BVB: Herausforderung Spagat

Von Jochen Tittmar
Mittwoch, 18.09.2013 | 12:47 Uhr
Hatten sichtlich Spaß auf der PK vor dem Neapel-Spiel: Nuri Sahin (l.) und Trainer Jürgen Klopp
© getty
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Bei Borussia Dortmund haben sich auch vor der dritten Champions-League-Teilnahme (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) in den letzten drei Jahren die Vorzeichen verändert. Nach der Lernphase in Jahr eins und der sensationellen Weiterentwicklung in der abgelaufenen Spielzeit rückt nun der Spagat zwischen Liga und Königsklasse in den Fokus.

In Nyon blieb für den BVB alles beim Alten. Zwar tauchte Borussia Dortmund bei der Auslosung der Champions-League-Gruppenphase diesmal bereits in Topf drei auf, doch wie schon in den Vorjahren wurden die Westfalen nicht gelost, sondern erneut einer Gruppe zugeordnet.

Damit hat es sich aber schon mit den Gemeinsamkeiten. Aufgrund zweier gänzlich unterschiedlicher Spielzeiten in der Königsklasse, die von Misserfolgen und Sensationen geprägt waren, haben sich für Dortmund die Vorzeichen auch vor der dritten internationalen Saison in Serie noch einmal verändert.

Vor zwei Jahren trat der Überraschungsmeister mit einer Vielzahl von Spielern an, die während ihrer Karrieren unter der Woche meist das heimische Sofa und nicht europäische Stadien belagert hatten. Dazu stolperte der BVB sportlich über eine Mischung aus eigener Unbedarftheit und Naivität.

Die Champions League als vollkommen eigenständig zu betrachtender Wettbewerb, dem man spieltaktisch anders als den Partien in der Bundesliga begegnen muss, entpuppte sich damals als noch zu große Hürde. Enttäuschung und medialer Aufschrei waren groß.

Veränderte Parameter

Das wandelte sich bei Versuch Nummer zwei unerwartet ins absolute Gegenteil, dessen Dimension immer noch nachhallt und gerade deshalb auch die Parameter vor dem jetzigen Start in die CL-Saison 2013/2014 verändert.

Die grandiosen Leistungen der Schwarzgelben auf dem Weg nach Wembley, als man zunächst eine hochkarätig besetzte Gruppe gewann und über die anschließenden Highlight-Partien gegen Malaga und Madrid ins Finale einzog, haben sowohl das biedere Vorjahr komplett verdrängt, als auch die Erwartungshaltung vor der aktuellen Saison deutlich nach oben verschoben.

Dortmund fühlt sich nun in Europa angekommen, da die Einzelteile der Mannschaft ungemein wertvolle Erfahrungen gesammelt haben und sich auch der Fußball des BVB in diesem Wettbewerb gewissermaßen europäisiert hat.

"Wir wissen, dass wir auch nicht so schlecht sind, unsere Grenzen noch lange nicht erreicht haben und sie auch gar nicht sehen wollen", sagte Trainer Jürgen Klopp.

Watzke: "Wir sind die gleichen geblieben"

Auch der Anspruch, den man an sich selbst formuliert, ist jetzt zu Recht ein anderer: Der BVB gab schon vor der Gruppenauslosung das Überwintern in Europa als Ziel aus, auch wenn Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke für das, was danach kommen könnte, Realismus walten lässt.

"Es hat sich eine Menge verändert. Aber das tangiert uns nicht. Wir sind immer noch die gleichen geblieben. Als Borussia Dortmund kannst du nicht davon ausgehen, dass du einfach so wieder das Champions-League-Finale erreichst."

Watzkes Einschätzung muss geteilt werden, aber es bleibt ebenso festzuhalten, dass die Borussia in der ausgeglichenen Gruppe mit Arsenal, Marseille und Neapel nun als Favorit wahrgenommen wird. Eine Rolle, die die Dortmunder in der Liga seit Jahren von sich weisen und mit der sie sportlich auch nie wirklich klarkamen.

Was die reine Formulierung des Dortmunder Anspruchs nicht beinhaltet, jetzt aber der nächste Entwicklungsschritt sein muss, ist das Antreten des Beweises, den Spagat zwischen Bombast und Braunschweig auf lange Sicht meistern zu können.

