Freitag, 16.04.2010

Thomas Tuchel im Interview

Mainz plant Transfer-Coups

Mit neuem Stadion und neuen Millionen will Cheftrainer Thomas Tuchel Stars zum FSV Mainz 05 locken. Er selbst schließt einen Wechsel zu einem Topklub aus - dabei ist er neben Felix Magath und Louis van Gaal der Favorit auf den Titel "Trainer des Jahres".

Thomas Tuchel wurde mit den A-Junioren des FSV deutscher Meister und wurde dann befördert
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Thomas Tuchel wurde mit den A-Junioren des FSV deutscher Meister und wurde dann befördert

SPOX: Herr Tuchel, Mainz-Manager Christian Heidel erklärte jüngst, dass sich der FSV "von einem Kleinwagen zu einem Mittelklassewagen" verändern wird. Was meint er damit?

Thomas Tuchel: Der Umzug in die Coface-Arena in der nächsten Saison steht symbolisch für den großen Sprung in der Entwicklung des Vereins. Das neue Stadion ist ein Ausdruck dessen, dass wir uns sportlich, gesellschaftlich, aber auch wirtschaftlich als Standort im Leistungsfußball endgültig etabliert haben und in Mainz über die Jahre etwas Herausragendes gewachsen ist.

Vom Kellner zum Bundesliga-Coach: So tickt Thomas Tuchel

SPOX: Die "Sport-Bild" berichtet, dass Mainz im Zuge der neuen Arena eine Etat-Steigerung um fast acht Millionen Euro auf 40 Millionen Euro plant. Erfindet sich der Klub neu?

Tuchel: Ich weiß nicht, woher die Zahlen stammen, ich kenne sie nicht. Aber Fakt ist: Das frühere Ziel des FSV war es, den Platz unter den Top-25-Klubs in Deutschland zu behaupten. Mit dem Stadion und der einhergehenden wirtschaftlichen Stärke können wir aber angreifen: Wir wollen dauerhaft zu den Top 18 gehören.

SPOX: Heißt das, dass sich Mainz auch auf dem Transfermarkt anders präsentieren wird?

Tuchel: Wir sind bereits eine gute Adresse, sonst wäre beispielsweise nicht Malik Fathi im Winter zu uns gewechselt. Wir genießen bei vielen Fußballern eine hohe Wertschätzung für die Art und Weise, wie wir spielen. Jetzt kommt das neue Stadion hinzu. Sagen wir es so: Mittlerweile könnten Transfers möglich sein, die vor zwei Jahren unmöglich waren.

SPOX: Mainz verliert im Sommer Tim Hoogland, auch weitere Leistungsträger sind umworben. Werden dank des höheren Etats Stars als Ersatz verpflichtet? Bisher steht nur die Verpflichtung von Fürths Marco Caligiuri fest.

Tuchel: Wir beobachten den Markt. Uns kommt es sehr gelegen, dass wir recht früh Planungssicherheit haben. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass wir nicht die Philosophie des Vereins vernachlässigen. Und die besagt, dass wir uns vor allem auf Spieler konzentrieren, die mit dem FSV zusammen den nächsten Schritt machen wollen und eine Perspektive bieten.

SPOX: Das heißt im Klartext?

Tuchel: Ganz klar: Wenn wir jemanden holen, soll er uns in der Spitze verstärken. Derjenige muss uns auf höchstem Niveau weiterhelfen. Andererseits dürfen wir auch nicht zu viel erwarten. Ein Malik Fathi wurde nur ausgeliehen, dauerhaft ist er für uns wohl nicht zu finanzieren. Für die Breite wollen wir den Talenten aus unserem Nachwuchsleistungszentrum eine Chance geben.

SPOX: So wie bei Andre Schürrle?

Tuchel: Wir müssen der guten Arbeit im Nachwuchsleistungszentrum mehr Tribut zollen und die Jugendmannschaften enger mit der Profimannschaft verzahnen. Für Mainz ist es von immenser Bedeutung, dass Talente wie Andre Schürrle nachrücken, die von der Jugend bis zu den Profis das Mainz-05-Gen in sich tragen, vom Bruchweg geprägt wurden und diese Mentalität mitnehmen ins neue Stadion. Wir brauchen Identifikationsfiguren.

SPOX: Weil Sie wissen, dass womöglich die Seele des Vereins verloren gehen könnte?

Tuchel: Wie meinen Sie das?

SPOX: Der FSV verlässt nicht nur den Bruchweg und zieht in eine Arena ohne Historie. Im Sommer hören mit Dimo Wache und Marco Rose wahrscheinlich zwei Spieler verletzungsbedingt auf, die den FSV entscheidend geprägt haben.

Tuchel: Bei Dimo und Marco müssen wir sehen, wie es weitergeht. Sie kriegen alle Zeit der Welt. Aber unabhängig von den beiden ist klar: Die Zeit für einen Umbruch ist gekommen, die Mannschaft wird ein neues Gesicht bekommen. Mir ist davor dennoch nicht bange, denn ich weiß, dass ein Neuanfang in der Natur der Sache liegt. Wer sich weiterentwickeln möchte, muss bereit sein, alte Pfade zu verlassen. Und es ist ja nicht so, dass wir jeden austauschen würden. Nikolce Noveski ist langfristig gebunden, auch ein Bo Svensson oder Elkin Soto haben mit dem FSV bereits viel mitgemacht.

