Eine Reise zum Mars

Von Andreas Lehner
Freitag, 30.07.2010 | 17:24 Uhr
Sami Khedira bestritt bei der WM 2010 sieben Spiele für die deutsche Nationalmannschaft
© Getty
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Venlo

Sami Khedira macht mit seinem Wechsel zu Real Madrid den nächsten Schritt in seiner Karriere - den größtmöglichen überhaupt. Er kann die Tradition deutscher Mittelfeldstrategen in Madrid fortsetzen. Aber er kann auch schnell an seine Grenzen stoßen.

Kevin-Prince Boateng hat sich vor der WM in Deutschland nicht gerade beliebt gemacht. Mit seinem wüsten Foul im FA-Cup-Finale zerstörte er Michael Ballacks Traum von Südafrika und stürzte ein ganzes Land kurzzeitig in eine tiefe Depression.

Sami Khedira - legitimer Nachfolger Ballacks - dürfte schon damals gewusst haben, dass dieser Tritt eine Chance für ihn ist. Ein Chance, sich der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Die WM ist nach wie vor ein Schaufenster für Fußballer. Und Khediras starke Leistungen an der Seite von Bastian Schweinsteiger weckten so mancher Orts Begehrlichkeiten.

Besonders bei Real Madrid. Es wäre übertrieben zu sagen, den Namen Sami Khedira kannte bei Real Madrid vor der WM keiner. Aber es wäre ebenso übertrieben zu behaupten, der Name Sami Khedira stand schon vor der WM ganz oben auf der Einkaufsliste von Real Madrid und Trainer Jose Mourinho.

Khedira-Wechsel zu Real Madrid perfekt

Bobic kann Wechsel nachvollziehen

Steven Gerrard, Frank Lampard, Michael Ballack, das waren die Namen, die als erstes gehandelt wurden. Leute, die Mourinho aus seiner Zeit in England kennen und schätzen gelernt hat.

Bei der WM in Südafrika hat sich aber das deutsche Mittelfeld - neben dem spanischen - als eines der besten dieser Welt in die Notizblöcke der Scouts gespielt.

Und so ereilte Khedira der Ruf aus Madrid. Für eine Ablösesumme von knapp 14 Millionen Euro wechselt er nun in die spanische Hauptstadt. "Wir können den Wunsch von Sami nachvollziehen, bei Real an seiner weiteren Karriere zu arbeiten", sagte Stuttgarts neuer Sportdirektor Fredi Bobic, der quasi als erste Amtshandlung "einen absoluten Führungsspieler und eine Identifikationsfigur" ziehen lassen muss.

Testen der eigenen Grenzen

Dieses Ziel verfolgt jetzt auch Khedira mit Real Madrid. Er wechselt aus dem vergleichsweise beschaulichen Stuttgart zum größten und prestigeträchtigsten Klub der Welt. Ein Verein, der allein aufgrund seiner Bedeutung nie zur Ruhe kommt und in allen Etagen hyperventiliert. Wenn für Mario Gomez der Wechsel nach München ein Kulturschock war, so ist der Gang nach Madrid wie eine Reise zum Mars.

Als letzter Deutscher wagte Christoph Metzelder diesen Schritt. Er kam 2007 nach Madrid und konnte sich in drei Jahren nie wirklich durchsetzen. Er sei an persönliche Grenzen gestoßen, wie er zugab. "Ich muss anerkennen, dass es Spieler gibt, die besser sind." Schließlich sollen laut vereinseigenem Motto die besten Spieler der Welt bei Real Madrid spielen.

Auch Khedira wird sich mit dieser Problematik auseinandersetzen müssen und seine Grenzen kennenlernen. Real beschäftigt im Moment elf Mittelfeldspieler, darunter Xabi Alonso, Lassana Diarra, Mahamadou Diarra und Fernando Gago fürs defensive Mittelfeld. Die Position, die auch Khedira beansprucht.

Ein gewagter Schritt

Natürlich spricht es für Khedira, dass er von Mourinho höchstpersönlich verpflichtet wurde und keiner seiner direkten Konkurrenten diese Offensivpower in seinem Spiel hat. Aber einen Freibrief gibt es selbstverständlich nicht.

In den nächsten Wochen wird viel auf Khedira zukommen. Er wird sich schnell an die neue Umgebung, die neue Sprache und den neuen Spielstil gewöhnen müssen. Hinderlich ist dabei seine verkürzte Vorbereitung.

Er ist der erste Deutsche seit Robert Enke, der in so jungen Jahren den Schritt zu einem europäischen Spitzenklub wagt. Er steht noch am Anfang seiner Karriere und nicht auf dem Höhepunkt wie Michael Ballack und Jens Lehmann bei ihren Wechseln in die Premier League. Es ist ein gewagter Schritt, aber Khedira ist trotz seiner erst 23 Jahre sehr reif und auch eine Führungspersönlichkeit auf dem Platz.

Mourinhos neuer Motta

Sportlich zugute kommen dürfte ihm aber die taktische Ausrichtung von Jose Mourinho und sein offensiv angelegtes Spiel. Mourinho vertraute bei Inter einer Doppelsechs, in der Esteban Cambiasso die Ordnung der Defensive und die Spieleröffnung übernahm. Diese Rolle dürfte Xabi Alonso zufallen.

Daneben spielten mit Thiago Motta oder Dejan Stankovic zwei offensiver ausgerichtete Typen. Eine Rolle, die Khediras Art entgegenkommt. Er ist ein box-to-box-player, der im eigenen Strafraum abräumt und nur wenig später gefährlich vor dem gegnerischen Tor auftaucht.

Diese Ausrichtung könnte ihm in Madrid, wo sie das Offensivspektakel als Grundvoraussetzung erfolgreichen Spiels betrachten, in der Gunst der Fans schnell nach oben spülen. Dazu kommt sein Gespür für Lücken und Räume sowie seine Spielintelligenz. Bundestrainer Joachim Löw sagt, er bringe Symmetrie ins Spiel.

"Er ist ein idealer Mischtyp"

Khedira hat alles, was ein moderner Mittelfeldspieler braucht. Sein Stil lässt sich nur schwer einer Kategorie zuordnen, weil er so viele Qualitäten in sich vereint.

Rainer Adrion, der Trainer der deutschen U 21 und Khediras ehemaliger Jungendtrainer in Stuttgart, hat einmal gesagt, wenn ein Trainer sich den perfekten Mittelfeldspieler malen könnte, käme ein Bild von Khedira heraus. "Er ist ein idealer Mischtyp, den man nicht so oft findet. Er ist ein multipler Spieler, er kann alles interpretieren."

Khedira ist athletisch und elegant. Wuchtig und technisch brillant. Zweikampfstark und strategisch begabt. Alles gepaart mit einer offensiven Grundeinstellung.

Attribute, die sie ihn Madrid zu schätzen wissen und über Generationen verteilt auch bei seinen deutschen Vorgängern im Real-Trikot bewundern durften. Nach Günter Netzer, Paul Breitner und Bernd Schuster ist Khedira der vierte deutsche Mittelfeldstratege im Dienste der Königlichen.

Der Kader von Real Madrid

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