Abschied aus Nimmerland

Mittwoch, 30.09.2015 | 13:00 Uhr
Granit Xhaka trug gegen Augsburg und Stuttgart erstmals die Kapitänsbinde der Fohlen
© getty
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Vom Gescholtenen zum Leistungsträger, vom Querulant zur Führungsfigur: Granit Xhaka ist in seinen drei Jahren bei Borussia Mönchengladbach zu einem der besten Sechser der Bundesliga gereift. Seine Verpflichtung war ein Versprechen an die Zukunft - von ihm selber und Max Eberl. Ihr Wort hielten beide.

Auch wenn es auf dem Papier nur eine ganz normale Bundesliga-Partie war, an einem ganz normalen Mittwoch, an einem 6. Spieltag, gegen den FC Augsburg: Für Granit Xhaka war es eines der bedeutendsten Spiele seiner noch jungen Karriere. Erstmals durfte er die Fohlenelf in einem Pflichtspiel als Kapitän auf das Feld führen. In ein Stadion, über dem der Rücktritt des langjährigen Trainers wie ein Damoklesschwert schwebte, in dem die Verunsicherung, wie es nach der Ära Lucien Favres weitergehen solle, allgegenwärtig war.

Xhaka betrat den Rasen mit breiter Brust, strahlte Selbstbewusstsein und pure Zuversicht aus. Wie neu die Situation für ihn und wie aufgeregt er tatsächlich war, wurde dennoch schnell klar: Als Paul Verhaegh und das Schiedsrichtergespann um Daniel Siebert sich am Spielfeldrand zum obligatorischen Münzwurf trafen, fehlte der Schweizer und musste herbeigerufen werden. Xhaka lächelte die Situation mit einem freundlichen Schmunzeln weg.

Die Nordkurve feiert Xhaka

Als Siebert 45 Minuten später zur Pause Pfiff, lag eine der erfolgreichsten Halbzeiten der Vereinsgeschichte hinter den Fohlen, in der Xhaka als Antreiber, Zweikämpfer, Ballverteiler und Torschütze glänzte. Welche Last dem Schweizer tatsächlich von den Schultern fiel, zeigte sein emotionaler Ausbruch nach Spielschluss. Nach der gewohnten Welle mit den Fans ging Xhaka mit ausgebreiteten Armen auf den Zaun der Nordkurve zu und peitschte die Anhänger Gladbachs energisch an.

"Ich habe erst kurz vor dem Spiel erfahren, dass ich die Binde tragen werde. Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen", kommentierte er den Abend anschließend.

Nur drei Tage später köpfte er die Borussia, erneut als Spielführer, auch gegen den VfB Stuttgart in Front - einen Tag vor seinem erst 23. Geburtstag. Am Mittwoch (20.45 Uhr im LIVETICKER), wird Xhaka Borussia Mönchengladbach, vermutlich erneut als Kapitän, in das erste Champions-League-Gruppenspiel vor eigenem Publikum nach 37 Jahren führen.

Neun Millionen, Fehlstart inklusive

Dabei sah es lange nicht nach dieser Entwicklung aus. Xhaka kam im Sommer 2012 mit riesigen Vorschusslorbeeren für satte neun Millionen an den Niederrhein. Dass sich der damals 19-Jährige für einen Wechsel zur Borussia und gegen andere namhafte europäische Teams entschied, gilt als eine der größten Transfer-Leistungen von Max Eberl. Gladbachs Manager bezeichnete Xhaka damals als "Versprechen an die Zukunft", als Talent mit "unglaublichem Potential", das man bei den Fohlen weiterentwickeln werde.

Auch Xhaka ließ sich zu Aussagen hinreißen, nach denen er nicht nach Gladbach gekommen sei, um gegen den Abstieg zu spielen, und formulierte Europa als Ziel. Im Interview mit SPOX erklärte er später, in seiner Ehrlichkeit und Offenheit ausgenutzt worden zu sein. In der deutschen Medienlandschaft entstand schnell das Bild des extrovertierten, vorlauten Grünschnabels, der auf und neben dem Platz nur negativ von sich reden macht. Dabei entsprachen diese Aussagen seiner Person schon damals nur bedingt.

