Donnerstag, 18.02.2010

Fabian Lustenberger im Interview

Lustenberger: "Ich gehe auch weiter zum Friseur"

Hertha BSC Berlin steckt im Abstiegskampf, hat fünf Punkte Rückstand auf Relegationsplatz 16. Dennoch gibt es Lichtblicke in dieser verpatzten Saison. Einer davon ist Fabian Lustenberger. Im Interview mit SPOX erklärt der Schweizer, wie ihn die Abstiegsangst im Alltag verfolgt, was sich bei der Hertha in der Winterpause verändert hat und ob er sich noch WM-Chancen ausrechnet.

Fabian Lustenberger kam im Sommer 2007 vom FC Luzern zu Hertha BSC
© Getty
Fabian Lustenberger kam im Sommer 2007 vom FC Luzern zu Hertha BSC

SPOX: Zuletzt gab es nur drei Punkte aus vier Spielen. Trainer Friedhelm Funkel sagte schon in Bremen, man habe zwei Punkte zu wenig. Haben Sie auch ständig die Tabelle im Kopf?

Fabian Lustenberger: Die Tabelle ist schon präsent. Wenn man ganz unten steht, schaut man auch mal auf den Punkteabstand zu den Konkurrenten, das ist normal. Aber wir müssen von Spiel zu Spiel schauen. Für uns ist auch in Freiburg was möglich.

SPOX: Schaut man wirklich nur von Spiel zu Spiel?

Lustenberger: Auf jeden Fall. Es bringt ja nichts, wenn man sich alles zurechtlegt und vorrechnet, und dann die Punkte nicht holt.

SPOX: In der Rückrunde hat die Hertha immerhin nur ein Spiel verloren. Können Sie beschreiben, was sich seit der Winterpause getan hat?

Lustenberger: Unser Spiel hat sich vor allem in der Defensive verbessert, dort haben wir an Stabilität gewonnen. Wir stehen kompakter. Das fängt schon bei den Stürmern an, die gut mit nach hinten arbeiten. Das macht es für die Mittelfeldspieler und Verteidiger einfacher. Ich finde, wir haben das bis jetzt auch sehr gut gemacht.

SPOX: Jetzt steht mitten im Abstiegskampf die Europa League an. Ist dieses Zwischengeplänkel nicht eher hinderlich?

Lustenberger: Nein. Jedes Europa-League-Spiel ist etwas Besonderes, egal ob in der Gruppenphase oder in der K.o.-Runde. Vor allem, wenn man auf einen Gegner wie Benfica Lissabon trifft - die sind schon seit Jahren in Europa mit dabei, haben schon Champions League gespielt. Für mich als junger Spieler ist das schon toll, vor allem, weil man noch mehr Erfahrung sammeln kann.

SPOX: Können Sie privat manchmal abschalten oder denken Sie immer nur an die prekäre Situation mit der Hertha?

Lustenberger: Schwierig. Man wird ja immer wieder mit dem Szenario Abstieg konfrontiert. Das Thema ist allgegenwärtig, jeden Tag steht es in den Zeitungen. Man wird auch häufig darauf angesprochen. Auch von Freunden aus der Schweiz. Ich versuche aber nicht an den Abstieg zu denken. Es ist wichtig, während der freien Tage auch mal den Kopf frei zu bekommen und abzuschalten.

SPOX: Sie gelten bei der Hertha als der Gewinner der Krise. Ist das zurzeit die beste Phase in Ihrer Karriere, wenngleich zu einem ungünstigen Zeitpunkt?

Lustenberger: Natürlich wäre ich lieber Stammspieler, wenn es besser laufen würde, aber das kann man sich nicht aussuchen. Ich bin einfach froh, dass ich nach zwei schweren Verletzungen und zehn Monaten ohne Spielpraxis wieder zu hundert Prozent fit bin. Dass ich jetzt Stammspieler bin, ist schön, aber darum geht es nicht. Ich darf mich nicht auf meinem Status ausruhen, sondern muss weiter hart für den Klassenerhalt arbeiten.

SPOX: Für einen Spieler im defensiven Mittelfeld sind Sie doch eher schmächtig gebaut. War ihr langsamer Start in die Bundesliga auch Ihrer mangelnden Physis geschuldet?

Lustenberger: Man muss bedenken, dass ich erst 19 Jahre alt war, als ich in die Bundesliga kam. Das war schon ein großer Schritt für mich, ich musste erst das ganze Umfeld kennenlernen und mich an die Bundesliga gewöhnen. Aber ich habe mich ziemlich schnell zurecht gefunden und auch schon im ersten Jahr viele Einsätze gehabt. Dann kamen die Verletzungen.

SPOX: Sie haben vor der Saison etwas an Körpermasse zugelegt. Wieso tun Sie sich dabei so schwer? Die Schweizer Küche ist doch eher deftig.

Lustenberger: (lacht) Stimmt! Das mit der Gewichtszunahme ist schwer zu erklären, ich würde das natürlich auch gerne ändern. Aber nun habe ich ja ein bisschen zugelegt. Man merkt, dass ich mich durchsetzen kann. Das Körperliche ist im Fußball heutzutage ohnehin nicht das Entscheidende.

SPOX: Sondern? Eine Berliner Zeitung titelte vor kurzem in einem Artikel über Sie: 'Schmal, aber schlau.' Wird das Ihrer Spielweise gerecht?

Lustenberger: Das kann man so beschreiben. Ich bin keiner, der spektakuläre Auftritte hat oder große Tricks zeigt. Das überlasse ich gern den anderen. Für die Mannschaft ist es wichtig, dass ich im Defensivverbund gut arbeite und den Offensivspielern den Rücken frei halte. Das ist mir bis jetzt nicht so schlecht gelungen.

SPOX: Was müssen Sie noch verbessern?

Lustenberger: Ich kann im Spiel nach vorne noch mehr machen. Das ist mir auch bewusst. In unserer Situation ist es momentan allerdings wichtiger, erst mal hinten gut zu stehen.

SPOX: Was machen Sie eigentlich im Sommer? Im Juni/Juli findet ja so ein großes Turnier statt...

Lustenberger: Momentan sieht es danach aus, dass ich meinen Urlaub in der Schweiz oder woanders genießen werde.

SPOX: Noch keinen Anruf vom Schweizer Nationalcoach Ottmar Hitzfeld erhalten?

Lustenberger: Nein, da gab es noch keinen Kontakt. Ich werde häufig auf das Thema angesprochen und sage immer: Entscheidend ist die Leistung bei der Hertha. Die besten Chancen auf die WM hat man, wenn man regelmäßig spielt und dabei Vollgas gibt. Das andere ergibt sich dann von selbst.

SPOX: Sie fallen auf dem Platz auch durch Ihre Frisur auf. Bochums Paul Freier hat ähnliche Locken und sagte kürzlich, er gehe jetzt gar nicht mehr zum Friseur. Wie ist das bei Ihnen?

Lustenberger: (lacht) Das wäre höchstens eine Alternative, wenn wir eine Siegesserie starten sollten. Aber eigentlich sehe ich keinen Grund, nicht mehr zum Friseur zu gehen. Prinzipiell ist es mir eh egal, was die Leute über meine Frisur denken.

SPOX: Sie haben noch Vertrag bis 2012. Bleiben Sie auch in Berlin, wenn es mit dem Klassenerhalt nicht klappt?

Lustenberger: Da gab es noch keine Gespräche. Erstmal rechne ich damit, dass wir nicht absteigen. Alles andere ist Zukunftsmusik.

Europa League: Hertha vor schwierigem Spagat

Interview: Florian Bogner

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