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HSV befreit sich selbst

Das Lachen ist zurück

Von Stefan Rommel
Samstag, 22.02.2014 | 22:53 Uhr
Dem Hamburger SV gelang im ersten Spiel von Mirko Slomka der erhoffte Befreiungsschlag
© getty
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Das 3:0 gegen den BVB markierte das fulminante Ende einer aufreibenden Woche beim Hamburger SV. Die Mannschaft lebt, sie muss den Aufwärtstrend jetzt aber auch bestätigen.

Am Ende eines emotional überladenen Tages standen draußen vor den Toren der Hamburger Arena einige hundert Fans und warteten auf ihre Mannschaft. Ein ähnliches Bild hatte die Hamburger Familie vor zwei Wochen schon gezeichnet.

Es waren die Stunden nach dem 0:3 zu Hause gegen Aufsteiger Hertha BSC, als die Menge brodelte ob der spektakulär schwachen Leistungen ihrer Mannschaft - im Unwissen, dass nur ein paar Tage später in Braunschweig ein noch tieferer Tiefpunkt folgen sollte.

An diesem aus Hamburger Sicht denkwürdigen Samstagabend war aber alles anders. Die Leute standen sich nicht die Beine in den Bauch, um die Spieler mit Schimpf und Schande in die Nacht zu verabschieden. Sie warteten auf einen netten Plausch, ein paar Autogramme und Erinnerungsfotos. Aus einer Belagerung wurde freudvolles Erwarten.

Calhanoglus Zauberschuss

Am Samstag hatte der Klub Bert van Marwijk entlassen, zwei Tage später in Mirko Slomka einen neuen Trainer präsentiert. Am Dienstagmorgen starb Klub-Ikone Herrmann Rieger nach langer schwerer Krankheit, am Mittwoch, Donnerstag und Freitag wurde mehr und härter gearbeitet als an einem anderen Mittwoch, Donnerstag und Freitag. Und am Samstag entluden sich der ganze aufgestaute Frust und die Emotionen in einem einzigen großen Donnerhall.

Mit einem wundersamen 3:0 schickte der Siebzehnte der Tabelle den Champions-League-Finalisten Borussia Dortmund nach Hause. Ein in der Höhe vielleicht etwas überzogener, aber vollkommen verdienter Sieg mit einem Ende, das den ganzen Irrsinn in eine Aktion packte: Einen Freistoß von Hakan Calhanoglu, fast vom Mittelkreis aus getreten, der sich nach zwei Richtungsänderungen halbhoch ins Dortmunder Netz verirrte.

Ganz große Gefühle

Der Nachmittag in Hamburg hatte mit einem Überschwang der Gefühle begonnen, als beim Vorlesen der Mannschaftsaufstellung das Stadion 18 Mal Hermann Rieger intonierte und die Nordkurve mit einer Choreografie ein vorerst letztes Mal an die gute Seele des Klubs erinnerte.

Was danach auf dem Rasen passierte, nannte Slobodan Rajkovic "ein Wunder". Damit meinte er sowohl die Leistung seiner Mannschaft und das eindeutige Ergebnis, aber auch seine eigene Wiederkehr. Rajkovic war in Hamburg quasi schon weg vom Fenster, hatte sich selbst ins Abseits geredet.

Rajkovic kommt aus dem Nichts

Slomka ging ohne jegliche Vorbehalte an seinen Kader ran und erkannte schnell, dass ihm ein großgewachsener, körperlich robuster und erfahrener Spieler in der Innenverteidigung ganz gut gefallen würde. Also stellte er Rajkovic in die Startelf. Es war Rajkovic' erster Saisoneinsatz. Davor hatte er zuletzt im Mai 2013 für den HSV gespielt.

"Ich habe jeden Tag hart gearbeitet und durfte es heute auf dem Platz zeigen", sprach der Serbe danach leise und fast schüchtern in die Mikrofone. "Ich kann mich nur bei allen bedanken: Beim Klub, beim Trainer, der mir nach langer Zeit die Chance gegeben hat und bei den Fans für die super Unterstützung."

Rajkovic war so etwas wie die Symbolfigur für jenen HSV, der in den 90 Minuten davor den Gast aus Dortmund auf alle erdenklichen Weisen bearbeitet hatte. Mit einer guten Portion Aggressivität und Kampfeslust gingen die Hamburger endlich einmal wieder im Kollektiv zu Werke. Mit jeder beherzten Grätsche und jedem gewonnene Kopfballduell kam ein Stückchen mehr Zutrauen in die eigene Stärke zurück.

