Fussball

"Die Bayern sind extremer als Barca"

Frank Wormuth leitet die Trainerausbildung beim DFB und coacht die deutsche U 20
© getty

SPOX: Nach dem 0:4 gegen Real wurde das mangelhafte Umschaltspiel der Bayern bemängelt. Wie sehen Sie das?

Wormuth: Zunächst einmal müssen wir den Begriff Umschaltspiel differenzieren. Es gibt das defensive Umschaltspiel, bei dem es darum geht, wie sich eine Mannschaft nach Ballverlust verhält, und es gibt das offensive Umschaltspiel, bei dem es darum geht, wie eine Mannschaft nach Ballgewinn agiert.

SPOX: Und?

Wormuth: Sorry, ich muss weiter differenzieren. Beim defensiven Umschaltspiel gibt es zwei Verhaltensweisen: Zum einen das Fallen in Richtung des Balles, dass man im Fußballjargon "Gegenpressing" nennt. Und zum anderen das Fallen hinter den Ball. Bei den Bayern ist definitiv eine positive Entwicklung im Gegenpressing erkennbar. Unter Louis van Gaal wurde sehr positionsbezogen, sehr starr gespielt. Jupp Heynckes weichte es leicht auf, bei Guardiola ist das jetzt variabel bis zum geht nicht mehr. Übertrieben formuliert: Die Spieler dürfen im Zentrum herumlaufen, wie sie wollen, um in Vierecken oder Dreiecken den Ball zirkulieren zu lassen. Das hat den Hintersinn, dass bei Ballverlust sehr viele Spieler in Ballnähe sind, um sofort den ballführenden Gegenspieler zu jagen, also "gegenzupressen". Beim Fallen hinter den Ball ist aber noch Entwicklungspotenzial vorhanden.

SPOX: Doch was ist mit dem offensiven Umschaltspiel?

Wormuth: Hier muss zwischen dem schnellen Konter und dem ruhigen Spielaufbau unterschieden werden. Das Kontern haben die Bayern nicht so verinnerlicht, alleine deswegen, weil die Übung fehlt. Die Gegner stehen häufig so tief, dass man gar nicht dazukommt, einen Konter zu setzen. Aber es ist auch nicht unbedingt die Spielidee von Pep Guardiola. Sein Thema ist die kontrollierte Ballzirkulation. Das hat allerdings zur Folge, dass die Bayern nur über einen Plan A verfügen, den sie durchziehen. Unter van Gaal und Heynckes war das Ballbesitzspiel bereits gut ausgeprägt, doch es gab auch das Kontern. Die Bayern von heute haben dieses schnelle Umschalten nicht unbedingt als Ziel.

SPOX: Andersherum wurden die Bayern selbst häufig ausgekontert, nicht nur von Real.

Wormuth: Nun, das war dem nicht optimalem Gegenpressing und dem mangelnden Verhalten als Team zu entscheiden, ob gejagt oder eher gefallen werden muss, geschuldet. Die Viererkette der Bayern ist aktuell so konditioniert, dass sie nach vorne verteidigt, was aber dem klassischen Verhalten einer Viererkette nicht entspricht. Wenn ein gegnerischer Ballführer auf eine Kette zulaufen kann, dann heißt es, sich grundsätzlich trichterförmig bis zum Strafraum fallen zu lassen.

SPOX: Zurzeit wird auch viel über die Vorteile des Konterspiels gegenüber dem Ballbesitzfußball diskutiert.

Wormuth: Um den Ausbilder wieder einmal sprechen zu lassen: In der Ausbildung unterscheiden wir zwischen dem Konterspiel und der Konteraktion. Beim klassischen Konterspiel steht eine Mannschaft tief und wartet, bis der Gegner kommt und kontert sie aus: Balleroberung, erster Blick nach vorne, sehr schnell in die Spitze spielen, vorne erst kurzkommen statt langgehen und das alles in einer Zeit zwischen sechs und zehn Sekunden, um den Abschluss zu finden. Das ist eigentlich das Spiel der Schwächeren. Bei der Konteraktion schaltet man überall auf dem Platz schnell um. Warum? Weil der Gegner in einer geöffneten Position ist und die Schnittstellen zwischen den Spielern groß sind, in welche man dann sehr gut Pässe spielen kann.

