Die neue Doppelspitze von Schalke

Magath & Heldt: "Krass, fast extrem"

Von Haruka Gruber
Mittwoch, 14.07.2010 | 11:59 Uhr
Seit diesem Sommer wieder vereint: Felix Magath (l.) und Horst Heldt
© Imago
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Vor zehn Jahren stritten sich Felix Magath und Horst Heldt in Frankfurt fortwährend, nun regieren sie gemeinsam und in Harmonie den FC Schalke 04. Doch wie entstand das besondere Vertrauensverhältnis? SPOX ging auf Spurensuche und sprach mit alten Weggefährten.

Die geheimen Unterredungen fanden an unterschiedlichen Orten statt. Vor einem Auswärtsspiel in einem der Hotelzimmer. Während einer Dehnübung vor dem Training. Oder gleich in der Kabine, wenn sich die Mannschaft alleine fühlte.

Das Ergebnis jedoch war häufig dasselbe: Horst Heldt hörte sich die Klagen seiner Mitspieler an, beschwerte sich selbst über den rüden Führungsstil des Cheftrainers, sammelte alle Argumente, stand auf - und ging schnurstracks zu Felix Magath, um ihm die Meinung zu geigen.

Noch heute gilt Magath als der härteste Trainer der Bundesliga, doch vor zehn Jahren erinnerte er mehr an die fußballerische Version von Sergeant Hartman aus dem Film "Full Metal Jacket". Er war diktatorisch, gnadenlos und herablassend. Und: Mit seinem übertriebenen Autoritäts-Gehabe brachte er den gesamten Kader von Eintracht Frankfurt gegen sich auf.

"Mittlerweile hat Felix Magath ja selbst eingestanden, dass er damals einige Sachen falsch gemacht hat. Wir hatten damals regelrecht Angst vor ihm", erinnert sich Alexander Schur. "Aber Horst Heldt war einer der Wenigen neben Jan Aage Fjörtoft, der sich nicht einschüchtern ließ. Horst hat Magath einfach ins Gesicht gesagt, dass ihm dies und das nicht gefallen hat. Wir fanden das stark - und Magath insgeheim offenbar auch."

Heldt tauscht Schalke für Stuttgart

Heldt und Magath. Ein Arbeitsverhältnis, das damals in Frankfurt als offene Konfrontation zwischen einem Leistungsträger und einem unter Beschuss stehenden Trainer begann - und ab diesem Sommer fortgesetzt wird. Diesmal jedoch unter anderen Vorzeichen.

Weil Magath eine solch hohe Meinung vom Wirken seines ehemals so vorlauten Spielers hat, zog er im Hintergrund die Strippen und ermöglichte so Heldts Wechsel zu Schalke, obwohl dieser bis 2013 beim VfB Stuttgart als Sport-Vorstand unter Vertrag stand.

"Wir haben seit Jahren einen guten Kontakt und schätzen uns schon länger. Ich hatte bereits versucht, ihn für die Vereinsführung in Wolfsburg zu gewinnen, er hat dann aber einen Vertrag in Stuttgart unterschrieben", erklärt Magath, der auch schon 2009 einen Vorstoß bei Heldt wagte. Der Umworbene selbst sagt: "Ich bin überzeugt, dass es der richtige Schritt ist."

"Wir sind auf Augenhöhe"

Nicht verwunderlich, immerhin verdient Heldt angeblich bis zu drei Millionen Euro pro Jahr und bekommt auf Schalke einen Sitz im Vorstand, womit er zumindest formal mit Magath gleichgestellt ist. "Durch Champions League und Bundesliga kommen mehr Anforderungen auf uns zu, da reicht ein Gesicht nicht mehr", sagt der bisherige Alleinherrscher Magath.

Während Vorstands-Kollege Peter Peters weiterhin für die Finanzen und für die Verwaltung verantwortlich zeichnet, wird Magath seine bisher uneingeschränkte sportliche Kompetenzgewalt mit Heldt teilen. Selbst auf der Bank wird der 40-Jährige während der Spiele Platz nehmen. "Felix Magath und ich sind auf Augenhöhe", sagt Heldt.

Die sich daraus ableitende Frage lautet: Warum baut Magath, dem Entscheidungshoheit und klare Zuständigkeiten ein zentrales Anliegen sind und der deswegen selbst Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies die Stirn zeigt, einen derart starken Mann neben sich auf?

"Viel Verantwortung übernommen"

Ende 1999 wird Magath als neuer Trainer von Eintracht Frankfurt vorgestellt. Die Hessen hatten ein halbes Jahr zuvor mit einem 5:1 gegen Kaiserslautern im wohl dramatischsten Abstiegsfinale aller Zeiten den Klassenerhalt geschafft, doch nach der Hinrunde 1999/2000 findet sich Frankfurt erneut im Keller wieder, als Letzter mit neun Punkten.

Dank einer imposanten Rückserie mit 30 Zählern unter dem neuen Trainer Magath gelang der Eintracht jedoch erneut der Verbleib in der Bundesliga. Der vielleicht wichtigste Spieler bei der Aufholjagd hieß Horst Heldt, dem alleine in der zweiten Saisonhälfte acht Scorer-Punkte (drei Tore, fünf Vorlagen) gelangen.

"Horst hat in einer schweren Zeit sehr viel Verantwortung übernommen, das rechne ich ihm noch heute hoch an. Wahrscheinlich auch Magath", sagt Teamkollege Fjörtoft.