Laufen, beißen, beharrlich sein

Der HSV schaffte das, was er in den letzten Spielen nie geschafft hat: Er konnte sich in den Gegner verbeißen und ihm immer mehr die Lust am Spielen rauben.

"Diese Mannschaft des BVB im Zaum zu halten, erfordert nicht nur Leidenschaft, sondern auch den Willen zu laufen, den Willen zu fighten und den Willen, aus der Position heraus immer wieder anzulaufen, auch wenn man nicht an den Ball kommt", erzählte Slomka seine Sicht der Dinge aus der Trainerperspektive.

"Es hat sich gelohnt, wie man bei den ersten beiden Toren gesehen hat, dass man drin bleibt und nicht aufgibt. Wir sind als Mannschaft aufgetreten, nach außen wie auch im inneren Bereich. Das ist das, was wir brauchen. Aber es gibt sicherlich noch viele Dinge, die wir noch besser machen können, an denen wir in den nächsten Wochen arbeiten müssen."

Endlich wieder lachen

Der Sieg war nicht nur für das Punktekonto wichtig - der HSV hat jetzt wie der VfB Stuttgart 19 Punkte - sondern vor allen Dingen für die Seele des gebeutelten Klubs und seiner Fans. Rene Adler hatte nach seinen folgenschweren Fehlern in Braunschweig eine schwierige Woche hinter sich. Gegen den BVB hielt er wieder so, wie man es von einem potenziellen WM-Fahrer erwarten darf.

"Es war ein sehr emotionaler und brutal wichtiger Sieg für uns. So eine Woche wie hier zuletzt habe ich in meiner Karriere auch noch nicht erlebt. Es steht viel auf dem Spiel, für uns und die ganze Stadt", sagte Adler. "Es ist ein ungewohntes Gefühl, endlich mal wieder zu lachen. Aber es ist unheimlich schön."

Als der neue Trainer am Montag bei seiner Einführungsrunde noch behauptet hatte, die Borussia sei ein "fantastischer Gegner, um zu zeigen, dass Leben in der Mannschaft ist", mochte man das noch als das Pfeifen im Walde abtun. Jetzt hat die Mannschaft wirklich gezeigt, was in ihr stecken kann. Innerhalb von einer Woche von Null auf gefühlte Einhundert, und das alles nur wegen eines Trainerwechsels? Der Fußball bleibt ein eigenartiges Spiel.

Klopp ziemlich bedient

Das dürften die Verlierer des Tages guten Gewissens unterstreichen. Borussia Dortmund hatte bisher zehn von zwölf möglichen Punkten in der Rückrunde geholt und war im DFB-Pokal auswärts in Frankfurt weitergekommen.

Der HSV hatte im selben Zeitraum keinen einzigen Punkt geholt, dafür 13 Gegentore kassiert und war im Pokal im eigenen Stadion von den Bayern verdroschen worden. Und dann kommt so ein Samstagnachmittag und stellt alles auf den Kopf.

Jürgen Klopp, der in der ersten Halbzeit so viel schimpfen musste wie zuletzt in den vier Spielen zusammen und seiner Mannschaft nach dem amateurhaft verteidigten 1:0 sogar höhnischen Applaus spendierte, war grob angefressen angesichts der Vorstellung seiner Mannschaft.

Sahin schaut schon voraus

"Es gibt diesen alten Spruch: Ein gutes Pferd springt nur so hoch wie es muss. Den hasse ich wie nichts anderes. Ich finde, ein Pferd hat so hoch zu springen wie es kann. Wir haben heute geguckt, wie hoch wir springen müssen. Und als wir festgestellt haben, dass es nicht so hoch ist, waren wir im Hintertreffen."

Drei Tage vor dem Achtelfinalhinspiel in der Champions League bei Zenit St. Petersburg war dieser Dämpfer vielleicht aber auch ein wichtiger Schuss vor den Bug. Zumal die Konkurrenz im Kampf bis auf Wolfsburg erneut Federn lassen musste und das Schneckenrennen um die Königsklassenplätze noch weiter verlangsamte.

"Hamburg ist anscheinend nicht so unser Pflaster", sagte Nuri Sahin. Der Mittelfeldspieler war einer der wenigen, der sich vor die Presse wagte. Ein Großteil der Mannschaft verließ wortlos den Ort des Geschehens.

"Wir müssen dieses Kackspiel jetzt nüchtern analysieren. Damit haben wir in der Kabine bereits begonnen. Wir lassen uns jetzt davon nicht runterziehen, dafür ist das Spiel am Dienstag viel zu wichtig", so Sahin. "Es gibt gar keinen Grund, jetzt nicht selbstbewusst nach St. Petersburg zu fahren."

Hamburg - Dortmund: Die Statistik zum Spiel

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