Thomas Tuchel im Interview

"Sein Tod ist ein furchtbarer Verlust"

Von Interview: Haruka Gruber
Montag, 21.09.2009 | 10:38 Uhr
Thomas Tuchel ist seit 3. August Cheftrainer von Mainz 05
© Imago
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Vom Kellner zum Trainer-Shootingstar: Kurz vor dem Saisonstart als A-Jugendcoach überraschend zum Cheftrainer befördert, rangiert Thomas Tuchel mit Aufsteiger FSV Mainz 05 nach dem 3:2 beim VfL Bochum fast schon sensationell auf Rang fünf. Der 36-Jährige über sein bewegtes Leben, die deutsche Ajax-Schule, die Demut des FC Barcelona und seinen kürzlich verstorbenen Mentor Hermann Badstuber.

SPOX: Matthias Sammer erzählte jüngst, dass er vor ein paar Jahren FSV-Präsident Harald Strutz davon überzeugt hätte, gut ausgebildete Fußball-Lehrer für die Nachwuchsarbeit zu verpflichten. "Die können es eines Tages vielleicht zum Cheftrainer bringen", sagte der DFB-Sportdirektor. Haben Sie sich bereits bei Sammer bedankt?

Thomas Tuchel: Matthias Sammer hat es ja nicht explizit auf mich gemünzt. Aber natürlich bin ich dankbar, dass in den letzten Jahren ein Umdenkprozess eingesetzt hat. Die Vereine verstehen den Trainerjob als Lehrberuf und legen bereits in den Nachwuchsleistungszentren mehr Wert auf die Ausbildung. Man muss kein mehrfacher Nationalspieler gewesen sein, um eine Chance in der Bundesliga zu bekommen.

SPOX: Haben Sie Ihre Beförderung erwartet? Immerhin wollte Sie im Sommer der DFB als Co-Trainer der U 21 und Hoffenheim als Coach der zweiten Mannschaft abwerben - woraufhin der FSV Ihre Freigabe verweigerte.

Tuchel: Ich wusste um die besondere Wertschätzung und mir wurde eine mittelfristige Perspektive aufgezeigt. Dass diese so schnell Realität wird, war aber nicht absehbar und in der Kurzfristigkeit sehr überraschend.

SPOX: Ein weiteres Zitat von Sammer: "Es ist besser, sich als junger Trainer ohne den Druck der Medien und der Öffentlichkeit Fehler erlauben zu können". Hatten Sie bereits genug Zeit, um Fehler zu machen?

Tuchel: Ich bin zwar erst 36 Jahre alt, aber ich gehe bereits in meine zehnte Saison als Trainer. Daher: ja. Mir kommt jetzt zugute, dass ich neun Jahre lang wertvolle Erfahrung in den verschiedensten Nachwuchsleistungszentren gesammelt habe.

SPOX: Waren Sie dementsprechend darauf vorbereitet, von den Medien sofort vereinnahmt zu werden? Als Kumpeltyp, als Al-Pacino-Motivator oder wahlweise auch als der nächste Jürgen Klopp oder der nächste Ralf Rangnick?

Tuchel: Ich verstehe die Bedürfnisse der Medien. Sie brauchen Geschichten, daher bin ich nicht pikiert, wenn jemand die stereotypischen Schubladen aufmacht. Ich nehme mich nicht so wichtig, um mich daran zu stören. Wenn man im Fußball-Business arbeitet, lebt man in einer Art Parallelwelt. Dem muss man sich stellen - und das ist für mich kein Problem.

SPOX: Ist Ihre unaufgeregte Art auch eine Reaktion auf die ernüchternd verlaufene Karriere als Fußballer? Sie mussten verletzungsbedingt bereits mit 24 aufhören.

Tuchel: Vielleicht hatte es einen indirekten Einfluss. Das Ende meiner Fußballer-Laufbahn war ein plötzlicher und äußerst schmerzhafter Bruch in meinem Leben. Es wird einem sehr plötzlich bewusst, dass viel oberflächliche Anerkennung einfach abebbt, wenn man keine Leistung mehr erbringen kann.

SPOX: Wie haben Sie den Schock verarbeitet?

Tuchel: Ich habe mein Abitur genutzt und etwas angefangen, dass so gar nicht meinem Talent entspricht: BWL studieren. Es ging auch darum, mir zu beweisen, dass ich auch abseits des Fußball-Platzes etwas durchziehen kann. In meiner aktiven Zeit hatte ich parallel ein Englisch- und Sportstudium wie auch eine Ausbildung zum Physiotherapeuten angefangen, beides aber wegen der Doppelbelastung als Fußballer vorzeitig abgebrochen. In das BWL-Studium habe mich aber reingebissen, auch wenn ich nicht besonders gut war und es nicht immer Spaß gemacht hat. Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass das Studium und der Abschluss wichtig für meine Charakterbildung waren.