Tuchel und die Schwaben-Baden-Connection
Schwaben und Baden haben eher ein schwieriges Verhältnis. Aber gemeinsam haben sie einige Trainergrößen hervorgebracht. Einer davon ist Thomas Tuchel
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Tuchel begann seine Karriere als Aktiver bei den Stuttgarter Kickers und wechselte 1994 zum SSV Ulm 1846 unter Ralf Rangnick
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2000 wechselte er auf die Trainerbank. Dort ließ er sich von seiner "sportlichen Vaterfigur" Hermann Badstuber inspirieren
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Auch Tuchel-Mentor Ralf Rangnick gehört der Schwabenbande an. Zwischen 1999 und 2001 trainierte er den VfB Stuttgart
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SPOX: Sie betonen das Wort "Weiterentwicklung". Wie wichtig ist dabei Thomas Tuchel?

Tuchel: Der Verein hat sich ohne Thomas Tuchel herausragend entwickelt und wird sich auch ohne Thomas Tuchel herausragend weiterentwickeln. Ich tue mein Bestes, bringe mein Know-how ein und feile neben der Trainingsarbeit weiter an den weichen Strukturen, sprich: Ich will den Übergang vom Nachwuchsleistungszentrum zu den Profis vereinfachen und eine einheitliche Ausbildung in den Jugendteams einführen. Das ist mein Job, nicht mehr und nicht weniger.

SPOX: Aber Sie wissen schon, dass Sie neben Felix Magath und Louis van Gaal der Favorit auf den Titel "Trainer des Jahres" sind?

Tuchel: Ich merke natürlich eine Wertschätzung. In den ersten Wochen hat mir und dem Verein keiner etwas zugetraut und jeder ist davon ausgegangen, dass wir eine Sternschnuppe seien. Mittlerweile hören wir jedoch viel positives Feedback, weil wir bewiesen haben, dass wir uns konstant auf einem hohen Level eingependelt haben. Dennoch versuche ich, die öffentliche Meinung nicht an mich heranzulassen.

SPOX: Warum?

Tuchel: Ich lese sehr wenig im Internet und in Zeitungen und sehe selten fern, weil ich versuche, mich von alldem fernzuhalten. Sonst besteht die Gefahr, dass mein Arbeitsstil davon beeinflusst wird. Viel wichtiger ist es für einen Trainer, Leute um sich zu haben, an denen man sich spiegeln kann. Von diesen Leuten bekomme ich ehrliches Feedback - und das ist entscheidend.

SPOX: Was passiert jedoch, wenn spätestens ab nächster Saison Ihr Name automatisch ins Gespräch gebracht wird, weil ein gut situierter Klub wie Hamburg einen neuen Trainer sucht?

Tuchel: Ehrlich gesagt bin ich nicht darauf vorbereitet. Ich habe gemeinsam mit meinem Trainerteam jede Woche so einen hohen Anspruch an mich selbst, dass gar keine Zeit bleibt, groß vorauszuschauen. Wir beschäftigen uns mit Fragen wie: Wie können wir zukünftig noch einen draufsetzen? Was müssen wir ausmerzen? Gedanken darüber, was kommen könnte, entziehen einem hingegen nur die Energie. Zumal ich natürlich die Mechanismen des Fußballs kenne und sie ohnehin nicht außer Kraft setzen kann, egal ob es mir gefällt oder nicht.

SPOX: Sie sagten im letzten SPOX-Interview, dass Sie nur zu einem anderen Verein wechseln würden, wenn dieser zu Ihrer "Identität und Philosophie" passt. Was ist jedoch, wenn der Klub keine gemeinsame Vision, dafür aber viel Geld und Prestige bietet?

Tuchel: Dann glaube ich dennoch, dass ich das Angebot ausschlagen würde. Ich fühle mich beim FSV perfekt aufgehoben, weil ich zu schätzen weiß, welche Chance mir Mainz geboten hat und welche Möglichkeiten mir dadurch eröffnet wurden zu lernen und sich zu entwickeln.

SPOX: Und wenn Ihre Entwicklung schneller verläuft als die des FSV?

Tuchel: Ich weiß, dass bei aller Schnelllebigkeit auch im Fußball Leistung wahrgenommen und geschätzt wird. Ich denke jedoch noch nicht einmal darüber nach, was kommen könnte, und lege lieber den Fokus auf das Jetzt. Diese Vorgehensweise hat sich schon in der Vergangenheit als erfolgreich erwiesen. Wenn meine Entwicklung beinhaltet, irgendwann woanders hinzugehen, weiß ich es dementsprechend auch erst dann, wenn es soweit ist und nicht vorher.

SPOX: Die meisten Trainer beschäftigen mittlerweile einen ganzen Beraterstab. Der eine plant die Karriere, der zweite regelt Vertragsdetails, die anderen organisieren Sponsoren oder schanzen Interviews zu. Und viele Berater sondieren für ihre Klienten den Trainer-Markt nach besseren Angeboten. Wie viele Agenten haben Sie?

Tuchel: Keinen. Ich nehme mich nicht wichtiger, als ich bin, daher kriege ich das meiste alleine hin. Und wenn ich Hilfe brauche, bin ich beim FSV in guten Händen. Vertragsverhandlungen mit Christian Heidel dauern im Schnitt 90 Sekunden, alles andere erledigt der Verein für mich. Pressesprecher Tobias Sparwasser selektiert die öffentlichen Anfragen und Dag Heydecker aus dem Marketing sortiert Anfragen für Vorträge und ähnliches. Mein Hauptprodukt ist die Trainingsarbeit, und daher lasse ich mich von anderen Dingen bewusst nicht verrückt machen.

SPOX: Dennoch die Nachfrage: Haben sich bereits andere Vereine bei Ihnen gemeldet und Interesse bekundet?

Tuchel: Nein, überhaupt nicht.

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