Will heißen: Die Mannschaft muss die Doppelbelastung, der man nun mit einem noch weiter ausgeglichenen Kader entgegentritt, so wegstecken, dass man bei der Verteilung der Silberwaren am Saisonende überall noch Aktien hält.

Deja-vu bei Auswärtsreisen

Das frühe Ausscheiden in Jahr eins half Dortmund dabei, die Rückrunde in der Liga mit dem Doublesieg abschließen zu können. Das schnell verlorene Rennen gegen den FC Bayern in der Bundesliga war im Vorjahr der Grund, weshalb sich der Blickwinkel zunehmend in Richtung Königsklasse verlagerte.

Die DFL hat nun mit der Terminierung der Spieltage die Strapazen zwischen Königsklasse und Bundesligaalltag zumindest für die Hinrunde maximiert, Dortmund muss nach jedem CL-Auswärtsspiel auch in der Liga in die Fremde reisen (Nürnberg nach Neapel, Schalke nach Arsenal, Hoffenheim nach Marseille).

Im Vorjahr war das kurioserweise auch der Fall. Damals holte der BVB sieben von neun Zählern, ließ zuvor jedoch bereits einige Punkte liegen, so dass diese Tatsache nicht allzu sehr ins Gewicht fiel wie aktuell.

Klopp steht mit seinem Team wieder an einer Schwelle, deren erfolgreiches Überwinden zur Weiterentwicklung von Verein und Individuum beitragen wird.

Dortmund hat international also wie in den Vorjahren seine Lernfähigkeit zu bestätigen, um das Szenario vor vier Monaten, als man als weit abgeschlagener Zweiter und auf dem letzten Zahnfleisch nach London kam, nicht zu wiederholen.

Schwächen bei Standards und der Chancenverwertung

Wie sehr der beste Saisonstart der Vereinsgeschichte zur Herausforderung Spagat beitragen wird, lässt sich selbstverständlich noch nicht absehen. Fest steht jedoch, dass der BVB von Spiel zu Spiel immer ein Stückchen mehr ins Rollen kam und sich besonders die Abstimmung im offensiven Umschaltspiel weiter verfestigte.

Bleiben allerdings zwei altbekannte Problemfelder, die offenbar nicht zur Gänze abgestellt werden konnten und dem Unterfangen unter dem Strich dauerhaft nicht zuträglich sein werden.

Dortmund lässt zum einen eine Vielzahl an Chancen ungenutzt. 64 Torschüsse gegen Bremen und Hamburg sind zwar außerordentlich gut, daraus "nur" sieben Treffer zu erzielen ist angesichts der Qualität der Gelegenheiten und der Dortmunder Offensivabteilung aber mehr als steigerungsfähig.

Hinzu kommt eine mittlerweile nicht mehr von der Hand zu weisende Problematik bei Defensivstandards. Eine Fortführung der Schwäche aus dem Vorjahr, als der BVB zwar hinter Mainz die kopfballstärkste Defensive der Liga stellte, aber 29 Prozent der insgesamt 42 Gegentore nach Standardsituationen kassierte.

In den Meisterjahren gehörte dies noch zur Paradedisziplin, nun scheint ein bereits ausgemachtes Konzentrationsproblem nicht vollständig behoben worden zu sein.

Ab sofort Champions-League-Modus

Watzke forderte die Mannschaft vor dem Auftaktspiel beim SSC Neapel auf, ab sofort in den "Champions-League-Modus" des Vorjahres umzuschalten. Am Vesuv dürfte der BVB gezwungen sein, die beste Saisonleistung auszupacken.

Im grandiosen Stadio San Paolo erfolgt die erste echte Prüfung, bei der man "richtig gut verteidigen" wolle, sagt Klopp. "Wir werden feststellen, dass es noch eine Spur intensiver wird in der Liga gegen den HSV."

Klappt das Anknüpfen ans Bewährte, könnte auch in der Königsklasse sportlich gesehen alles beim Alten bleiben. In der letzten Saison kassierte Dortmund in den ersten fünf Auswärtsspielen keine Niederlage...

Borussia Dortmund in der Übersicht

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