Der ungewohnte Weg der kleinen Schritte

Montag, 24.07.2017 | 13:54 Uhr
Markus Gisdol will den Hamburger SV formen
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Der Hamburger SV sehnt sich nach einer erneuten Zittersaison nach Stabilität. Trainer Markus Gisdol hat einen klaren sportlichen Plan, um den Bundesliga-Dino sukzessive voranzubringen. Die Spieler und Verantwortlichen sind darum bemüht, die Erwartungshaltung zu dämpfen und Demut einkehren zu lassen. Ganz unproblematisch läuft der Umbruch des HSV allerdings nicht.

Andre Hahn ist noch nicht lange zurück in Hamburg. In den letzten Jahren musste er sich mit anderen Themen auseinandersetzen als mit dem Abstiegskampf. Mit dem FC Augsburg und Borussia Mönchengladbach richtete sich sein Blick eher nach oben. Kampf um Europa statt Flucht vor dem Abstiegsgespenst.

Entsprechend stutzig könnte die Aussage des Heimkehrers machen: "Wenn wir einen vernünftigen Start hinlegen, haben wir die Fans sofort wieder voll hinter uns. Sie sind heiß auf Erfolge", prognostizierte der Angreifer in der vergangenen Woche gegenüber der Sport Bild.

Natürlich sind die Worte aus dem Kontext gerissen. Isoliert stehen sie für eine Sichtweise, die dem chronisch aufgeregten Umfeld des Hamburger SV in den letzten Jahren häufig den Kopf verdrehte und ihn allzu schnell von Europa träumen ließ.

Mit diesem hat der stolze Bundesliga-Dino jedoch seit Jahren nichts zu tun. 16. samt Rettung in der Relegation, 16. samt Rettung in der Relegation, 10., 14. - so sieht die Realität der letzten Jahre aus.

Hahns Ziel: "Nichts mit dem Abstieg zu tun haben"

Doch das soll sich ändern, proklamieren Spieler und Verantwortliche. Auch Hahn schob einordnend nach: "Damit meine ich nicht, dass wir ins internationale Geschäft einziehen. Ich meine, dass wir nichts mit dem Abstieg zu tun haben, vielleicht um Platz zehn spielen."

Der HSV will nach Jahren des Tohuwabohu den Weg der kleinen Schritte gehen. Ein lange nicht dagewesenes und deshalb ungewohntes Gefühl. Die Fehler der Vergangenheit sollen nicht wiederholt werden. Diesen Weg leben die verantwortlichen Personen vor, Trainer Markus Gisdol, Sportdirektor Jens Todt und der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen, allesamt noch nicht einmal ein Jahr im Amt.

Der Schwabe Gisdol versucht, die Ansprüche zu regulieren: "Die alten Zeiten und frühere Erfolge sollten nicht dazu führen, dass man ständig zu hohe Erwartungen an den HSV hat. Man muss der Tatsache ins Auge sehen, dass der Verein an Boden verloren hat", forderte er in der FAZ.

Mit ähnlicher Zunge spricht auch Todt: "Wir wissen, woher wir kommen. Mit der gebotenen Bescheidenheit gehen wir in die neue Saison." Demut statt Hochmut, das ist der neue Sprech beim HSV.

Sportlich steht die erste Sommervorbereitung mit dem HSV für Gisdol unter einem zentralen Vorzeichen: "Wir wollen in der neuen Saison taktisch flexibler sein, deswegen wird dies der Schwerpunkt dieses Trainingslagers sein", sagte der Trainer bei der Abfahrt ins österreichische Längenfeld.

Gisdol will seine Spielidee implementieren

In der vergangenen Saison hatte der 47-Jährige nur wenig von seiner Spielidee einbringen können. Nach dem Katastrophen-Start (zwei Punkte aus zehn Spielen) ging es für den Nachfolger von Bruno Labbadia zunächst ausschließlich um die Rettung, also die nackten Ergebnisse. Über weite Strecken der Rückrunde war der Fußball der Hanseaten deshalb unansehnlich, pragmatisch.

Künftig will Gisdol der Mannschaft seine Handschrift verpassen. Im Trainingslager legt er Wert auf aggressives Pressing, schnelles Umschaltspiel und systematische Flexibilität.

Während die Hamburger die komplette letzte Spielzeit im 4-2-3-1 aufliefen, studiert Gisdol derzeit ein 4-4-2 mit flacher Mittelfeldvier ein.

Hahn, Papadopoulos und Pollersbeck als Neuzugänge

In Andre Hahn bekam der Trainer einen flexiblen Offensivspieler dazu, der in besagtem System die Rolle als hängender Stürmer mit seinen Qualitäten im Pressing und der Schnelligkeit ausfüllen kann. Darüber hinaus spielte Hahn bereits in der Jugend für den HSV, hat jedoch nicht den Rucksack der schwierigen letzten Jahre auf dem Buckel. Insofern hat er das Zeug zur Identifikationsfigur.

