Ballack: Der richtige Mann am rechten Fleck

Von Oliver Wittenburg/Andreas Lehner
Dienstag, 16.03.2010 | 15:42 Uhr
Michael Ballack wechselte nach der WM 2006 vom FC Bayern zum FC Chelsea
© Imago
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Michael Ballack trifft mit Chelsea im Rückspiel des Champions-League-Achtelfinals auf Inter Mailand mit Ex-Coach Jose Mourinho (20.30 Uhr im LIVE-TICKER und auf SKY). Die Jagd nach seinem ersten großen internationalen Titel hat der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft nicht aufgegeben. Die vielen verpassten Chancen und der Einfluss von Carlo Ancelotti scheinen ihn noch fokussierter gemacht zu haben.

Michael Ballack hat eine gesunde Einstellung zum Alter. Er preist die Vorzüge und schweigt sich über die Schattenseiten aus. Beneidenswert.

Michael Ballack hat eine gesunde Einstellung zum Erfolg. Er weiß, was er hat und er weiß, was ihm fehlt.

Um beides macht er kein großes Aufheben.

Wer glaubt, dass Ballack dem bislang unerfüllten Traum von einem großen internationalen Titel hinterherhechelt wie besessen, der irrt.

Wer glaubt, dass Ballack alles dafür tut, seine Vita um den Zusatz Champions-League-Sieger, Welt- oder Europameister zu ergänzen, ist im Bilde.

Mourinhos Rückkehr an die Stamford Bridge

Genau am rechten Fleck

Jüngste Mutmaßungen, Ballacks andauernde Vertragsverhandlungen mit dem FC Chelsea seien ein Indiz dafür, der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft ziehe möglicherweise eine neue Herausforderung in Erwägung, sind spekulativ.

Alle Anzeichen sprechen für eine Verlängerung an der Stamford Bridge. Finanziell sei alles geklärt, sagt Ballack selbst und einzig offen noch die Laufzeit. Am wahrscheinlichsten erscheint eine fixe Zusage bis zum Sommer 2011 mit einer Option auf eine weitere Saison.

Nein, Ballack wird Chelsea nicht den Rücken kehren und Chelsea wird Ballack nicht gehen lassen.

Der 33-Jährige ist genau am rechten Fleck und würde den Teufel tun und seine Ambitionen mit einem Wechsel gefährden. Einen besseren und passenderen Klub gibt es für ihn nicht - oder nicht mehr.

Sachzweck statt Ego

Ohnehin scheint Ballack in London sein Glück gefunden zu haben. Für einen Prominenten seiner Gewichtsklasse lebt es sich in der Weltstadt an der Themse recht privat.

Für die Revolverjournaille ist er nicht schillernd genug und zugleich zu solide. Der objektive Beobachter schätzt die Klugheit seiner inzwischen in sehr gutem Englisch geäußerten Aussagen. Auch verwechseln immer weniger Leute Distanziertheit mit Arroganz.

Im Team des FC Chelsea genießt Ballack höchstes Ansehen. Man kann gerne bei Frank Lampard nachfragen, der sich nicht schlecht wunderte, wie sich ein Star von Ballacks Kaliber für die Mannschaft einsetzt und dabei sein eigenes Ego dem Sachzweck unterordnet.

"Mitläufer" und "nicht weltklasse"

Die Geister scheiden sich dennoch gerne im Ringen um eine angemessene Beurteilung von Ballacks sportlichem Leistunsvermögen. Und gerade im eigenen Land ließ die Wertschätzung für den gebürtigen Sachsen im Laufe der letzten Jahre stark nach.

Sicher hatte Ballack nicht nur Hochphasen in seiner Chelsea-Zeit, doch strafte er Zweifler und Kritiker stets durch Leistung und Durchsetzungsvermögen Lügen.

Sei es die Einschätzung von Franz Beckenbauer, der Ballack einst als "Mitläufer" titulierte oder die eines Oliver Bierhoff, der ihm das Prädikat "weltklasse" aberkennen wollte, - sie dürften an anderer Stelle für Belustigung ob ihrer Oberflächlichkeit oder Empörung ob ihrer Dreistigkeit gesorgt haben.

Hiddink setzt Mutation in Gang

Geschmunzelt haben damals vielleicht Guus Hiddink und Carlo Ancelotti. Hiddink hatte während seiner Stippvisite als Trainer (Februar 2009 bis Saisonende) an der Stamford Bridge erkannt, dass Ballack die Spritzigkeit und Durchschlagskraft früherer Jahre abhanden gekommen waren und setzte die Mutation des Deutschen zum Defensivstrategen in Gang.