Magath verbraucht sich

In Jahr darauf aber hatte sich Magath verbraucht, die Risse zwischen ihm und der Mannschaft wurden offensichtlich, weswegen Anführer Heldt immer wieder den Kontakt zum Trainer suchte. Ohne Erfolg, Magath blieb der sture Schleifer - und wurde nur 13 Monate nach seiner Einstellung schon wieder entlassen.

Die Eintracht stieg dennoch ab und Heldt zog es zu Sturm Graz, wo er in eineinhalb Jahren jedoch nicht glücklich wurde und in Vergessenheit geriet. Schwer vermittelbar für die Bundesliga, so die Meinung der meisten, immerhin sei er bereits 33 Jahre alt.

Magath hingegen erging es wesentlich besser. Nicht einmal einen Monat nach der Trennung von Frankfurt bekam er in Stuttgart eine erneute Chance - und nutzte sie. Erst hielt er den abstiegsgefährdeten VfB in der Bundesliga (2000/01: 15.), führte den Klub ins Mittelfeld (2001/02: 8.), und als sich in der dritten Saison der Rücktritt seines Spielmachers Krassimir Balakow abzeichnete, dachte Magath wieder an Heldt.

Und daran, was ihn charakterlich auszeichnete und wie begabt er doch war.

Magath belebt Heldts Karriere neu

Im Januar 2002 wechselte der Fast-Rentner Heldt überraschend nach Stuttgart und hatte zumindest als Ergänzungsspieler Anteil an der Vizemeisterschaft 2002/03. In seiner letzten richtigen Saison 2003/04 wurde Heldt von Magath sogar zu Balakows Nachfolger bestimmt und erreichte mit Stuttgart immerhin Platz vier (acht Vorlagen in 31 Spielen).

"In diesen Monaten hat sich das Verhältnis vertieft, das hat man auch als Außenstehender gemerkt", sagt Michael Mutzel, der mit Magath und Heldt in Frankfurt wie auch in Stuttgart zusammenarbeitete. "Horst war im Vergleich zur Eintracht-Zeit älter und ruhte mehr in sich, Felix gab sich entspannter. So konnten sie sich aufeinander zu bewegen. Die Wertschätzung war sowieso immer gegeben, davon bin ich überzeugt."

Doch Heldt war weit davon entfernt, Magaths Musterschüler zu sein. "Ich weiß noch, wie Horst und ich während eines Trainingslagers in Portugal den freien Tag auf dem Golfplatz verbracht haben. Irgendwann klingelt Horsts Handy und Felix blafft ihn an, warum er denn Golf spielen würde und dass er sofort ins Hotel zurückkehren soll. Horst hatte definitiv keine Sonderrolle", erzählt Heldts damaliger Teamkollege Timo Wenzel, den es überrascht hat, dass sein Freund direkt nach dem Karriereende Anfang 2006 sofort in den Manager-Job umgestiegen ist.

Manchmal ein Fußball-Yuppie

Wenzel: "Bei Thomas Ernst war es abzusehen, weil er sich abseits des Trainings immer weitergebildet hat. Horst hingegen ging nach den Spielen gerne auch weg und hat sich mehr um Dinge gekümmert wie gemeinsame Kino-Besuche."

Fjörtoft hingegen ahnte bereits bei der Eintracht, welchen Weg Heldt einschlagen könnte. "Er hat damals schon mitgedacht und sich für viele Dinge interessiert. Er wollte sich Know-how aneignen und dachte manchmal wie ein Geschäftsmann. Nicht umsonst hat er auf einen Berater verzichtet und zusammen mit seiner Frau die Verträge ausgehandelt."

Heldts Ruf hat gelitten

Mittlerweile gehört Heldt nach einem Meistertitel und zwei Champions-League-Teilnahmen mit dem VfB zu den etablierten Machern der Bundesliga. Mit allen Ecken und Kanten. Sein forcierter Weggang von Stuttgart schadete seinem Leumund, selbst der eher zurückhaltende "Kicker" schrieb von einem  "unmöglichen Verhalten".

"Für Horst war es als Manager wohl die größte Herausforderung, lernen zu müssen, schwierige Entscheidungen zu treffen. Er ist clever genug, um zu wissen, was gemacht werden muss. Aber er ist zu sehr Mensch, um alles von sich weghalten zu können", sagt Mutzel.

Traumduo für jeden Verein

Genau diese Integrität, glaubt Mutzel, spielte für Magath eine wichtige Rolle, als er Heldt nach Gelsenkirchen holte. Ein sympathischer, spitzbübischer 40-Jähriger, der gleichzeitig Fachverstand verkörpert und mit seinem Wesen eine Art Schutzschild für den Verein bildet. Und damit auch Druck von Magath nimmt.

Mutzel: "Horst verkörpert eine super Mischung. Einerseits teilt er mit Felix Magath dieses krass erfolgsorientierte Denken, das fast schon ins Extreme geht. Andererseits ist er unglaublich loyal und sehr locker in vielen Dingen. Diese Kombination imponiert auch Magath."

Heldt und Magath - so verschieden aber doch so gleich. Oder wie es Fjörtoft formuliert: "Felix und Horst passen perfekt zusammen. Deswegen erwarte ich auch keine Kompetenzprobleme. Sie sind ein Traumduo für jeden Verein."

Felix Magath erhöht Druck auf Vereinsspitze

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