Xhakas falsches Image

Der 23-Jährige ist keiner von den Youngstern, die möglichst schnell in einem riesigen Haus wohnen, das protzigste Auto fahren und mit Geld um sich schmeißen wollen. "Aus so etwas mache ich mir nichts", beschreibt er. "Was für einen Wagen ich fahre, ist mir eigentlich egal, aktuell ist es ein Smart (Stand: Januar 2015) und mit dem komme ich wunderbar zurecht."

Xhaka ist ein Familienmensch, der bis zu seinem Wechsel nach Gladbach im Haus der Eltern wohnte - obwohl er in der Schweiz längst zu den Stars der Liga gehörte und gutes Geld verdiente. Einzig sein Tick für Schuhe, Kleidung und Ohrringe unterscheidet ihn von einem ganz normalen Anfangzwanziger.

Dennoch stand sein erstes Jahr am Niederrhein unter der Überschrift Missverständnis. Xhaka wurde mit Gladbach nicht so recht warm, Gladbach nicht mit ihm. Schlechte Leistungen, lustlose Auftritte und ein Platz auf der Bank waren das Resultat. Schnell keimten Gerüchte auf, wonach er die Borussia schon wieder verlassen wolle und werde. Xhaka vergleicht seine damalige Situation heute mit einem Domino-Effekt. Er wollte unbedingt zeigen, dass er der richtige Mann für die Position ist, und überdrehte völlig.

"Ein Typ, der gerne Fehler macht"

Heute blickt er anders auf diese Phase seiner Karriere zurück. "Mittlerweile bin ich sogar froh, dass ich das damals so gesagt habe. Denn erstens ist es nun eingetroffen. Und zweitens weiß ich nun, dass ich mich damals falsch ausgedrückt habe. Ich bin ein Typ, der gerne Fehler macht, aber ich bin auch ein Typ, der daraus lernt", sagte er zur Rheinischen Post.

Xhaka weiß, was er an Gladbach hat, ist dankbar für das Vertrauen, die Unterstützung und die Entwicklung. Nicht umsonst verlängerte er seinen Vertrag Ende letzter Saison bis 2019 plus Option auf ein weiteres Jahr und wurde auch im Sommer nicht schwach, als internationale Top-Klubs bei ihm anklopften.

In der Schweizer Nationalmannschaft ist er ebenso gesetzt, gefragter Interview-Partner und die Rechte Hand von Trainer Vladimir Petkovic auf dem Platz. Einer Umfrage der Schweizer Zeitung Blick zufolge sprachen sich 70 Prozent der Teilnehmer für den Borussen als Kapitän und gegen Amtsinhaber Gökhan Inler aus.

Auf den Spuren von Xabi Alonso

An seine Spielstatistiken, gemessen an Ballaktionen und Pässen, kommen in der Bundesliga nur Top-Stars wie Ilkay Gündogan oder Xabi Alonso heran, er ist torgefährlich mit dem Fuß und dem Kopf.

Was Xhaka aber so besonders macht, wurde ihm gleichzeitig schon mehrfach selber zum Verhängnis: sein Ehrgeiz, sein Einsatz und seine Emotionen. Gladbachs Nummer 34 brennt für das Spiel wie kaum ein anderer. Dies kann ein Segen für sein Team sein, kann Mitspieler und Fans antreiben. Es kann aber auch in einem Platzverweis enden. "Oft schaue ich mir Spiele im Nachhinein nochmal an und denke: 'Oh je, wieso hast du das denn gemacht?", zeigt er sich einsichtig.

Xhaka weiß, dass sein Hitzkopf seine persönliche Entwicklung hemmt. Er will ein Leader sein, er will Gladbach führen, durch euphorische und durch turbulente Phasen. In den letzten Monaten hat der 23-Jährige gezeigt, dass er auf einem guten Weg dorthin ist. Angekommen ist er aber noch nicht.

Erst am 3. Spieltag sah er den Gelb-Roten Karton gegen Werder Bremen, gegen Augsburg nahm Interims-Trainer Schubert den sichtlich geladenen und gelbvorbelasteten Xhaka nach 77 Minuten vom Feld. Wie bei jedem jungen Mann bedarf es auch bei Granit Xhaka noch einiger Zeit, bis aus dem Jungen vollends ein Mann geworden ist. Bis dahin wird man in Gladbach noch viel Spaß mit ihm haben - und sich das eine oder andere Mail die Haare raufen.

Granit Xhaka im Steckbrief

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