Dienstag, 07.03.2017

Fehlende Doping-Tests in Spanien, beim DFB und der mysteriöse Fall von Bayerns Thiago

Der SPOX-Dopingreport im Fußball

Keine Doping-Kontrollen im spanischen Profifußball seit März 2016. Nachdem die Weltantidopingagentur (WADA) im Februar Alarm schlug, stellt sich SPOX im vierteiligen Dopingreport die Frage: Haben die Erben des zu zweifelhafter Berühmtheit gelangten Dopingarztes Eufemiano Fuentes im Fußball freie Bahn? Recherchen manifestieren ein düsteres Bild der Primera Division und von deren Verantwortlichen im Umgang mit dem Thema Doping. Doch in Deutschland lassen sich ebenfalls rasch Unregelmäßigkeiten finden.

  • Im ersten Teil beantwortet der SPOX-Dopingreport zunächst die Fragen: Wie kann es in einer der größten Ligen Europas überhaupt zu einem Test-Vakuum kommen und warum wollte kein Gremium oder Verband der spanischen Antidopingagentur - trotz ihrer Hilferufe - unter die Arme greifen? Und wieso schlug kein spanischer Verein ob der fehlenden Tests Alarm?
  • Teil zwei skizziert mutmaßliche Dopingpraktiken von 2001 bis 2005 bei Real Sociedad, die das kleine Team um den jungen Xabi Alonso erst in die Champions League und dann fast in den Ruin führten. Der Präsident, der das damalige EPO-Doping wohl zu verantworten hat, leitete anschließend die Geschicke der Primera Division. SPOX hat Spaniens führenden Dopingexperten gefragt: Wie ist so eine Vita möglich?
  • Punkt drei des Reports wirft einen ausführlichen Blick auf das Testsystem in Deutschland. SPOX deckt dabei Probleme bei der Dokumentation von NADA und DFB im Umgang mit Trainingskontrollen der deutschen Nationalmannschaft auf. Der DFB bestätigt zudem exklusiv, dass es Ermittlungen nach drei auffälligen Tests im deutschen Fußball gegeben hat und regt erstmals eine neue Herangehensweise an, um mutmaßlichen Betrügern noch nachträglich auf die Spur zu kommen.
  • Part vier zeigt: Auch in der Bundesliga läuft längst nicht alles transparent ab. Da darf mit Thiago ein Spieler des FC Bayern bei einer unangekündigten Trainings-Kontrolle mutmaßlich abtauchen und erhält aufgrund der komplizierten Zuständigkeiten keine Strafe. Aber wer ist denn nun für wen zuständig? Und kann ein Bundesligaspieler wie Thiago mit einem "Missed Test" wirklich betrügen?

Teil 1: Warum gibt es in der Primera Division keine Dopingtests?

Nur noch eine Woche länger. Dann wären die neuesten Verfehlungen des Fußballs im Kampf gegen Doping wohl gar nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Die spanische Regierung hatte bereits länger Gesetzesentwürfe angekündigt, damit die Anti-Doping-Maßnahmen des Landes wieder den Standards der WADA angepasst werden.

Doch kurz vor Veröffentlichung am 19. Februar sickerten Infos einer skurrilen und aus Sicht von Dopingbekämpfern beängstigenden Situation durch.

Es gibt in den spanischen Profiligen seit März keine offiziellen Dopingkontrollen mehr.

Es folgten Statements der WADA, die Situation sei "alarmierend" sowie hilflos wirkende Erklärungsversuche der spanischen Anti-Doping-Agentur (AEPSAD). Dass Spieler der international spielenden Teams weiter getestet werden können, ist ein schwacher Trost.

Dopingsünder könnten das Vakuum in La Liga als Freibrief verstehen, der spanische Fußball gilt spätestens seit der Blutbeutel-Affäre um den ehemaligen Frauenarzt und Hormonexperten Eufemiano Fuentes als besonders vorbelastet. Der hatte bei seiner ersten Vernehmung geprahlt, auch Fußballer mit Eigenblutdoping (EPO) versorgt zu haben - nahm in den späteren gerichtlichen Auseinandersetzungen offiziell jedoch Abstand von dieser Aussage.

Dopingexperte Thomas Kistner im SPOX-Interview: "Fußball vom Doping verseucht"

Wie kann es in einem derart vorbelasteten Land zur jetzigen Situation kommen?

Die WADA hatte Spanien und die AEPSAD vor gut einem Jahr als "nicht konform" eingestuft. Daraufhin wurde das für Spanien zuständige Hauptlabor in Madrid suspendiert.

Das kam für die Verantwortlichen jedoch nicht überraschend. Die Sanktionen im vergangenen März waren verhängt worden, nachdem Spanien Fristen zur Anpassung an den Code der WADA hatte verstreichen lassen. Bereits seit Herbst 2015 standen Spanien und andere Länder am Pranger.