SPOX: Michael Skibbe hat eine ähnliche Vita. Statt wie Frankfurts Coach nach dem frühen Ende der Fußballerlaufbahn im Ausland als Trainer zu hospitieren, haben Sie jedoch gekellnert.

Tuchel: Während meines BWL-Studiums in Stuttgart habe ich nebenbei in einer Bar ein-, zweimal die Woche ausgeholfen. So, wie es jeder normale Student auch macht. Am Anfang war es aber nicht einfach, weil ich über meinen eigenen Schatten springen musste. Zuvor war ich es als Fußballer gewohnt, in der Öffentlichkeit zu stehen. Nach einigen Wochen wurde mir jedoch bewusst, dass der Kellner-Job das Beste war, was mir passieren konnte. Ich habe die Zeit sehr genossen und Anerkennung von Leuten gefunden, die gar nicht wussten, dass ich irgendwann einmal ganz gut Fußball gespielt habe.

SPOX: Zudem wurden Sie parallel von Ihrem Ex-Coach Ralf Rangnick in den Trainerstab des VfB eingegliedert. Wie kam es zustande? Sie sagen von sich selbst, ein schwierig zu führender Spieler gewesen zu sein.

Tuchel: Ich war sicherlich nicht leicht zu handhaben. Aber zum Ende unserer Zeit in Ulm haben wir einen sehr guten Draht zueinander aufgebaut. Ralf Rangnick hatte es sehr bedauert, dass ich nach meiner Verletzungsgeschichte den Vertrag nicht mehr verlängern konnte oder wollte. Ein dreiviertel Jahr später habe ich Ralf Rangnick, mittlerweile in Stuttgart, wieder kontaktiert, weil ich schmerzfrei war und einen neuen Versuch als Fußballer bei den VfB-Amateuren versuchen wollte. Nach zwei Monaten musste ich das Comeback abbrechen, woraufhin Ralf Rangnick mich gefragt hat, ob ich mir eine Zukunft im Nachwuchsbereich vorstellen könnte. So kam eine Hospitanz zustande, dann wurde ich Trainer der U 14 des VfB und es nahm seinen Lauf.

SPOX: Rangnicks Mentor Helmut Groß erzählte im SPOX-Interview, dass die beiden sich in den 80er Jahren die Nächte um die Ohren geschlagen haben, um das Spiel des AC Milan zu analysieren. Sind Sie ähnlich obsessiv?

Tuchel: Heutzutage ist es nicht mehr so einfach, einen Verein zu finden, der derart eine Ära prägt wie damals Milan oder Dynamo Kiew mit ihrem aggressiven und ballorientierten Spiel. Mittlerweile agiert fast jeder Klub so. Dennoch kommt es vor, dass ich mich allein oder mit dem Trainerteam irgendwo vergrabe und wir uns Fußballspiele anschauen, bis es fast Tag wird. Und das kann dann durchaus auch Fulham gegen West Ham sein, wenn wir glauben, dass in diesem Spiel ein taktisches Merkmal besonders gut umgesetzt wird.

SPOX: Sie sagten einmal, dass Sie den FC Barcelona bewundern würden. Nicht jedoch wegen Lionel Messi oder Andres Iniesta, sondern wegen Barcelonas "Demut". Was meinen Sie damit?

Tuchel: Ich bin der Meinung, dass es die herausragende Leistung von Barcelona in der vergangenen Saison war, mit welcher Hingabe und Leidenschaft nach einem Ballverlust in der gegnerischen Hälfte die komplette Mannschaft sofort versucht hat, den Ball zurückzuerobern. Dazu gehört eine Menge Demut gegenüber dem eigenen Status als Star. Es ist nicht selbstverständlich, dass sich Spieler auf solch hohem Niveau kollektiv einer Sache verschreiben und sich keiner das Recht herausnimmt, defensiv etwas nachlässiger aufzutreten.

SPOX: Ist im Fußball, wo Eitelkeiten eine wichtige Rolle einnehmen, Demut womöglich der Schlüssel zum Erfolg?

Tuchel: Wer Biografien von Tiger Woods, Michael Jordan, Pete Sampras oder Roger Federer liest, wird immer wieder über das Wort Demut stolpern. Man darf Demut aber nicht mit Unterwürfigkeit verwechseln. Vielmehr geht es um eine Art der Bescheidenheit. Eine Bescheidenheit, woraus ein hoher Anspruch gegenüber sich selbst entsteht.

