"RBL? Erschrocken über Äußerungen"

Freitag, 29.07.2016 | 17:00 Uhr
Beim VfL Bochum feierte Torsten Kracht seine größten Erfolge
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Torsten Kracht ist ein Stück Leipziger Fußball-Geschichte. Bevor der Verteidiger beim VfB Stuttgart, dem VfL Bochum, Eintracht Frankfurt und dem Karlsruher SC aktiv war, spielte der heute 48-Jährige für Lokomotive Leipzig und dessen Nachfolgeverein VfB. Im Interview spricht Kracht über das Projekt RB Leipzig, aktuelle Pläne eines Stadionneubaus, den Niedergang des 'alten Leipzig' und das legendäre 'Regenbogen'-Trikot des VfL.

SPOX: Herr Kracht, Sie sind mir früher nicht nur durch Ihr konsequentes Spiel aufgefallen, auch wegen Ihrer Lockenpracht hat man Sie immer leicht auf dem Platz erkennen können, wann kam die denn jetzt final ab?

Torsten Kracht: (lacht) Also ich mag meine Eltern total, aber was die mit meinen Haaren angestellt haben... Das war in den 80er-Jahre auch kein Problem, schließlich war so eine Frisur in Zeiten der Dauerwelle total angesagt, nur habe ich erst ziemlich spät begriffen, dass die Locken tatsächlich verschwinden, wenn man die Haare ganz kurz schneidet. Auf den Trichter bin ich dann zu meinem Karriereende gekommen.

SPOX: Die etwas seriösere Erscheinung passt nun auch zu Ihrer Tätigkeit. Sie sind mittlerweile als Immobilieninvestor tätig, war dieser Weg bereits während der Fußballkarriere abzusehen?

Kracht: Nein, eigentlich überhaupt nicht. Ich habe mich schon immer für Betriebswirtschaft und Finanzen interessiert, dazu hatte ich ein Faible für historische Gebäude. Am Ende war es reiner Zufall. Ich hätte mir auch vorstellen können, dem Fußball treu zu bleiben und damit weiterhin dieses Lotterleben zu führen, bei dem man jederzeit bereit sein muss, die Stadt zu wechseln. Dann ergab sich diese Chance in meiner Heimatstadt Leipzig und ich habe sehr schnell Gefallen daran gefunden.

SPOX: Ihr Unternehmen saniert hauptsächlich alte Bausubstanz. Überträgt man dieses Vorgehen auf den Fußball, stellt sich die Frage, wie Sie das Projekt von Red Bull bewerten, das ohne traditionelle Strukturen aus dem Boden gestampft wurde?

Kracht: Ich bin auch ein Freund von Neubauten. (lacht) Man muss realistisch bleiben. Du kannst heutzutage nur noch mit einer langfristigen Strategie und engagierten Partnern im Fußball erfolgreich sein. Auch ich bin traurig, wenn Traditionsvereine in der Versenkung verschwinden, aber RB begeistert die Leute. Jede Stadt, jeder Verein, der eine solche Chance bekommen hätte, wäre froh gewesen. Wer etwas anderes behauptet, ist ein Heuchler. Ich bin manchmal richtig erschrocken, wie sich ehemalige Kollegen, die ich eigentlich sehr schätze und die heute für große Vereine tätig sind, zu RB äußern. Zum Beispiel hat das Westfalenstadion inzwischen auch einen neuen Namen, dazu veräußern Vereine ihre Anteile, holen große Unternehmen ins Boot. Ich muss wirklich schmunzeln, wenn irgendwelche Fans zum Boykott aufrufen, obwohl deren Verein ebenso versucht, finanzielle Kanäle zu öffnen.

SPOX: Aber auf welche Gedanken können Sie dieses Verhalten zurückführen?

Kracht: Vielleicht ist das Neid oder Missgunst, genau kann ich das nicht sagen. Man sollte grundsätzlich froh sein, wenn der Fußball neue Partner gewinnt, noch dazu in einer Stadt wie Leipzig, die absolut fußballbegeistert ist. Das Stadion wird in der 1. Bundesliga voll sein, der Nachwuchs in der Region profitiert davon. Wenn dann jemand mit dem Argument 'Talenteklau' kommen will, dann frage ich mich, was die letzten 25 Jahre im Osten geschehen ist. Da sind zahlreiche Talente in den Westen abgewandert. Kritik ist absolut berechtigt und es wurden auch Fehler gemacht. Insgesamt muss man aber festhalten, dass dieses Projekt für die Region eine super Sache ist.

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SPOX: Bei welchem Thema es auch unter RB-Fans große Diskussionen gibt, ist die Debatte über einen Stadionneubau. Ist dieser Gedanke ein logischer Schritt?

Kracht: Sicherlich, so viel Weitsicht muss jeder professionelle Verein mitbringen, auch wenn dieser Schritt Stand jetzt noch nicht notwendig ist. Ich persönlich fände es ein bisschen schade. Das Stadion hat Geschichte, liegt mitten in der Stadt. Dazu bin ich kein großer Fan von diesen Ufos irgendwo auf der Wiese, selbst wenn das dem Verkehrsfluss in der Stadt helfen mag. Im Moment reicht das Stadion allemal aus und versprüht durch seine Lage eine ganz besondere Atmosphäre.

SPOX: RB auf dem Vormarsch, das Zentralstadion vielleicht bald Geschichte. Blutet ihnen als langjähriger Lokomotive-Leipzig-Spieler nicht trotzdem ein wenig das Herz, wie weit der 'alte' Leipziger Fußball in den Hintergrund rückt?

Kracht: Überhaupt nicht! Ich finde es wirklich toll, was Heiko Scholz zum Beispiel bei Lok macht und wie sich das entwickelt. Trotzdem gibt es zu viele Dinge, die ich nicht gutheißen kann und die eine vernünftige Entwicklung des Vereins hemmen. Natürlich ist es traurig, wenn ein solcher Verein nicht mehr auf der größten Bühne spielt, aber Tradition kann nicht mehr das einzige Argument sein, wenn man rechts und links von anderen Vereinen überholt wird. Man muss auch ein bisschen mit der Zeit gehen. Ich würde mir wünschen, dass Lok stabil auf einem vernünftigen Niveau spielen kann. Dabei ist aber gleichzeitig die Bereitschaft der Fans gefragt, eine professionelle Marschrichtung mitzugehen.

SPOX: Wie ist das bei Ihnen im Freundes- und Familienkreis? Da sind doch sicher auch Lok- oder Chemie-Fans - wie spricht man da über RB Leipzig?

Kracht: Das ist ganz unterschiedlich. Mein ältester Sohn ist großer Lok-Fan, geht auch auf Auswärtsfahrten und hat gerade erst den Aufstieg bejubelt. Für ihn gibt es nur Lok. Chemie ist noch mal eine Sache für sich, weil sich das Lager auf zwei Vereine verteilt. Es ist dennoch überall das Gleiche: Du kannst dich nicht über die finanziellen Mittel anderer beschweren, wenn du selbst eine solche Entwicklung nicht mitgehen willst. So gibt es eben auch genügend Leute, die erkennen, dass Profifußball ohne finanzielle Mittel nicht möglich ist. Es gibt einige Bekannte, die zweigleisig fahren, auch wenn man darüber kaum offen spricht.

Seite 1: Kracht über Leipzig, Heuchler und das Lotterleben als Fußballer

Seite 2: Kracht über die DDR, Basler und das Regenbogen-Trikot

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