FIFA und UEFA verweigern Hilfe

In die Bredouille geriet Spanien durch die Politik. Die Querelen um die Regierungsbildung, die nach rund zehn Monaten erst im vergangenen Herbst durchgeführt werden konnte, verhinderten die Verabschiedung von Gesetzen, die Neuerungen des WADA-Codes in die Statuten des Landes implementiert hätten. Diese Neuerungen hätten zum einen eine längere Verjährungsfrist für Dopingsünder bedeutet und eine Anhebung der Sperrzeit nach einem positiven Test auf vier Jahre bewirkt. Doch der Staat war zunächst nicht handlungsfähig.

Die AEPSAD erklärte unlängst nach dem Bekanntwerden der fehlenden Tests, die WADA habe sie im März 2016 aufgefordert, die internationalen Verbände der jeweiligen Sportarten um Hilfe bei der Durchführung von Dopingtests zu bitten.

"Die AEPSAD hat in fast allen Sportarten Vereinbarungen mit internationalen Verbänden treffen können, die es ihr ermöglicht hat, die Qualität der Dopingkontrollen für spanische Sportler den WADA-Standards entsprechend aufrecht zu erhalten. Nur im Fußball wollten weder UEFA noch FIFA helfen", erklärt der spanische Dopingexperte Carlos Arribas gegenüber SPOX. Der erfahrene Journalist der El Pais steht im engen Austausch mit AEPSAD-Sprecher Gomez Bastida und zitierte diesen auch in seiner Berichterstattung.

Die UEFA teilte auf Anfrage mit, ihr seien in diesem Fall die Hände gebunden gewesen. Sie sei "nicht zuständig für Spieler und Partien auf nationaler Ebene". Auch die FIFA fühlt sich nur für internationale Spiele zuständig.

Was ist die Position der NADA?

Das heißt: Zwei der international umsatzstärksten Verbände haben einem ihrer bedeutendsten Mitgliedsstaaten in einer Ausnahmesituation nicht geholfen. Interessant dabei: Die Chefin der deutschen Anti-Doping-Agentur (NADA), Dr. Andrea Gotzmann, sitzt seit 2015 in einem sogenannten Anti-Doping-Panel der UEFA.

Eine SPOX-Anfrage, ob Gotzmann und ihre Kolleginnen und Kollegen in diesem konkreten Fall nicht hätten vermitteln oder gar helfen können, wurde nicht beantwortet. Es blieb bei dem Verweis der NADA auf eine Pressemitteilung der UEFA aus dem Jahr 2015, in der die Aufgaben des Panels dargelegt sind.

Die berühmtesten Doping-Sünder
Dieter Baumann wurde 1999 wurde positiv getestet. Bis heute behauptet er, jemand habe ihm das Mittelchen in die Zahnpasta geschmuggelt
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Dieter Baumann wurde 1999 wurde positiv getestet. Bis heute behauptet er, jemand habe ihm das Mittelchen in die Zahnpasta geschmuggelt
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Die meisten Doping-Fälle in der Leichtathletik geschehen bei den Sprintern. Auch Tyson Gay wurde positiv getestet
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Ebenso Justin Gatlin. Bei ihm war angeblich der Masseur schuld. Die amerikanischen Top-Sprinter wurden schon oft erwischt...
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Ebenso Justin Gatlin. Bei ihm war angeblich der Masseur schuld. Die amerikanischen Top-Sprinter wurden schon oft erwischt...
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...so auch Ben Johnson, der seinerzeit der Konkurrenz davon lief. Wie sich später herausstellte, mit unerlaubter Hilfe
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...so auch Ben Johnson, der seinerzeit der Konkurrenz davon lief. Wie sich später herausstellte, mit unerlaubter Hilfe
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Marion Jones sammelte bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney fünf Medaillen und wurde zur Identifikationsfigur. Auch sie gestand einige Jahre später Doping
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Nicht nur die Amis dopen: Auch Jamaikas Asafa Powell wurde erwischt. Übrigens traf es ihn am gleichen Tag wie Kollege Tyson Gay
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Jan Ullrich ist womöglich Deutschlands berühmtester Dopingfall. Seine Ausrede: "Irgendwer hat mir in der Disko zwei Pillen angedreht. Keine Ahnung, was da drin war, aber ich habe sie halt in meiner Dummheit geschluckt!"
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Und Lance Armstrong ist wohl der berühmteste Doping-Sünder der Welt. In einem Interview mit Oprah Winfrey gab er flächendeckendes Bescheißen zu
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Und Lance Armstrong ist wohl der berühmteste Doping-Sünder der Welt. In einem Interview mit Oprah Winfrey gab er flächendeckendes Bescheißen zu
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Auch der zweimalige Tour-Sieger Alberto Contador hat gedopt. Schuld daran soll ein verunreinigtes Steak gewesen sein
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Erik Zabel gewann zahlreiche Etappen und grüne Trikots. 2013 gab er zu, viele diese Erfolge mit Hilfe von EPO, Kortison und Eigenblut-Doping erreicht zu haben
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Bei der Tour 1998 wurde sogar das komplette Team Festina ausgeschlossen
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Bei der Tour 1998 wurde sogar das komplette Team Festina ausgeschlossen
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Auch Stefan Schumacher konnte nicht die Finger von unerlaubten Mittelchen lassen
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Auch im Wintersport wird gedopt: Johann Mühlegg gewann 2002 in Salt Lace City gleich drei Goldmedaillen. Im Nachhinein wurden alle aberkannt
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Adrian Mutu wurde 2003 Kokain nachgewiesen, mit dem er seine Potenz steigern wollte. 2010 nahm er ein Abführmittel, das eine unerlaubte Substanz enthielt
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Diego Armando Maradona wurde übrigens von der WM 1994 ausgeschlossen. Die gefundene Substanz Ephedrin erklärte er mit einem Mittel gegen Erkältung
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Diego Armando Maradona wurde übrigens von der WM 1994 ausgeschlossen. Die gefundene Substanz Ephedrin erklärte er mit einem Mittel gegen Erkältung
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Diese sind allgemein gehalten und beziehen sich auf die Arbeit innerhalb der UEFA. Ob und inwiefern ein einzelner Verband, der sich in Not befindet, von der Expertise des Panels profitieren kann, ist nicht ersichtlich.

