabe, den Ball sofort diagonal nach vorne zu schlagen.

Wormuth: Da sieht man es: Schon vor Real hatten Mannschaften einen Plan gegen Bayern. Aber es bedarf natürlich individueller Qualität, um diesen Plan umzusetzen. Und natürlich Vertrauen in diesen Plan.

Seite 1: Der FC Bayern und das System Pep Guardiola

Seite 2: Bayerns Schwächen im Umschaltspiel und Reals Plan B

Seite 3: Die neue alte Rolle des Innenverteidigers und ASTLB

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