Thomas Schaaf im SPOX-Interview

"Die Mannschaft gibt die Spielweise vor"

Von Interview: Oliver Wittenburg
Dienstag, 24.08.2010 | 09:15 Uhr
Thomas Schaaf ist seit dem 1. Juli 1972 Mitglied bei Werder Bremen
© Getty
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Thomas Schaaf geht in seine zwölfte Saison als Cheftrainer von Werder Bremen. Der 49-Jährige spricht im Interview über den verpatzten Saisonstart, über Marko Arnautovic, den nächsten Philipp Bargfrede und Fußball-Systemdiskussionen in der Öffentlichkeit.

SPOX: Herr Schaaf, was genau ist in Hoffenheim am vergangenen Wochenende schief gelaufen?

Thomas Schaaf: Wir haben das Spiel trotz der frühen Führung aus der Hand gegeben und uns den Dingen ergeben. Das darf nicht passieren, aber genau das haben wir gemacht. Wenn man uns am Mittwoch zuvor gegen Genua gesehen hat, dann ist das schon enttäuschend.

SPOX: Ist das als Auftaktprogramm zu stramm?

Schaaf: Man kann immer diskutieren. Zum einen will man nach so einem zusätzlichen Turnier wie einer WM eine längere Pause und fängt etwas später an, zum anderen wünscht man sich, schon den einen oder anderen Wettkampf bewältigt zu haben, bevor man in so eine Qualifikation geht wie wir.

SPOX: Ihre Vorbereitung lief auch nicht ganz optimal wegen der WM-Abstellungen.

Schaaf: Wir haben eine sehr lange Pause gehabt und sicherlich Nachwehen durch die WM. Es ist klar, dass man nicht ganz zufrieden ist, wenn man länger auf Spieler verzichten muss. Dann kommen Verletzungen dazu: Bei uns ist es Naldo und natürlich schmerzt es, dass er uns fehlt.

SPOX: Werden Sie aufgrund Naldos Verletzung noch mal auf dem Transfermarkt aktiv werden?

Schaaf: Wir werden sehen, was für uns machbar ist und was im Defensivbereich noch geht. Wir werden aber weiterhin nur sinnvolle Dinge angehen. Es ist gut, dass der Transfer von Wesley bereits geklappt hat.

SPOX: Bei Werder hat sich in der letzten Saison ein neues System etabliert. Weg von der Raute, hin zu zwei defensiven und drei offensiven Mittelfeldspielern und nur einer Spitze. In der Vorbereitung haben Sie auch ein 4-3-3 einüben lassen. Welche Formation bevorzugen Sie?

Schaaf: In den letzten Jahren hat es kaum größere Neuerungen gegeben und es ist auch schwer, immer wieder etwas Neues zu erfinden, das hat ja auch die WM gezeigt. Man muss schauen, welche Spieler man zur Verfügung hat. Wir wollen in der Lage sein, mehrere Varianten umzusetzen.

SPOX: Und wie hat Ihnen Ihre Mannschaft mit drei Spitzen gefallen?

Schaaf: Das ist sicher eine Option für uns, wenn man so besetzt ist wie wir. Mit einer hohen Individualität.

SPOX: Vom Anstoß weg oder gebunden an eine bestimmte Situation?

Schaaf: Man will doch versuchen, das Beste für eine bestimmte Situation oder einen bestimmten Gegner zu finden. Ich bin da nicht so festgelegt. Die Spielweise gibt mir auch die Mannschaft vor.

SPOX: Systemdiskussionen sind in der Öffentlichkeit ganz stark in Mode. Was halten Sie davon?

Schaaf: Systeme sind doch nur Grundformen mit fließenden Übergängen. Nur weil vorne einer durchgegangen ist, können sie doch nicht sagen, ob das jetzt ein offensiver Mittelfeldspieler, eine hängende Spitze oder einer aus der offensiven Dreierreihe war. Es geht nur um eine prinzipielle Anordnung. Wichtig ist dann die Interpretation als Mannschaft, was man aus den einzelnen Positionen macht.

SPOX: Im letzten Sommer empfahl sich ein gewisser Philipp Bargfrede in der Vorbereitung und startete dann in die erste Mannschaft durch. Gibt es jetzt wieder einen jungen Spieler, der einen ähnlichen Weg gehen könnte?

Schaaf: Philipp hat das über die Saison geschafft, wie soll ich das also jetzt schon wissen? (lacht) Den einen oder anderen gibt es aber schon, der vielleicht ein bisschen näher dran ist und den ich im Hinterkopf habe.

SPOX: Zum Beispiel?

Schaaf: Ich bin eher nicht geneigt, einen Namen zu nennen, allein schon aus dem Grund, weil ich finde, dass man die Jüngeren aus dem ganzen Geschehen heraushalten sollte, um nicht zu früh schon das Augenmerk auf sie zu legen.

