Fussball

Der verrückte alte Mann mit dem feurigen Blick

Claudio Pizarro brennt immer noch

Hohes Alter? Wen interessiert's? Claudio Pizarro jedenfalls nicht! Auch mit 38 Jahren ist der Peruaner ein wichtiger Fixpunkt bei Werder Bremen - spielerisch und als emotionaler Anker. Für seine Leistung beim 1:0-Auswärtssieg am Samstagabend bei Hertha BSC bekam Pizarro die SPOX-Note 2.

Aus der Puste. Verschwitzt. Blutunterlaufene Augen. Eine bläulich gelbe Nase. Das Post-Match-Interview von Claudio Pizarro nach Werder Bremens 1:0-Auswärtssieg bei Hertha BSC könnte auch das eines Boxers sein.

Dann legt sich das allseits bekannte charmante Lächeln auf die Lippen des Peruaners: "Das sieht nicht so gut aus, aber alles ist in Ordnung. Ich habe im Training von Thanos Petsos unabsichtlich einen Schlag auf die Nase bekommen. Aber es ist nichts gebrochen", erklärt Pizarro den Zustand seines Gesichts.

Eine Randnotiz ist die Optik des Routiniers in diesem Moment also. Sie passt jedoch ins Bild: In den zurückliegenden 90 Minuten hat sich der Angreifer für sein Team aufgeopfert, ist weite Wege gegangen, hat Bälle abgelegt, selbst abgeschlossen und war mit vollem Einsatz einer der Garanten dafür, dass nach Abpfiff gefeiert werden durfte.

Und das war alles andere als eine Selbstverständlichkeit: Erstmals überhaupt in dieser Saison feierte auf der blauen Tartanbahn des Berliner Olympiastadions der Gast. Nach der Partie war diese Nähe zwischen der Werder-Mannschaft und dem Anhang wieder zu spüren, die das Team am Ende der vergangenen Saison auch in der Liga hielt.

Mannschaftliche Geschlossenheit

"Wir haben in der Woche sehr gut trainiert. Nach dem Sieg gegen Ingolstadt ist ein neuer Ruck durch die Mannschaft gegangen. Wir haben als Einheit bis zum Ende gekämpft", betonte Pizarro den Wert der Geschlossenheit.

Zusammenhalt mit den Fans, Zusammenhalt im Team - die Gründe dafür, dass es bei Werder peu a peu bergauf geht, sind vielfältig. Dass die Stimmung sich langsam dreht, ist jedoch auch eng mit dem Namen Pizarro verbunden.

Mit 38 Jahren gehört dieser noch lange nicht aufs Altenteil. Welchen Wert er für den SVW hat, bewies er nicht zuletzt am Samstag gegen die Hertha. Und zwar gleich auf mehreren Ebenen.

Fixpunkt in der Offensive

Im Offensivspiel der Bremer ist Pizarro ein wichtiger Fixpunkt. Gegen die Hertha hatte er nach Rechtsverteidiger Robert Bauer (70) die meisten Ballaktionen (60).

Seine Ballbehandlung und sein Spielverständnis sind nach wie vor überdurchschnittlich. Mehrere Male machte die Nummer 14 das Spiel schnell, in dem er lange Bälle nicht erst umständlich annahm, sondern direkt weiterleitete, um selbst wieder in Stellung zu laufen.

Seine Position in der Doppelspitze neben Max Kruse im 4-4-2 interpretierte er sehr frei, ließ sich häufig ins Mittelfeld oder auf den Flügel fallen und war dadurch für die Hertha-Defensive schwer greifbar.

Zwei Szenen zur Veranschaulichung

Die Flexibilität des Angreifers kann anhand zweier Szenen veranschaulicht werden.

35. Minute: Bartels geht rechts im Sechzehner zur Grundlinie und kratzt das Leder gerade noch so an den Fünfer. Dort ist Pizarro gedankenschneller als Innenverteidiger Niklas Stark, geht dem Ball entgegen, nimmt ihn an und zieht vom rechten Fünfereck aus der Drehung direkt ab. Jarstein wehrt ab, doch der Peruaner steckt nicht auf und wirft sich mit vollem Körpereinsatz in Daridas Klärungsversuch. Der Ball landet bei Kruse, dessen Schuss über die Latte streicht.

