Jugendarbeit beim FC Bayern München

Wo bleibt der neue Messi?

Von Thomas Gaber
Montag, 23.03.2009 | 16:22 Uhr
Das neue Vereinsgelände des FC Bayern München an der Säbener Straße
© Imago
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Philipp Lahm, Michael Rensing, Bastian Schweinsteiger - drei Spieler von vielen, die beim FC Bayern München ausgebildet wurden und den Sprung in den Profifußball geschafft haben. Zum Start der Serie "Die Zukunft des deutschen Fußballs" hat sich SPOX auf die Spuren von Lahm und Co. begeben.  

Die Flanke kommt punktgenau. Dejan Janjatovic hebt kurz das linke Füßchen und lässt den Ball sauber abtropfen. Der Kopf ist oben, der Blick entschlossen. 25 Meter Torentfernung.

Der Abwehrspieler rückt raus und attackiert Janjatovic. Eine Körpertäuschung, ein Übersteiger, ein kurzer Sprint, ein strammer Rechtsschuss ins linke Dreieck. Elegant, dynamisch, abgezockt.

"Wenn er bloß nicht so faul wäre..."

Alltag im Training der U 17 des FC Bayern München. "Einen Spieler mit diesem Potential hatte ich seit zehn Jahren nicht mehr", sagt Trainer Stefan Beckenbauer im Gespräch mit SPOX, während sich Janjatovic gerade mittels Beinschuss einen lästigen Gegenspieler vom Leib hält.

Doch Beckenbauers Einschränkung folgt prompt: "Wenn er bloß nicht so wahnsinnig faul wäre...Er verlässt sich zu sehr auf sein Talent." 14 Spieler hat Beckenbauer an diesem Dienstagnachmittag versammelt, zwölf Feldspieler und zwei Torhüter. Trainiert wird auf dem Kunstrasenplatz des Vereinsgeländes an der Säbener Straße. Zur gleichen Zeit trainieren die Profis links nebenan auf dem Hauptrasenplatz, begutachtet von zwei Dutzend Kiebitzen.

Bei der U 17 schaut selten jemand vorbei. Kein Kiebitz, kein Klinsmann. "Der war noch nie hier", erzählt Beckenbauer. "Der Vorstand lässt sich auch nicht blicken. Es sei denn, wir spielen um die deutsche Meisterschaft." Kurze Pause. "Und meine ehemaligen Spieler wie Schweinsteiger oder Rensing sind auch nie da. Das ist sehr schade. Es sind ja nur 30 Meter von da drüben bis hier her."

Beckenbauer hat sich damit abgefunden, dass seine Arbeit weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Aber so ist es ihm eigentlich lieber. "Ich muss meinen Jungs eh schon genug Flausen austreiben. Wenn Promis zuschauen, wollen sie noch mehr zaubern." 

Scholl macht den Hitzfeld

Ein A-Promi ist dennoch zugegen. Mehmet Scholl lässt nebenan seine U 13 im Eins-gegen-eins aufeinander los. Zwei Dreikäsehochs rasseln zünftig zusammen. Beide wälzen sich am Boden, der eine hält sich die Hüfte, der andere das Schienbein. "So, und jetzt stehen wir wieder auf", sagt Scholl. Wie ein General beobachtet er die Szenerie, Scholls Körperhaltung hat ein bisschen was von Ottmar Hitzfeld.

Der hat beim FC Bayern Titel am Fließband gesammelt. Mit Spielern wie Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Dietmar Hamann oder Owen Hargreaves. Allesamt Eigengewächse. Alle haben das Fußballspielen beim FC Bayern gelernt oder zumindest mehrere Jahre in der Jugendabteilung verbracht.

Lahm ist der absolute Liebling von Werner Kern, dem Boss des Junior Teams beim FC Bayern. "Der hat sich früher Misimovic und Trochowski geschnappt und nach dem Training noch vier Stunden in der Halle gespielt. Für den gab es nichts außer Fußball", erzählt Kern im Gespräch mit SPOX. Mittlerweile zählt Lahm zu den besten Linksverteidigern der Welt - gegen seinen Willen. Lahm spielt eigentlich lieber rechts, Lahm muss für seine Vielseitigkeit und sein Talent "bezahlen".

Keine Chance für Perus Messi

Talent haben alle, die dem Junior Team des FC Bayern angehören. Das vereinseigene Internat beherbergt nur 13 Spieler. "Das ist eine überschaubare Zahl. Wir wollen hier keine Massenabfertigung betreiben, sondern gezielt Talente an den Profifußball heranführen", sagt Kern. Bewerber für einen der 13 Plätze gibt es jede Menge. Rein darf aber nur, wer aus Bayern-Sicht ein Großer werden kann.

