"Ich bin positiv bekloppt"

Von Interview: Jochen Tittmar
Freitag, 03.08.2012 | 13:29 Uhr
Kevin Großkreutz wurde 2011 und 2012 deutscher Meister mit Borussia Dortmund
© Getty
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Aus Liebe zum Verein macht Kevin Großkreutz vom Deutschen Meister Borussia Dortmund ungewöhnliche Dinge. Der Dortmunder Jung' spricht im Interview über Busfahrten mit 15-Jährigen, Urlaub bei Dede, den ersten Stadionbesuch, sein Image und ein Karriereende beim BVB.

SPOX: Herr Großkreutz, nach Saisonende sind Sie mit der U 15 des BVB zum Cordial Cup, einem der größten Jugendturniere in Europa, nach Tirol gefahren - mit dem Bus von Dortmund aus. Wieso?

Kevin Großkreutz: Ich kenne Trainer Benny Hoffmann ziemlich gut, wir sind Freunde. Ich lasse mich häufig in der Kabine seiner Jungs blicken, denen bin ich also ein Begriff (lacht).

SPOX: Dennoch ist diese Reise ziemlich ungewöhnlich für einen Profi, der soeben eine intensive Saison beendet hat.

Großkreutz: Das ist für mich als gebürtigen Dortmunder irgendwie ein natürlicher Reflex, ich möchte den jungen Kickern helfen. Wenn sie Fragen haben oder Ratschläge benötigen, dürfen sie sich jederzeit an mich wenden. Ich habe ihnen versprochen, dass ich mit zum Turnier fahre und ein bisschen im Training helfe, wenn ich frei habe. Und da dies der Fall war, habe ich das natürlich auch eingehalten. Wir sind pro Fahrt jeweils zehn Stunden zusammen im Mannschaftsbus gewesen. Das war einfach toll und hat mir sehr viel Spaß gemacht, inmitten dieser Jungs zu sitzen und zu sehen, wie sie sich geben.

SPOX: Sie haben auch einmal Ihren Winterurlaub in Brasilien bei Dede verbracht. Dass Teamkollegen zusammen in den Urlaub fahren, kommt auch recht selten vor.

Großkreutz: Es war schon immer ein Traum von mir, einmal nach Brasilien zu reisen. Daher habe ich Dede einfach gefragt, ob das zusammen mit ihm möglich wäre. Er war von der Idee begeistert.

SPOX: Während dieses Aufenthalt ist ein YouTube-Video entstanden, das Sie beim Schießen eines Elfmeters auf einem von Schlamm zersetzen Fußballfeld zeigt. Was war das für ein Spiel?

Großkreutz: Das war ein traditionelles Stadtderby in einem der Armenviertel, das immer einen Tag nach Weihnachten stattfindet.

SPOX: Und Sie durften da einfach so mitspielen?

Großkreutz: Sagen wir mal so: Die Aufnahmeregularien waren nicht sehr streng (lacht). Dede hat mich einfach gefragt, ob ich nicht Lust hätte, da mitzukicken. Das war ein Riesenerlebnis. Die Kids haben mich richtig klasse aufgenommen, ich war sofort einer von ihnen. Im Nachhinein hat mich das aber auch schon ein wenig nachdenklich gemacht. Die Menschen leben dort in wirklich schlechten Verhältnissen und zeigen dennoch eine unglaubliche Begeisterung für den Fußball oder freuen sich riesig, wenn man ihnen einen Gefallen tut. Das werde ich nie vergessen.

SPOX: Die Begeisterung für den Fußball und vor allem zum BVB ist auch bei Ihnen selbst unglaublich. Ihr Vater nahm Sie schon mit vier Jahren das erste Mal mit ins Stadion. Können Sie sich noch an die Begegnung erinnern?

Großkreutz: Klar, das war ein 4:1-Sieg gegen den 1. FC Köln im Jahre 1993. Torschützen waren Michael Zorc, Stephane Chapuisat und zweimal Matthias Sammer. Von da an bin ich fast zu jedem Heimspiel gegangen.

SPOX: Wer war zu Ihrer Anfangszeit als Fan Ihr größtes Idol?

Großkreutz: Paul Lambert. Er hat unbändigen Willen verkörpert und immer alles für den Verein gegeben. Diese Einstellung hat mir schon als kleines Kind sehr imponiert. Er ist deswegen auch bis heute bei den BVB-Fans sehr beliebt. Mich freut es für ihn, dass er jetzt auch als Trainer einen guten Job macht.

SPOX: Ihr Vater steht seit über 30 Jahren auf der Südtribüne. Er könnte mit Ihrer Hilfe die Spiele aber auch etwas exquisiter verfolgen.

Großkreutz: Mittlerweile ist er schon öfter im VIP-Raum. Aber es stimmt, er verpasst kein Spiel und ist auch auswärts immer mit dabei. Meistens packt er einen Freund ein und fährt dann mit dem Auto zu den Spielen - wie viele andere Fans eben auch. Er möchte ja nicht nur den BVB spielen sehen, sondern auch seinen Sohn. Er war sogar in Baku, als wir uns dort in Aserbaidschan vor zwei Jahren für die Europa League qualifiziert haben.

SPOX: Sprechen Sie mit ihm über Ihre sportlichen Leistungen oder meckert er auch mal?

Großkreutz: Ständig kritisieren darf er mich nicht. Das lasse ich mir von ihm nicht gefallen (lacht). Aber er gratuliert mir natürlich, wenn ich ein Tor schieße oder ein gutes Spiel abgeliefert habe. Wir reden ehrlich gesagt nicht so detailliert über die Partien.

SPOX: In der Öffentlichkeit wird dagegen viel über Sie geredet. Man spricht von Ihnen als der Fan, der Profi wurde. Gefällt Ihnen das?