SPOX: Es ließ sich aber nicht vermeiden, dass sich aller Augen auf einen ganz Jungen in Ihrem Team gerichtet haben. Um Marko Arnautovic gab es einigen Wirbel.

Schaaf: Überlegen Sie mal, welche Zeit wir haben. Die WM ist zu Ende, die Saison läuft gerade erst an und schon hat man jemanden gefunden, auf den man sich stürzt. Genauso ist es gelaufen. Natürlich hat er auch dazu beigetragen. Er ist ein extrovertierter Typ, der für die Medien interessant ist, weil er in das eine oder andere hineinrennt.

SPOX: Aber was hat er denn ausgefressen, dass er solch herbe Kritik erntet?

Schaaf: Es ist doch nun mal so, dass über einen neuen Spieler mehr berichtet wird und die Mitspieler nach ihm gefragt werden und dass Vorfälle, die gar nicht so außergewöhnlich sind, besonders herausgestellt werden. So war das auch im Trainingslager in Österreich, als er eine Extrarunde laufen sollte. Ich komme ins Hotel zurück und mache den Fernseher an und die erste Nachricht, die mir da entgegen kommt, heißt: 'Eklat um Arnautovic'. Dabei war es eine völlig alltägliche Geschichte. Da hat man einen gesucht und mit ihm einen gefunden, der das zulässt. In der Hinsicht muss er sicher noch dazulernen.

SPOX: Es ist aber nicht das erste Mal, dass er aneckt. Es gibt beispielsweise Aussagen von ehemaligen Jugendtrainern, die sein Sozialverhalten kritisieren.

Schaaf: Wenn man sich nicht selbst ein Bild gemacht hat, kann ich nur dringend empfehlen, vorsichtig mit solchen Aussagen umzugehen. Sonst hat man ganz schnell seinen Beitrag dazu geleistet, jemanden in eine Schublade zu stecken, wo der dann erst mal nicht mehr rauskommt.

SPOX: Marko Arnautovic ist erst 20 Jahre alt. Kann es sein, dass er vielleicht nicht gut beraten war, so früh zum Beispiel schon zu Inter zu gehen?

Schaaf: Nehmen Sie doch einfach nur die Fakten. Es muss doch einiges sehr gut gelaufen sein, denn so ohne weiteres bekommt man keinen Vertrag bei Inter Mailand. Im Moment wird aber nur das Negative gesehen. Genau davor warne ich.

SPOX: Was erwarten Sie von ihm?

Schaaf: Wir glauben, dass wir einen Spieler gefunden haben, der viele gute Dinge hervorbringen kann. Und wir wollen mit ihm diesen Weg gehen. Wir wissen um die Dinge, die falsch gelaufen sind, umsonst kriegt man nicht so ein Image. Wir gucken aber nicht in die Vergangenheit, sondern gehen mit ihm so um, wie wir ihn kennengelernt haben. Wenn es nicht funktionieren sollte, werden wir das rechtzeitig erfahren.

SPOX: Ist er das außergewöhnliche Talent, wie es immer heißt?

Schaaf: Deshalb spielt er ja bei Werder Bremen. Weil wir ihn für einen sehr guten Fußballer halten, der über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt. Deshalb waren wir so interessiert an ihm. In der Vorbereitung hat er sich gut gezeigt, hat gut trainiert. Er ist noch nicht auf dem Level, auf dem wir ihn haben wollen, aber dafür fehlen auch noch die Wettkämpfe. Er hat eine Saison lang bei Inter ja fast gar nicht gespielt.

SPOX: Die Bayern gelten als haushoher Favorit auf den Meistertitel. Wolfsburg und Schalke haben viel Geld in die Hand genommen. Wie sieht Ihre Zielsetzung aus?

Schaaf: Wir wollen natürlich ganz oben dabei sein. Geld ist nicht alles, aber es sorgt natürlich für gute Voraussetzungen. Ich glaube aber, dass wir gut aufgestellt sind, was unseren Kader betrifft und über die letzten Jahre gute Vorarbeit geleistet haben. Wir prüfen natürlich auch etwaige Veränderungen, aber zum jetzigen Zeitpunkt sind wir gut aufgestellt.

SPOX: Wie sieht's mit dem Titel aus?

Schaaf: Wenn er machbar ist: gerne.

SPOX: Teilen Sie die allgemeine Einschätzung über den FC Bayern. Viele sehen den Titelverteidiger der Konkurrenz meilenweit voraus?

Schaaf: Damit habe ich kein Problem. Das können von mir aus viele behaupten. Sie haben natürlich die besten Voraussetzungen und werden deshalb als Nummer eins gehandelt. Aber alle anderen werden versuchen, das zu verhindern.

SPOX: Glauben Sie, die Bayern könnten schwächeln, weil so viele Spieler ihrer Spieler bis zum Turnierende bei der WM waren?

Schaaf: Das kann ich nicht beurteilen. Aber wenn jemand so etwas kompensieren kann, dann ist das ja wohl Bayern München.

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