"Es wird heiß diskutiert unter den Jugendtrainern. Einen Platz im Internat bekommt nur ein Spieler, von dem wir geschlossen überzeugt sind", so Kern. Pierre Larrauri durfte auch mal ein halbes Jahr hier wohnen. Im August 2007 kam der damals 13-jährige Peruaner zum FC Bayern. Larrauri galt als nächster Lionel Messi, das Videoportal "Youtube.com" war übersäht von seinen Tricks. Kern wird wütend, wenn er den Namen Larrauri hört.

"Wir haben damals seinem Vater einen großen Gefallen getan. Herr Larrauri sen. hat uns angebettelt, seinen Sohn aufzunehmen. Pierre kam hier überhaupt nicht zurecht. Er hatte Heimweh, es war ihm zu kalt und er hat natürlich auch kein Wort Deutsch gesprochen. Der Junge hat mir leid getan. Er hat auch fußballerisch bei uns nichts gerissen. Bei einem Spiel unserer U 13 kamen viele Zuschauer, nur um Pierre zu sehen. Ich wurde 100 Mal gefragt: 'Wer ist denn jetzt dieses Supertalent?' Ich habe seinem Vater x-mal gesagt, dass das nichts wird und dass wir seinen Sohn hier nicht wollen. Der Vater war lange Zeit unbelehrbar."

Wildern in Österreich

Kern betont, dass dieser Gefallen eine Ausnahme war. "Wir scouten sehr gezielt. Vorwiegend in München und Umgebung. Wenn uns ein Spieler gefällt, versuchen wir ihn zu holen. Egal, ob er bei Vilshofen oder drüben bei 1860 spielt", so der Jugendleiter.

Hermann Hummels, Nachwuchskoordinator beim FC Bayern, hat den Anspruch, "jeden Elfjährigen im Münchner Kreis zu kennen. Wir sichten aber auch in ganz Bayern. Je älter ein Spieler, desto größer die Region. Wir wollen wissen, wo die Guten sind. Und die ganz Guten, die wollen wir hier haben." Auch über die Landesgrenzen hinaus wird nach Toptalenten gefahndet. "Neuerdings wird gerne in Österreich gewildert", verrät Stefan Beckenbauer.

Mitunter müssen aber auch die Bayern mit Verlusten rechnen. Im Januar verließen mit Georg Niedermeier aus der U 23 und U-19-Mittelfeld-Ass Roberto Soriano zwei Spieler den Verein. Niedermeier wurde an den VfB Stuttgart verliehen und debütierte bereits in der Bundesliga. Soriano wurde in die Serie A zu Sampdoria Genua verkauft.

"Das war natürlich ein herber Verlust. Aber das Angebot von Sampdoria war sehr gut. Der Vorstand hat dann entschieden, Roberto zu verkaufen. Insofern war die Sache für uns akzeptabel", sagt Kern. "Außerdem ist es eine Bestätigung unserer Arbeit. Wir wollen doch, dass unsere Spieler den Weg nach oben gehen."

Trainer, Zuhörer, Seelsorger

Den Weg ins Profigeschäft traut Stefan Beckenbauer drei, vier Spielern aus seinem jetzigen U-17-Kader zu. "Ich bin aber vorsichtig mit Namen. Die Jungs sollen sich auf das Wesentliche konzentrieren und nicht ihre Namen in der Zeitung lesen. Vielleicht spielt ja einer in zwei Jahren schon in der Bundesliga oder der Champions League."

So wie Lionel Messi. Der Superstar des FC Barcelona debütierte mit 17 in der Königsklasse. Einen wie ihn hätte Beckenbauer auch gerne: "Ich bin nicht neidisch sondern fasziniert, wenn ich ihn spielen sehe. Manchmal frage ich mich, warum Spieler von dieser Kategorie nicht bei uns spielen. Aber die, die ich habe, sind ja auch ganz gut."

Beckenbauer ist nicht nur Trainer, sondern auch Zuhörer und Seelsorger. "Fußballspielen können alle. Es gibt nicht viel, was man ihnen noch beibringen muss. Das Drumherum ist im Alter von 16, 17 Jahren wichtiger. Die Jungs haben es nicht immer einfach. Während die Freunde in die Disco gehen, spielen sie Fußball. Manche bekommen ihre erste Freundin. Oft bin ich als Psychologe tätig. Ich brauch den Jungs nur kurz in die Augen zu schauen und weiß sofort, was los ist. Im Training merke ich nach fünf Minuten, wie die Jungs drauf sind."

Diesmal waren sie gut drauf, außer beim Kopfballtraining. "Unser Kopfballspiel ist eine einzige Katastrophe", sagt Beckenbauer, während seine Offensivspieler einen chirurgisch genauen Flankenball nach dem anderen am Tor vorbei- oder drüberköpfen. Auch Dejan Janjatovic.

Themenwoche bei SPOX: Im zweiten Teil der Serie "Die Zukunft des deutschen Fußballs" stellen wir am Dienstag Deutschlands Talentemacher Nummer eins vor.

Der Kader des FC Bayern München

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