SPOX: Im Rückspiel zeigte sich Real facettenreicher, oder?

Wormuth: Nun, Real wechselte zwischen dem klassischen Konterspiel und der Konteraktion ständig hin- und her. Was die Spanier zudem gut machten: Um die Ballzirkulation der Bayern gar nicht beginnen zu lassen, stellten sie den Torabstoß von Manuel Neuer zu. So zwang man die Bayern zu Fehlpässen in Form von Flugbällen. Wenn die spanische erste Abwehrreihe, also die spanischen Stürmer, von den Bayern überspielt wurden, ging es bei Real sofort ab nach hinten, um massiv zuzumachen, also ein Konterspiel aufzuziehen. Genauso muss man gegen spielstarke Mannschaften spielen. Im zentralen Bereich hat man kaum Möglichkeiten, an den Ball zu kommen, also gilt die Devise: entweder ganz vorne oder ganz hinten verteidigen.

Die Fehlpässe des FC Bayern im Rückspiel gegen Real Madrid

SPOX: Ist es die größte Leistung von Reals Coach Carlo Ancelotti, dass Madrid nicht nur Plan A besitzt, sondern auch einen Plan B - obwohl er wie Guardiola erst seit letzten Sommer die Mannschaft trainiert? Von sehr offensiv wie im zweiten Liga-Clasico gegen Barca oder im Hinspiel gegen Dortmund bis zu sehr defensiv wie im Hinspiel gegen Bayern war alles dabei.

Wormuth: Die Ausgangslage ist ähnlich wie bei Bayern: Real besitzt ebenfalls technisch überragende Spieler, die gerne den Ball laufen lassen und allgemein das Ballbesitzspiel mögen. Dennoch gelang es Ancelotti, dass die Stars genau das machen, was nötig ist. Und dazu gehört offensichtlich, einen Plan B zu besitzen, der ganz klar erkennbar ist. Für einen beobachtenden Trainer und Trainer-Ausbilder ist es etwas ganz Feines, Real zu sehen.

SPOX: Aber wann hatte Ancelotti angesichts der englischen Wochen die Zeit, Plan B trainieren zu lassen?

Wormuth: Die Frage ist, ob er das überhaupt trainieren lassen muss. Die Spieler auf dem Niveau sind komplett, vielleicht reicht es deswegen auch, nur eine Woche darüber zu sprechen. In dem Bereich des Hochleistungssports genügt auch eine gute Ansprache. Chelseas Andre Schürrle sagte nach dem Hinspiel gegen Atletico, dass Jose Mourinho ihm nur gesagt hätte, dass er nach der Einwechslung nichts nach vorne machen, sondern hinten zumachen solle. Wenn solche fast perfekten Topspieler von der Sinnhaftigkeit der Maßnahme überzeugt sind, kann das funktionieren. Aber vielleicht hat es Ancelotti auch bereits in einer der beiden Saisonvorbereitungsphasen trainiert?

SPOX: Vor der Saison wurde gestritten, ob Real mit Mesut Özils Verkauf einen Fehler begangen hat. Über ihn spricht jetzt keiner mehr. Welche Rolle hätte Özil in der neuen Real-Mannschaft mit der 4-3-3-Grundordnung finden können?

Wormuth: Gegen die Bayern im Grunde nur die Position des Mittelstürmers. Als Neuner, der im Konterspiel die Bälle vorne festmachen oder selbst gehen kann. Im Mittelfeld wäre es schwierig geworden, weil die Offensive seine Stärke ist und er defensiv zwar die Räume gut zustellen kann, wenn er gewillt ist, aber auf dem Niveau die nicht perfekte Defensivarbeit vom Gegner ausgenutzt werden kann. Dennoch bin ich überzeugt, dass Özil in der Offensivstrategie von Ancelotti immer einen Platz gefunden hätte.

Seite 1: Der FC Bayern und das System Pep Guardiola

Seite 2: Bayerns Schwächen im Umschaltspiel und Reals Plan B

Seite 3: Die neue alte Rolle des Innenverteidigers und ASTLB

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung