Robert Lewandowski: Der nächste Kagawa?

Von Jochen Tittmar
Robert Lewandowski steht derzeit bei 50 Toren in 109 Pflichtspielen für Borussia Dortmund
© Getty

Nach den beiden Meisterspielzeiten 2011 und 2012 verlor Borussia Dortmund in Nuri Sahin und Shinji Kagawa jeweils einen Schlüsselspieler. Vieles deutet darauf hin, dass 2013 Top-Torjäger Robert Lewandowski nachfolgt und den Verein vorzeitig verlässt. Beim BVB bleibt man gelassen - zu Recht?

Anzeige
Cookie-Einstellungen

Fredi Bobic, Heiko Herrlich, Marcio Amoroso oder Jan Koller - sie alle und noch viele mehr haben es in ihrer Zeit bei Borussia Dortmund versucht. Stephane Chapuisats 20 Saisontreffer aus dem Jahr 1992 blieben jedoch zwei Jahrzehnte von BVB-Stürmern unerreicht.

Erst Robert Lewandowski, im Vergleich zu den Herrschaften früherer Jahre aus dem Segment preisgünstiger Angreifer ausgewählt, knackte diese Marke und schloss die vergangene Saison gar mit 22 Toren ab. Für Chapuisat stand damals im Mai 1992 nur die Vizemeisterschaft, Lewandowski feierte mit der Borussia das erste Double der Vereinsgeschichte.

Lewandowski macht enormen Sprung

Wenn man sich diese Zahlen und die Tatsache, wie enorm wichtig Lewandowski mittlerweile für das Spiel des BVB geworden ist, vor Augen führt, klingt es wie Hohn, dass der Pole zu Beginn seiner Zeit in Deutschland häufig nur als Zehner eingesetzt wurde.

Doch damals stand mit Lucas Barrios ein verdienter Mann klar vor ihm, der Dortmunds Interpretation des Stürmerspiels hervorragend verinnerlicht hatte. Der Abstand zwischen beiden war jedoch bedeutend geringer als jener, der sich nun zwischen Lewandowski und seinem Vertreter Julian Schieber auftut.

Das hat jedoch in erster Linie weniger mit Schiebers Qualitäten zu tun. Lewandowski machte während der letzten Saison einen ungeahnten Sprung in seiner Entwicklung. Er hat das Anforderungsprofil, das Barrios sehr gut auszufüllen schien, noch einmal um eine spielerische Komponente erweitert.

Klopp: "Spannendster polnische Spieler"

Lewandowski ist permanent anspielbereit und versteht es perfekt, seinen Körper in der Luft wie am Boden zum Abschirmen des Balles einzusetzen - mit dem entscheidenden Vorteil, dass seine Ballverarbeitung und Technik die Geschwindigkeit der Angriffe am Leben hält. Diese Eigenschaften des Stürmers sind gerade gegen die für den BVB mit der Zeit ansteigende Zahl an Gegnern, die Dortmund zu langen Bällen aus der Viererkette nötigen, eminent wichtig.

Siegt der BVB erneut beim FC Bayern? Cashpoint-Quote 4,02 für einen Auswärtssieg!

Gebündelt mit seiner Kaltschnäuzigkeit vor dem Kasten ist der "spannendste polnische Spieler der letzten zehn, fünfzehn Jahre", wie ihn Trainer Jürgen Klopp beim Wechsel nach Dortmund ankündigte, zu einem Gesamtpaket gereift, dass in den europäischen Spitzenligen nur wenige Angreifer auf diesem Niveau verkörpern.

Die Borussia versucht daher seit geraumer Zeit, den 2014 auslaufenden Vertrag des Angreifers zu verlängern und ihn mit "sehr angemessener Honorierung" (Manager Michael Zorc) in die oberste Gehaltsklasse beim BVB aufsteigen zu lassen. Doch es gibt kaum einen Verein von europäischer Spitzenklasse, der noch nicht mit Lewandowski in Verbindung gebracht wurde. Im Sommer soll Manchester United - dem Vernehmen nach Lewandowskis Lieblingsziel - ein erstes Angebot hinterlegt haben.

Neue Reize durch Wechsel?

Zur selben Zeit stellte Lewandowski in einem Interview die rhetorische Frage, was er beim BVB nach der Doublespielzeit denn überhaupt noch erreichen könne. An möglichen Vereinszielen dürften den Verantwortlichen noch genügend Argumente einfallen, Lewandowski scheint jedoch mehr auf seine Weiterentwicklung als Spieler abzuzielen.

Sein Status in Dortmund ist fest zementiert, er spielt fast jedes Spiel durch (bislang 127 Minuten Pause in 21 Pflichtspielen), einen ebenbürtigen Konkurrenzkampf gibt es nicht - bei einer neuen Herausforderung wie den kolportierten United, Manchester City oder Juventus Turin würde in dieser Hinsicht ein neuer Reiz gesetzt.