70. Minute: Pizarro lässt sich auf den rechten Flügel fallen, bekommt den Ball von Bartels, legt ihn sich kurz vor und flankt dann butterweich und perfekt getimed an den Fünfer, wo Santiago Garcia die Kopfballchance hat.

Pizarro ist Vollstrecker und Vorleger. Egoist und Teamspieler. Vier Torschussvorlagen waren Topwert aller Spieler der beiden Teams, dazu gab Pizarro selbst zwei Torschüsse ab.

Zweikampf- und laufstark

Obendrein verrichtet der Angreifer wichtige Defensivaufgaben. Auch mit 38 Jahren ist Pizarro noch ein Getriebener mit Feuer im Blick. Ein Verrückter beinahe, der sich voll in die Zweikämpfe schmeißt. Da verwundert es nicht, dass er in die meisten Duelle aller Spieler auf dem Rasen ging (30, 58,8 Prozent davon gewonnen).

Die nötige Fitness bringt der "alte Mann" ebenfalls noch mit. Mehr Kilometer als seine 10,86 spulten bei Werder lediglich Bartels, Fritz und Bargfrede ab.

Die wilden Zeiten hat er hinter sich gelassen. Diskobesuche und Parties erlaubt sich Pizarro nicht mehr. Stattdessen hört er mehr auf seinen Körper und verkörpert gelebte Professionalität: "Ich habe vor drei Jahren etwa damit begonnen, meine Ernährung umzustellen. Ich trinke keine Limonade mehr, keine Cola. In meinen Kaffee und in meinen Tee kommt kein Zucker. Süßigkeiten sind tabu, Weizenprodukte ebenso", sagte er im Frühjahr im Interview mit der Welt.

Emotionaler Anker

Neben seinem nach wie vor großen sportlichen Wert ist Pizarro auch ein wichtiger emotionaler Anker für Werder. Kaum ein Bundesligaspieler genießt ligaweit so hohe Sympathiewerte wie er, der verbissenen Ehrgeiz und Lockerheit gekonnt vereint.

Bezeichnend: Während der Partie bei der Hertha kam Pizarro zwischenzeitlich an die Seitenlinie zu Pal Dardai. Die beiden witzelten miteinander, grinsten sich an, umarmten sich herzlich, kurzer Klaps auf den Hinterkopf, dann ging die Konkurrenz weiter.

Wichtig für die Kollegen

Die Teamkollegen können ebenfalls von Pizarro profitieren. Kruse war bereits zu seiner Gladbacher Zeit der prädestinierte Spieler für ein Zwei-Stürmer-System. Einen Partner wie Pizarro neben sich zu haben, der Löcher reißt, selbst gefährlich ist, mit dem jedoch auch ein schnelles Kombinationsspiel möglich ist, kommt Kruse zupass.

Und auch der junge Serge Gnabry kann sich an Pizarro hochziehen. Nach Kruses Führungstor jubelte der Jungnationalspieler mit dem 17 Jahre älteren Offensivpartner. Statt wilder Ekstase gab es lobende Worte von Pizarro. Vielleicht auch korrigierende. Gerade für die jungen Spieler ist der Routinier eine wichtige Anlaufstation - mit 38 ist er ja sogar ein Jahr älter als Trainer Alexander Nouri.

Und Erfahrungen aus seinen Stationen bei Bayern oder Chelsea an einen wie Gnabry weiterzugeben, kann nicht schaden.

Seit dem 6:2-Sieg im Mai gegen den VfB Stuttgart wartet Pizarro auf einen eigenen Treffer. Doch seine Rückkehr nach der Muskelverletzung hat Werders Spiel ebenso wie die Comebacks von Kruse und Bargfrede sichtlich gut getan.

Noch einmal verlängern?

Kein Wunder, dass sich Fans und Umfeld von Werder erhoffen, dass auch im Sommer 2017 nach Pizarros Vertragsende noch nicht Schluss ist. So weit will der Peruaner noch nicht denken. Erst nach Saisonende wolle er entscheiden - weil alles andere in seinem Alter keinen Sinn mache.

Jedoch macht er seinen Anhängern mit einer Aussage auch Hoffnung: "Mikael Silvestre, mein ehemaliger Mitspieler, hat mir erzählt, dass Sir Alex Ferguson ihm riet: 'Spiel, so lange du kannst, denn das schwierige Leben beginnt danach.' Ein guter Satz. Genau das werde ich machen."

Claudio Pizarro im Steckbrief

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