Auch die feste Verpflichtung des in der Rückrunde überzeugenden Mentalitätsspielers Kyriakos Papadopoulos ist als Erfolg auf dem Transfermarkt zu verbuchen.

Genau wie die des U21-Europameisters Julian Pollersbeck. Zwar ist diesem der Stammplatz im Tor alles andere als sicher, immerhin war Christian Mathenia in den finalen Wochen der vergangenen Saison der beste Hamburger, dennoch kommt Pollersbeck mit dem Rückenwind des Titelgewinns in Polen, als national bekannter Sympathieträger und mindestens als Belebung für den Konkurrenzkampf zwischen den Pfosten. Im ligaweiten Vergleich muss sich das Torhüterduo des HSV jedenfalls nicht verstecken.

Kaderplanung des HSV läuft stockend

Trotz der bislang nachvollziehbaren Aktivitäten ist die Kaderplanung der Hamburger aber alles andere als abgeschlossen - und ein sensibles Thema. Die Suche nach einem weiteren Innenverteidiger und einem Linksverteidiger läuft seit Wochen stockend: "Das ist unsere größte Baustelle", gab Todt zu.

Eigentlich, so hatten die Verantwortlichen gehofft, sollte der Kader bereits vor dem Trainingslager stehen. Zu viele durchwachsene Erfahrungen hatte der Verein in den letzten Jahren mit der Integration von Last-Minute-Transfers gemacht. Doch die Abschlüsse blieben aus. Ein Umstand, der Gisdol wurmt. Die Personaldecke in der Defensive sei "unverändert angespannt", sagte er zuletzt.

Die angestrebten Transfers von German Pezzella (Real Betis) oder Stefano Denswil (FC Brügge) gestalten sich schwieriger als erhofft.

Todt äußerte sich zuletzt skeptisch, dass sich die Situation kurzfristig ändern werde: "Es wäre kein Riesendrama, wenn es nicht während des Trainingslagers klappt. Das Gesamtpaket muss stimmen."

Abnehmer für Lasogga, Hunt oder Holtby gesucht

Die Umbaupläne des Kaders umzusetzen, ist eine Mammutaufgabe. Auf der einen Seite soll die Qualität gezielt erhöht werden, andererseits sollen einige Großverdiener den Verein verlassen, um den Spieleretat von 56 Millionen Euro auf etwa 48 Millionen zu senken.

Die Transfers von Rene Adler (FSV Mainz 05), Michael Gregoritsch (FC Augsburg) und Matthias Ostrzolek (Hannover 96) waren ein Anfang. Doch nach Wunsch der Vereinsführung eben nur ein Anfang.

Etwa bei Pierre-Michel Lasogga wäre der Klub gesprächsbereit. Gisdol bevorzugt andere Stürmertypen, legt großen Wert auf Lauf-, Kampf- und Kombinationsstärke. Im internen Stürmerranking sieht Lasogga gegen Bobby Wood, Andre Hahn, Sven Schipplock und Gianluca Waldschmidt wohl wenig Land.

Ähnlich wie bei Lewis Holtby, Aaron Hunt, Walace oder Douglas Santos, die alle nicht unantastbar sind, findet der HSV allerdings bis dato keinen Abnehmer.

Das gewünschte Tempo kann der Ligadino beim Umbau des Kaders deshalb nicht einhalten. Kleine Schritte eben.

Kühnes Engagement spaltet die Öffentlichkeit

Dass es trotz der Schwierigkeiten, die teuren "Ladenhüter" loszuwerden, gelang, die drei besagten Transfers zu tätigen und darüber hinaus den Vertrag mit dem begehrten Wood zu verlängern, lag an einer erneuten Finanzspritze von Mäzen Klaus-Michael Kühne in Höhe von 20 Millionen Euro.

Der fade Beigeschmack: Wieder einmal hatte dieser sein Engagement mit einem öffentlich vorgetragenen Appell verlängert.

Gisdol stellte sich zuletzt demonstrativ hinter Kühne: "In meinen Augen entspricht sein Bild in der Öffentlichkeit nicht der Realität. Für den Verein ist dieser Mann mit seinem großen HSV-Herzen ein ganz großes Gut, das es zu pflegen gilt."

Nichtsdestotrotz sorgen die öffentlichkeitswirksamen Auftritte Kühnes wie jener rund um seine erneute Unterstützung zumindest für Aufsehen in der Öffentlichkeit.

Es scheint, als sei der HSV auf einem guten Weg, sich sportlich weiterzuentwickeln und die Erwartungen des Umfelds in gesunde Bahnen zu lenken. Und doch bleibt er einer der schillerndsten Klubs der Liga. Ein Klub, der für Schlagzeilen sorgt.

Das weiß auch Rückkehrer Andre Hahn. Wenngleich er den Weg der kleinen Schritte bereits verinnerlicht hat.

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