Fussball

"Die Bayern sind extremer als Barca"

Frank Wormuth leitet die Trainerausbildung beim DFB und coacht die deutsche U 20
© getty

SPOX: Was nicht nur bei Ancelotti deutlich wird: Um die defensive Stabilität nicht zu gefährden, wird zur Not auf das offensive Element verzichtet. Besonders auffällig ist das in der Innenverteidigung. Noch vor kurzer Zeit wurde vorausgesagt, dass dort vor allem Spielstärke entscheidend sei. Doch bei drei der vier Champions-League-Halbfinalisten agieren vor allem die Beißertypen. Bei Real sind es Sergio Ramos und Pepe, bei Atletico Diego Godin sowie Miranda - und Chelsea setzt sogar auf vier Innenverteidiger gleichzeitig: John Terry und Gary Cahill innen sowie Branislav Ivanovic rechts und David Luiz auf der Sechs. Ein Trend?

Wormuth: Die aufgeführten Spieler sind ja keine reinen Zerstörer, aber klar ist: Ein Innenverteidiger soll vor allem verteidigen. Er soll stark im defensiven Zweikampf und im Kopfball sein, schnell sein, den Ball ablaufen und im Notfall grätschen ohne ein Foul zu begehen. Egal ob der gegnerische Stürmer mit dem Rücken zu einem steht oder auf einen zuläuft. In den letzten Jahren kam zum Anforderungsprofil hinzu, von hinten heraus das Offensivspiel anzutreiben. Wenn die gegnerische Mannschaft hoch steht und früh angreift, dann wird der Vierer/Fünfer automatisch zum Spieleröffner. Dennoch darf man nicht vergessen, dass ein Innenverteidiger im Eins-gegen-eins stark sein muss und ein gutes Zweikampfverhalten die Grundlage bleibt. Ohne jemanden zu nahe treten zu wollen, aber wie sich Jerome Boateng gegen Bremen von Aaron Hunt beim zweiten Gegentor ausspielen ließ, nachdem er mit hohem Tempo zurückgesprintet kam, war kein optimales Abwehrverhalten. Ich glaube, ein John Terry hätte es anders gelöst. Ich bin überzeugt, dass ein Trend im Gange ist, bei dem der Fokus auf starke defensive Zweikämpfer, aber mit dennoch guter Spieleröffnung bei den Innenverteidigern gelegt wird.

SPOX: Besonders in Deutschland werden häufiger Sechser zu Innenverteidigern umfunktioniert. Wie sehr unterscheidet sich das Zweikampfverhalten auf den beiden Positionen?

Wormuth: Das grundsätzliche Zweikampfverhalten ist für alle Positionen gleich und lässt sich mit dem ASTLB-Modell analysieren. ASTLB ist in der Trainerausbildung ein Akronym und steht für Anlaufen, Stellen, Tempo aufnehmen, Lenken, Ballerobern. Das sind also die fünf Phasen des Verteidigens im Eins-gegen-eins. So muss sich der Trainer nicht in Phrasen verlieren und sagen, dass man einfach nur nicht aggressiv genug war, um einen verlorerenen Zweikampf zu erklären. Mit dem ASTLB versteht man differenzierter, in welcher Phase ein Fehler passiert. Beim Boateng-Beispiel gegen Hunt lag das Problem gleich im A, beim Anlaufen. Boateng lief nicht richtig an, er lief im Grunde an Hunt vorbei, ohne einzukalkulieren, dass der Gegenspieler aufzieht. Anhand des ASTLB lässt sich ziemlich gut analysieren, ob ein Spieler in der Lage ist, als Innenverteidiger zu spielen.

SPOX: Was halten Sie von Guardiolas Entscheidung, Javi Martinez in die Innenverteidigung zurückzuziehen?

Wormuth: Als gelernter Sechser beherrscht er das ASTLB fast in Vollkommenheit, weil dort die Gegenspieler immer aus allen vier Richtungen auf einen zukommen, so dass man ein gutes Gefühl für den richtigen Abstand bekommt. Daher bringt er einiges mit für die Position. Wobei in der Innenverteidigung der Druck ein anderer ist: Auf der Sechs hat er immer Unterstützung von allen Seiten, auf der Vier muss er sich meist alleine durchsetzen - und wenn er einen Zweikampf verliert, gibt es zwangsläufig eine gegnerische Großchance. Und: Ich weiß nicht, ob Martinez schnell genug ist für ganz hinten. Es ist zwar Jammern auf hohem Niveau, aber wenn wir von Perfektionismus sprechen, glaube ich, dass jemand wie Boateng eher einen Gegner ablaufen kann als Martinez.

SPOX: Die Abwehr ist das dominante Motiv der Champions League, diese Saison scheint die Rückbesinnung auf das Mantra des Verteidigens zu markieren. Von den vier Halbfinalisten weist nur Bayern im Schnitt einen Ballbesitz von mehr als 60 Prozent auf, bei Real und Chelsea sind es rund 50 Prozent, bei Atletico Madrid nur 45 Prozent. Ist das Zufall?

Wormuth: Mantra ist ein gutes Wort, weil diese Rückbesinnung in der Tat etwas Wiederholendes ist. Es gibt in der Geschichte des Fußballs immer Phasen, die in unterschiedlichen Zeiten nur in einem anderen Kleid auftauchen. In den letzten Spielen der Champions League wurde wieder etwas mehr Wert auf die Defensive gelegt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass zukünftig alle Mannschaften sich nur noch auf das Kontern verlegen werden. Ich glaube eher, dass Elemente des Bayern-Spiels auch von etwas schwächeren Mannschaften übernommen werden, vor allem das Element der Ballzirkulation. Im letzten Drittel den Ball so zu halten wie die Bayern, ist für die meisten Mannschaften zu schwierig, aber warum nicht im zentralen Bereich, wo mehr Raum vorhanden ist? Wenn der erste Angriff nicht sofort gestartet werden kann, könnte es die beste Option sein, den Ball nicht durch zu riskantes Spiel zu verlieren, sondern im zentralen Bereich per Dreiecksspiel geduldig zu passen und sich gute Gelegenheiten zu erspielen. Geduld ist ohnehin ein Wort, das mir in der Bundesliga zu kurz kommt. Was mir an den Bayern besonders gefällt: Sie zeigen, wie wertvoll es sein kann, Geduld im Spiel zu haben, nicht gleich den ersten Ball zum Abschluss zu suchen und Vertrauen ins eigene Spiel zu haben. Das ist aus der Sicht eines Trainers und Trainer-Ausbilders eine ganz tolle Geschichte.

Seite 1: Der FC Bayern und das System Pep Guardiola

Seite 2: Bayerns Schwächen im Umschaltspiel und Reals Plan B

Seite 3: Die neue alte Rolle des Innenverteidigers und ASTLB

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung