Die Lage bei Werder Bremen

Zeit für Veränderungen

Von Stefan Rommel
Freitag, 19.11.2010 | 17:58 Uhr
Die Macher bei Werder Bremen: Trainer Thomas Schaaf (l.) und Sportdirektor Klaus Allofs
© Getty
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Werder Bremen hinkt in der Tabelle hinterher, freut sich aber über eine sehr anständige Jahresbilanz und das neue Stadion. Sportdirektor Klaus Allofs und Trainer Thomas Schaaf haben in naher Zukunft aber weitreichende Entscheidungen zu treffen. Ein größerer Umbruch innerhalb der Mannschaft scheint unvermeidlich.

Die kleine Werder-Halle in der Hemelinger Straße reichte locker aus. Rund 40.000 Mitglieder hat Werder Bremen und liegt damit mittlerweile im oberen Drittel der Bundesliga.

Vor wenigen Jahren waren die Bremer in der Rangliste noch auf einem Abstiegsplatz gelegen, knapp vor dem SC Freiburg und Energie Cottbus.

Als am vergangenen Montag aber die ordentliche Jahreshauptversammlung anstand, schafften es lediglich 215 Vereinszugehörige in den Sitzungssaal.

Gemessen am völlig überfüllten Staatenhaus in Köln und der dort teilweise aggressiven Atmosphäre erschien die Bremer Mitgliederversammlung wie ein netter Kaffeplausch.

Wenig Punkte, gute Zahlen

Dabei ist die Lage in Bremen angesichts der traditionell hohen Erwartungshaltung durchaus auch als kritisch zu sehen. Im DFB-Pokal ereilte Werder bereits das Aus, das auch in der Champions League beharrlich an die Tür klopft.

In der Liga hängt Bremen vor dem Duell bei Schalke 04 (Sa., 15.15 Uhr im LIVE-TICKER) im hinteren Mittelfeld, mit 16 Punkten Rückstand auf die Spitze. Für einen Klub, der seit Jahren quasi Dauergast in der Königsklasse ist, eine bedenkliche Lage. Für seine Mitglieder offenbar nicht.

Immerhin hatte Sportdirektor Klaus Allofs dann tatsächlich gute Zahlen im Gepäck. Die Werder Bremen GmbH & Co. KG aA hat einen neuen Rekordumsatz erwirtschaftet, die 120,7 Millionen aus dem Vorjahr nochmals auf 126,4 Millionen übertroffen. "Ich denke, das ist wieder eine sensationelle Zahl", sagte Allofs.

Allerdings wies Allofs "nur" einen Gewinn von 1,1 Millionen Euro aus und damit deutlich weniger als im Vorjahr, als die Bremer satte 6,2 Millionen Überschuss erzielten. Nur sind dabei zwar die Transferausgaben für Marko Arnautovic und Wesley schon verbucht, die Erlöse aus dem Geschäft mit Mesut Özil aber offenbar noch nicht.

Stadionumbau: 16 Mio. Mehrausgaben

"Der Gewinnrückgang erklärt sich aus der Tatsache, dass wir vermehrt in den Kader investiert, zum Beispiel junge Spieler wie Aaron Hunt und Philipp Bargfrede langfristig an uns gebunden haben", lautete die offizielle Version von Allofs.

Wirklich störend waren nur die Mehrkosten im Rahmen des Stadionumbaus, die so nicht vorhersehbar waren. Rund 16 Millionen Euro muss die Weser-Stadion GmbH extra aufbringen. Vor allen Dingen für Ausgaben für die Infrastruktur, dem elektronischen Ticketing und im Hospitalitybereich.

"Wir sind der Überzeugung, dass zusätzliche Maßnahmen wie die Verbesserung der technischen Infrastruktur erforderlich sind, um konkurrenzfähig zu bleiben", erklärte Allofs."Wir haben keine goldenen Wasserhähne gebaut, sondern alles mit Augenmaß gemacht. Wir sind sehr zufrieden mit dem Projekt." Am Donnerstag eröffnete bereits die neue "Werder Fan-Welt".

Die Vergangenheit hatte Werder offenbar wie immer gut im Griff, das Prinzip der Schuldenanhäufung ist in Bremen weiterhin ein Fremdwort.

Langwierige Vertragsgespräche

Allerdings könnten schon in naher Zukunft ein paar Wolken aufziehen. Die Chancen, auch im achten Jahr in Folge international vertreten zu sein, sind bereits jetzt stark gesunken. Es droht ein Jahr ohne Einnahmen aus der UEFA-Zentrale.

Dabei stehen im Sommer unter Umständen erstmals seit Jahren wieder größere Veränderungen am Kader an. Die Verträge der Stammkräfte Petri Pasanen, Daniel Jensen, Sebastian Boenisch, Torsten Frings und Hugo Almeida enden im Juni 2011, die von Tim Wiese und Per Mertesacker ein Jahr später.

Will der Klub aber mit einem Verkauf der Nationalspieler noch Geld verdienen, muss ebenfalls in sieben Monaten eine Entscheidung her.

"Natürlich müsste man sich die Mannschaft anschauen und überlegen, wo es vielleicht Sinn macht, Schritte, die in den nächsten zwei, drei Jahren vielleicht gemacht worden wären, jetzt schon zu machen", deutete Allofs einen größeren Umbruch schon an.

Allofs kündigt Umbruch an

Die derzeit gültigen Kontrakte der Genannten wurden in den fetten Jahren der Champions-League-Teilnahmen verlängert, dementsprechend hoch sind die Bezüge angesetzt. Bei dem einen oder anderen steht der Verdienst aber nicht mehr in gesunder Relation zu den gezeigten Leistungen.

Nicht wenige Spieler fielen dazu in den letzten Jahren nach vollzogener Unterschrift in ein Leistungsloch. Eine schwierige Situation für die Macher.

Zurück zur Raute

Immerhin hat Trainer Thomas Schaaf die sportliche Talfahrt etwas gebremst. Ein 0:0 im Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt gilt dabei schon als beträchtlicher Fortschritt. "Man hat gemerkt, dass die Mannschaft nicht alles über sich ergehen lassen wollte, auch spielerisch waren wir teilweise schon gut dabei", sagte Schaaf nach dem Spiel gegen die Eintracht.

Fast unbemerkt im Nebel des Zweckoptimismus hatte Schaaf sein System umgestellt auf das Modell aus den erfolgreicheren Zeiten. Im 4-4-2 mit Mittelfeldraute begegnete er den starken Gästen, was sich als kluger Schachzug besonders in der zuletzt sehr anfälligen Rückwärtsbewegung erweisen sollte.

Silvestre langsam in der Spur

Die lauf- und kampfstarken Jensen und Wesley auf den Halbpositionen unterstützten die Außenverteidiger Pasanen und vor allen Dingen Mikael Silvestre. Der Franzosen, den Schaaf im Heimspiel davor gegen Twente Enschede quasi zum Selbstschutz nicht aufstellte, zeigte seine beste Leistung im Werder-Trikot.

Selbst vereinzelten Szenenapplaus heimste Silvestre ein. Ein kleiner Lichtblick. Aber auch das ist nicht des Rätsels endgültige Lösung: So kompakt Werder auf den Außenbahnen stand, so viele Schwierigkeiten hatte Frings im Zentrum bei schnellen Gegenangriffen der Gäste.

Allofs und Schaaf sind weiter auf der Suche nach dem Mittelweg - um auf Dauer doch wieder rauszukommen aus dem Mittelmaß.

Also fordert Allofs in den letzten Spielen vor der Winterpause eine Serie. "Unser Ziel sind 15 Punkte aus fünf Spielen. Auch wenn es nach dem bisherigen Saisonverlauf nicht danach aussieht. Aber ich bin überzeugt, dass wir oben angreifen können", sagt er. Nur: "Dafür müssen wir besser spielen!"

Vor Schalke-Spiel: Fritz kehrt zurück

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