Daher lässt sich Lewandowski verständlicherweise Zeit mit einer Entscheidung. Er ist in seinem Heimatland längst die Hoffnung der Nationalmannschaft auf bessere Zeiten, unumstrittener Meinungsführer sowie begehrte Werbeikone. Ein Wechsel zu einem europäischen Großklub würde seinen Status als Superstar ähnlich wie bei Shinji Kagawa nachhaltig untermauern, seit Zbigniew Bonieks Zeit in Italien während der 1980er Jahre geht Fußball-Polen ein funkelnder Stern im Ausland ab.

Bleibt Lewandowski bis Vertragsende?

Klopp findet es daher auch "völlig okay", dass Lewandowski abwägt und "normal, dass nicht jeder beim BVB alt werden möchte". "Es gibt vertraglich keinen neuen Stand", gibt Zorc zu Protokoll. "Wir sind weiterhin an einem konstruktiven Dialog interessiert. Es gibt für eine Entscheidung auch kein Zeitlimit."

Doch die Scharmützel, die sich der Verein und Lewandowskis Berater immer wieder liefern, tragen wohl kaum zu einer zielführenden Gesprächsgrundlage bei. Es droht das Szenario, dass Lewandowski bei einem hochdotierten Angebot den Verein verlässt. Die Frage ist dann nur - wann?

Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke betonte bereits die Möglichkeit, dass Lewandowski auch bei einer Absage an die Dortmunder Offerte bis zum Vertragsende bleiben könnte. Das BVB-Triumvirat wird sich im stillen Kämmerlein jedoch längst ausreichend Gedanken gemacht haben, wie man im Fall der Fälle vorgeht.

Watzke verspürt keinerlei Druck

"Wir entscheiden das ganz allein. Wir stehen unter keinerlei wirtschaftlichem Druck, etwas machen zu müssen. Für ein x-beliebiges Angebot werden wir Robert ganz sicher nicht abgeben", sagt Watzke.

Natürlich muss Watzke in gewisser Hinsicht diese Worte wählen, um sich im Kampf gegen die Interessenten klar zu positionieren. Doch gerade er betont immer wieder auch die wirtschaftliche Vernunft des Vereins, die bei einem Angebot in der dem Marktwert Lewandowskis entsprechenden Größenordnung zwischen 20 und 30 Millionen Euro sicherlich nicht aussetzen wird.

Ein vorzeitiger Abgang des Polen würde jedoch nicht nur eine der höchsten Ablösesummen einbringen, die der Verein je generierte. Lewandowski hinterließe ein sportliches Loch, größer als jenes, das Barrios hinterließ.

Barrios-Rückkehr kein Thema

Schwer vorstellbar, dass der noch unfertige Schieber in der Hierarchie dann eine Position nach oben rücken würde. Auch eine Barrios-Rückkehr, an der der Paraguayer offenbar interessiert ist, erscheint den Verantwortlichen irrsinnig.

Dortmund hätte jedoch genug Bares in der Hand, um nach einem gestandenen Lewandowski-Double Ausschau zu halten. Nur ist dieser Typ Stürmer ziemlich schwer zu vertraglichen Konditionen zu finden, gerade dies macht Lewandowski ja auch so begehrt.

Aus dem Regal der höchsten Güteklasse böte sich allenfalls eine Konstellation wie bei ManCitys Edin Dzeko an - geringe Spielanteile beim aktuellen Klub, mögliches Transferobjekt, mit der Bundesliga vertraut und sofortige Hilfe.

Dortmund gibt sich gelassen

Mit Ausnahme des Transfers von Marco Reus hat Dortmund in der Vergangenheit jedoch nie zweistellige Millionensummen investiert. Dass der BVB den Werdegang von Gornik Zabrzes 18-jährigem Sturmtalent Arkadiusz Milik, der in Polen aufgrund seiner Anlagen bereits mit Lewandowski verglichen wird, genau verfolgt, könnte ein Indiz dafür sein, dass sich daran auch bei einem Lewandowski-Abgang nichts ändern wird.

Anlass zur Sorge besteht in beiden Fällen nicht - Zorc bewies zuletzt fast durchgehend ein glückliches Händchen bei Transfers, konkurrenzfähig bliebe der BVB auch ohne den Polen zweifelsohne.

Die Strategie der ruhigen Hand, die die Borussia wie üblich auch im Fall Lewandowski anwendet, ist zweifelsohne die richtige. Man gibt sich gelassen, hat die Hausaufgaben gemacht und rüstet sich intern für alle Szenarien. Lewandowskis Professionalität und starke Leistungen halten das Thema in der Öffentlichkeit zudem nicht so sehr am köcheln, wie es beispielsweise beim Nachbarn aus Gelsenkirchen in der Personalie Klaas-Jan Huntelaar der Fall ist.

Sollte sich Lewandowski im kommenden Sommer für den nächsten Schritt in seiner Karriere entscheiden und seine Titel-Serie nicht reißen, verspräche dies zumindest ein ordentliches Happy End: Seit der Spielzeit 2008/2009 holte der 24-Jährige in jeder Saison mit seinem Verein Silberware.

Robert Lewandowski im Steckbrief