Großkreutz: Das stimmt ja auch, aber darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich weiß natürlich weiterhin, was sich in der Fanszene tut und suche die Nähe der Anhänger. Nur weil ich jetzt Profi bin, würde ich keinen meiner Kollegen im Stich lassen. Ich bin der alte Kevin und so wie früher derselbe normale Mensch, der ich auch als Nicht-Profi war. Das wird auch so bleiben.

SPOX: Gibt es etwas, wo Sie mittlerweile sagen: Da hätte ich aufgrund meiner Popularität vielleicht anders reagieren sollen?

Großkreutz: Ja, das gibt es. Ich habe anfangs nicht immer die Tragweite meiner Äußerungen realisiert. Ich sage aber weiterhin das, was ich denke. Ich lüge nicht in Kameras oder während der Gespräche mit Zeitungen. Mir ist es wichtig, was die Leute, die mir nahe stehen, über mich denken und sagen. Was in irgendwelchen Internetforen geschrieben wird, ist mir aber relativ egal.

SPOX: Dass Sie zu Ihren Jungs von früher eine enge Beziehung pflegen, war auch in der Vorsaison bei der Meisterschaftsfeier nach dem Sieg gegen Borussia Mönchengladbach zu sehen. Sie haben nur ganz kurz vorbeigeschaut und sind dann mit Ihren Kumpels in der Nacht verschwunden.

Großkreutz: Ich habe da nicht genau auf die Uhr geschaut, aber es war jetzt auch nicht so, dass die ganze Mannschaft die komplette Zeit zusammen war und ich nur ein paar Minuten vorbeigeschaut habe. Das Ganze kam eher spontan. Ich habe meinen Kollegen nach dem Spiel Hallo gesagt und bin ein wenig bei ihnen hängen geblieben. Wir haben dann ausgemacht, dass wir uns später noch in der Stadt treffen werden - und das haben wir auch gemacht.

SPOX: Wie Marco Reus waren auch Sie schon in der Jugend des BVB, haben aber erst durch den Umweg Rot Weiss Ahlen den Sprung zu den Profis geschafft. Das Angebot aus Dortmund muss dann wie ein Sechser im Lotto für Sie gewesen sein, oder nicht?

Großkreutz: Erst einmal muss ich sagen, dass ich RW Ahlen wirklich richtig viel zu verdanken habe. Man hatte dort den Mut, mir zu einem frühen Zeitpunkt eine Chance zu geben. Nur so konnte ich mich überhaupt erst im Profigeschäft positionieren und auf mich aufmerksam machen. So etwas vergisst man nicht. Ich hatte dann recht viele Angebote, und beinahe hätte ich auch bei einem anderen Verein unterschrieben.

SPOX: Bei welchem?

Großkreutz: Das verrate ich nicht. Als dann plötzlich der Anruf aus Dortmund kam, war das schon eine Überraschung. Es war aber auch nicht so, dass ich für den BVB alles stehen und liegen gelassen habe. Hier hat die Perspektive gestimmt, die Gespräche mit dem Trainer waren überragend. Und wie man sieht, war das die absolut richtige Entscheidung für mich.

SPOX: Sie gehen nun in Ihre vierte Saison bei der Borussia. Wo sehen Sie sich in ein paar Jahren, haben Sie eine Art Karriereplan?

Großkreutz: Mein Vertrag läuft noch bis 2014, also spiele ich noch zwei Jahre für Borussia. Im Fußball kann man leider schwer vorausschauen, im Grunde weiß man ja nicht einmal, was die nächsten zwölf Monate alles für einen bereithalten. Ich will noch zehn Jahre Fußball spielen. England bleibt langfristig ein Traum von mir. Sollte ich eines Tages tatsächlich wechseln, wird sich dennoch nichts daran ändern, dass ich Borussia Dortmund immer lieben werde.

Borussia Dortmund in der Sommerpause

SPOX: Sie wären aber auch prädestiniert dafür, Ihre Karriere beim BVB zu beenden und zu einer Legende in Dortmund zu werden.

Großkreutz: Lange zu bleiben kann ich mir natürlich auch gut vorstellen. Ich stand auf der Südtribüne und habe vor allem auch die schlechten Zeiten miterlebt. Für alle, die währenddessen immer zum Verein standen und diese Finanzkrise letztlich überstanden haben, ist die Liebe zum Klub in den vergangenen Jahren noch einmal gewachsen. Das gilt auch für mich. Es gibt nichts Größeres, als für diesen Verein zu spielen.

SPOX: Zuletzt hieß es öfter, dass Sie um Ihren Platz in der Mannschaft bangen müssten. Am Ende haben aber doch immer wieder Sie gespielt. Warum?

Großkreutz: Ich mache mir auf dem Feld keine großen Gedanken, spiele mit Herz und Leidenschaft und habe im Fußball vor niemandem Angst. Ich bin positiv bekloppt (lacht). Diese Eigenschaften haben wohl immer den Ausschlag dafür gegeben, dass ich nicht oft draußen saß.

SPOX: Dem BVB wird vorgeworfen, als Doublesieger zu sehr auf Understatement zu machen und die sportlichen Ziele klein zu reden. Können Sie diese Diskussion nachvollziehen?

Großkreutz: Ich sehe keinerlei Vorteil darin, frühzeitig großspurig zu verkünden, man wolle unbedingt die Meisterschaft verteidigen. Ich kann versprechen, dass wir in jedem Spiel alles raushauen und bis zum bitteren Ende kämpfen werden. Das zählt in Dortmund - auch, wenn wir mal wieder nur Dritter oder Vierter werden sollten.

Kevin Großkreutz im Steckbrief

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