Ancelotti führte den Prozess in der laufenden Saison zur Vervollkommnung weiter. Aus dem vormals torgefährlichsten Mittelfeldspieler Europas wurde der perfekte Rollenspieler im neuen Mittelfeldsystem der Blues.

Die richtigen Entscheidungen treffen

Ballack spielt für gewöhnlich den rechten Part der Ancelotti'schen Mittelfeldraute. Bisweilen auch den zentral defensiven. Dort wirft er genau die Qualitäten in die Waagschale, wegen derer ihn sein italienischer Klubtrainer rühmt.

Ballack sorgt dafür, dass Chelsea Dominanz ausstrahlt, läuft Kilometer um Kilometer fressend brach liegende Räume zu, gewinnt wichtige Zweikämpfe und haut, wenn nötig, auch mal dazwischen. Dazu kommen ein präzises Passspiel und eine überragende Spielübersicht. Ballacks größtes Pfund: Er macht keine Fehler.

Seine und Ancelottis Fußballphilosophie erklärt er gegenüber der "Times" so: "Für mich heißt Fußball auf diesem Niveau, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es gelingt vielleicht nicht zu hundert Prozent, aber wenn du nahe rankommst, dann gewinnst du im Normalfall."

Und Chelsea habe die nötige Erfahrung, um nahezu immer richtig zu liegen.

Das Glück der Raute

Als größten Gewinn der noch jungen Ära Ancelotti sieht Ballack die Einführung der Raute im Mittelfeld der Blues im Unterschied etwa zum 4-3-3 von Jose Mourinho.

"Mit der Raute haben wir mehr Ballbesitz. Drei Mittelfeldspieler halten den Ball und der vierte drückt dem Spiel seinen Stempel auf. Wenn man mit drei Stürmern spielt, versucht man den Ball schneller nach vorne zu bringen und in der Spitze mit Eins-gegen-Eins-Situationen zum Erfolg zu kommen. Das ist etwas ganz anderes."

Er sieht mit Ancelottis System auch eine größere Variabilität gegeben als je zuvor während seiner dreieinhalb Jahre in England.

"In der Raute hat immer ein anderer Spieler Freiräume und unsere große Stärke ist, auf jeder Position im Mittelfeld so viel Qualität zu haben, dass es keine Rolle spielt, wer der freie Mann ist - er kann das Spiel entscheiden."

Die Rolle des Entscheiders überlässt Ballack mehr und mehr den anderen. Frank Lampard und Florent Malouda haben in der Offensive mehr Qualitäten als in der Defensive. Dennoch bringt er es bei 25 Liga-Einsätzen (22 von Beginn an) auf vier Tore und vier Assists.

Was bringt Ballack?

Ballack habe vielleicht nicht mehr die Leichtigkeit, "Herz und Seele" bei Chelsea zu sein, meint England-Kenner und Sat.1-Kommentator Wolff C. Fuss, doch glänze er stattdessen durch seine "Omnipräsenz" auf dem Platz.

Mourinho versah Ballack einst mit dem Etikett "untouchable", anno 2010 darf man den 33-Jährigen getrost als unverzichtbar im System Ancelotti bezeichnen.

In einem Chelsea-Blog diskutierten Blues-Fans vor einiger Zeit über Ballacks Wert für die Mannschaft. Die Antwort war: Das merke man, wenn er nicht dabei ist.

"Immer noch große Ziele"

Ballack selbst stellt an sich fest: "Wenn man älter wird, lässt man nicht nach und ist weniger motiviert. Genau das Gegenteil ist der Fall. Man wird konzentrierter, professioneller zum Beispiel im Umgang mit dem eigenen Körper und entschlossener, weil man mitbekommt, dass es da jüngere Spieler gibt, die einem den Platz streitig machen wollen. Mir geht es jedenfalls so."

Ballack sagt: "Ich habe immer noch große Ziele. In der Champions League haben wir mit unseren Qualitäten große Chancen in diesem Jahr."

Ballack sagt aber auch: "Wenn man in einem Finale steht, kann man viele Dinge richtig machen und trotzdem 2:1 oder im Elfmeterschießen verlieren. Das ist grausam, aber so ist der Fußball eben. Du schluckst die Enttäuschung und versuchst es beim nächsten Mal besser zu machen."

Michael Ballack hat eine gesunde Einstellung zu Alter und Erfolg. In der Tat.

Das Champions-League-Achtelfinale im Überblick

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