Putin will Anti-Doping-System reformieren

Gegenüber SPOX fordert die NADA auf die spanischen Verhältnisse angesprochen: "Es muss dringend eine Lösung für die Durchführung von Kontrollen im spanischen Fußball gefunden werden." Die NADA halte es darüber hinaus für wichtig, dass alle Organisationen jetzt sehr schnell einen pragmatischen Ansatz zur Umsetzung eines glaubwürdigen Kontrollsystems erarbeiteten. "Eine effektive Anti-Doping-Arbeit schützt die sauberen Athletinnen und Athleten."

Eine Frage bleibt dennoch offen: Wer, wenn nicht Mitglieder eines Anti-Doping-Panels innerhalb der UEFA, mit jeder Menge Experten auf dem Gebiet und mit der entsprechenden Sensibilität für das Thema, hätten in der Problematik um schnelle Hilfe bei der Aufrechterhaltung der Kontrollen in Spanien vermitteln können?

Mit den am 19. Februar auf den Weg gebrachten Gesetzesentwürfen will die spanische Politik nun die Missstände beheben. Die wichtigsten Veränderungen betreffen die von der WADA geforderte Anhebung der Dopingsperre von zwei auf vier Jahre nach dem ersten positiven Test. Die Verjährungsfrist für Dopingvergehen soll zudem von acht auf zehn Jahre ansteigen. Künftig dürfen Ärzte, Trainer und Teamchefs bei einer Mithilfe suspendiert werden.

Warum reagieren die spanischen Vereine nicht?

Der Entwurf muss allerdings noch vom Parlament verabschiedet werden. "Erst dann wird der nicht konforme Status des Labors in Madrid wieder aufgehoben", weiß Arribas. "Wochen" könne das noch dauern. Die Saison in Spanien neigt sich dem Ende entgegen.

SPOX Livescore App

In einem seiner Leitartikel wunderte sich der 58-Jährige, der seit Anfang der 90er Jahre für die El Pais über Doping nicht nur im Radsport und der Leichtathletik berichtet, dass kein einziger der spanischen Profivereine das Vakuum in den vergangenen elf Monaten öffentlich anprangerte - sich gar beschwerte.

Rekordschwimmer Phelps: "Rest war nie sauber"

Bei der Beurteilung, warum der jetzige Aufschrei in seinem Heimatland wiederholt nicht der Rede wert war, tut sich der erfahrene Berichterstatter schwer. "Die Spanier haben eine schlechte Beziehung zum Thema Doping. Sie haben viele negative Storys gehört", erklärt er im Gespräch mit SPOX. Niemand gebe der ganzen Sache noch eine wirkliche Bedeutung.

In einem Land, in dem ein mutmaßlicher Dopingförderer im Profifußball Präsident der spanischen Primera Division werden kann, mag das nicht verwundern (Lesen Sie weiter auf Seite 2).

Seite 1: Warum Spanien nicht testet und warum vermittelte das UEFA-Anti-Doping-Panel nicht?

Seite 2: Das "Märchen" von Real Sociedad und ihrem (Doping)-Präsidenten

Seite 3: Spanien vs. Deutschland - so wird getestet, keine Kontrollen beim DFB-Team?

Seite 4: "Missed Test" - Tauchte Bayerns Thiago absichtlich ab?

Jannik Schneider
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Jannik Schneider

Jannik Schneider(Redaktion)

Jannik Schneider, Jahrgang 1990, arbeitet seit 2016 hauptsächlich in der Mehrsport-Redaktion für SPOX. Aufgewachsen im hessischen Rheingau, sammelte er Redaktionserfahrungen bei Radio und Zeitung, bevor es ihn nach dem Media-Management-Studium und dem Volontariat bei einer Tageszeitung in Osthessen nach München verschlug. Berichtet bei SPOX vornehmlich über Tennis, Dopingthemen und Sportpolitik. Auch im Fußball und dem Wintersport zuhause.

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