SPOX: Wie meinen Sie das?

Tuchel: Es ist wichtig, dass jeder Sportler sein außergewöhnliches Talent erkennt und weiß, dass er gesegnet ist mit seiner Begabung. Daraus sollte jeder eine Verpflichtung ableiten. Dass man alles daran setzen sollte, das gesamte Talent auch tatsächlich zu nutzen und das Höchstmögliche anzustreben.

SPOX: Eine Einstellung, die Sie von Ihrem kürzlich verstorbenen Mentor Hermann Badstuber, Vater von Bayern Münchens Verteidiger Holger Badstuber, gelernt haben?

Tuchel: Hermann hat es vorgelebt. Wir haben uns beim VfB kennengelernt und er hat sich zu einer sportlichen Vaterfigur für mich entwickelt. Der Kontakt ist nie mehr abgerissen und wir haben mehrmals wöchentlich miteinander gesprochen. Sein Tod ist ein ganz furchtbarer Verlust, vor allem für seine Familie. Er hat größten Anteil daran, dass aus meiner Euphorie für den Trainerjob Akribie wurde.

SPOX: Wie hat er es geschafft?

Tuchel: Ich kenne bis heute kaum einen Trainer, der so viel Fachwissen in sich vereint, gleichzeitig aber so viel Querdenken zulässt, sich ständig hinterfragt, fleißig arbeitet und dabei bescheiden geblieben ist. Er hat mich fachlich und menschlich sehr, sehr geprägt.

SPOX: Hermann Badstuber und Ralf Rangnick, aber auch Bundestrainer Joachim Löw, U-21-Coach Rainer Adrion und Freiburgs Robin Dutt stammen aus dem baden-württembergischen Raum und vertreten einen ähnlichen Fußballstil. Sie sind der Nächste. Was steckt dahinter?

Tuchel: Es lässt sich vielleicht mit der Ajax-Schule vergleichen. Als Ralf Rangnick und Helmut Groß in Stuttgart Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre ein neues VfB-Spielsystem installiert haben, hatte es Vorbildcharakter für die ganze Region. So entstand in Baden-Württemberg eine Keimzelle, aus der sich vieles entwickelt hat und von der ich in meiner Zeit als VfB-Juniorentrainer inspiriert und geprägt wurde.

SPOX: Kann man sich den Zusammenschluss als Think Tank, als eine Fußball-Denkfabrik, vorstellen?

Tuchel: Wenn Sie so wollen, ja, wir tauschen uns häufig aus. Es gehören ja noch weitere Trainer zu dieser baden-württembergischen Schule wie der angesprochene Helmut Groß, Hoffenheims Co-Trainer Peter Zeidler oder Wolfgang Geiger und Hans-Martin Kleitsch, mit denen ich in ständigem Kontakt stehe. Die Diskussionen mit diesen Trainern sind nach wie vor sehr wichtig für meine Entwicklung.

SPOX: Die von Ihnen erwähnte baden-württembergische Schule proklamiert einen laufintensiven, aggressiven und offensiven Stil - was bei den Fans sehr gut ankommt. Warum spielen nicht alle Trainer diese Art des Fußballs?

Tuchel: So einfach ist das nicht. Man muss aufpassen, dass der vom Trainer bevorzugte Stil zur Identität und Philosophie eines Vereins passt. Der FC Bayern spielt einen Bayern-typischen Fußball, Juventus einen Juventus-typischen Fußball, Arsenal einen Arsenal-typischen Fußball. Für Mainz würde es keinen Sinn machen, diese Mannschaften kopieren zu wollen, denn der Mainzer Fußball ähnelt seit Jürgen Klopp der baden-württembergischen Schule - was mir natürlich entgegenkam. Meine Vorstellung von Fußball war ein maßgeblicher Grund dafür, dass ich überhaupt die Stelle beim FSV als A-Jugendtrainer bekommen habe.

SPOX: Heißt es im Umkehrschluss, dass Sie niemals für einen anderen Verein arbeiten könnten, der eine andere Philosophie verfolgt?

Tuchel: Man müsste sehen, inwiefern die Klub-Verantwortlichen mein Bild des Fußballs würden teilen wollen oder inwiefern ich selbst von meinen eigenen Überzeugungen stückweit abrücken müsste, um die Identität des Vereins zu wahren. Der entscheidende Punkt ist: Jeder Verein sollte sich bewusst sein, welche Philosophie er vertreten will, und sollte dementsprechend nicht immer den bekanntesten Trainer verpflichten, sondern den geeignetsten. Mainz hat es getan.

Zum Steckbrief von Thomas Tuchel

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