Formel 1

"Wir sehen aus wie Amateure"

Aussteigen, einsteigen, weitermachen. Fernando Alonso sieht beste Perspektiven bei McLaren
© mclaren

Fernando Alonso hat beim Großen Preis von Kanada einen weiteren Rückschlag erlitten. In seinem sechsten Rennen seit der Rückkehr zu McLaren schied er zum vierten Mal aus. Hat die Fehleranfälligkeit der neuen Honda-Antriebseinheit dem Spanier zugesetzt? In Montreal widersetzte er sich den Anweisungen seines Teams.

Den Ecclestone-Entertainment-Award für den einprägsamsten Funkspruch der Saison hat sich Alonso schon jetzt gesichert. "Fernando, du musst anfangen, Benzin zu sparen", funkte ihn sein Team nach 24 von 70 Runden auf dem Circuit Gilles Villeneuve an. "Nein. Ich will nicht! Ich will nicht Benzin sparen! Ich will ein Rennen fahren", rief er zurück.

Damit nicht genug. "Wir werden später ein Problem bekommen", teilte ihm der Ingenieur mit. "Wir haben schon ein Problem. Wir sehen aus wie Amateure", echauffierte Alonso sich und gab weiter Gas. Befehlsverweigerung bei McLaren?

Widersetzt sich Alonso dem Team?

Nicht ganz. Der zweifache Weltmeister gab nach dem Rennen an, dass er vor hatte, sich zu einem späteren Zeitpunkt um das Spritproblem zu kümmern: "Unterschiedliche Teile eines Rennens erfordern unterschiedliche Fahrtechniken. Wenn man mitten in einem Kampf ist, dann hat Benzinsparen in dem Moment eine geringe Priorität." Und: "Wir fahren wie in einer anderen Kategorie. Wenn jeder so einfach an dir vorbeifährt, siehst du aus wie ein Amateur und das ist nicht gut."

Ob er sich deswegen ohne Chance auf Erfolg mit Sebastian Vettel anlegte? Gleich zweimal packte er gegen seinen Dauerrivalen der letzten Jahre die Brechstange aus. Einmal kam es zur Berührung. "Ich habe versucht, mich so gut es ging zu verteidigen. Das Ganze ging über eineinhalb Runden. Ich habe das Duell sehr genossen, er vermutlich weniger", sagte er.

Alonso wollte zuvor schon die Toro Rosso von Carlos Sainz jr. und Max Verstappen verfolgen, sich gleichzeitig gegen Sergio Perez im Force India behaupten. "Nach zwei oder drei Funksprüchen habe ich ihnen gesagt, dass sie kämpfen und ein bisschen Spaß haben lassen sollen. Ich würde dann am Ende des Rennens Benzin sparen, wenn wir alleine gewesen wären."

McLaren stellt sich hinter Alonso

Ob das überhaupt machbar gewesen wäre, wird niemand erfahren. Alonso fuhr nach 43 Runden in die Box und stellte seinen Dienstwagen ab. Es war sein dritter Ausfall in Folge. Eine solche Serie kam seit seiner Debütsaison für Minardi im Jahr 2001 nie mehr vor. Immerhin: Die McLaren-Führungsriege unterstützt Alonso nach seiner deutlichen Reaktion.

"Ich stimme Fernando zu. Die Fahrer versuchen das Rennen zu managen. Fernando ist der Mann auf der Strecke, der versucht den Job zu machen. Wir sollten es ihn tun lassen", sagte Einsatzleiter Jonathan Neale der BBC: "Wir haben uns die Daten danach angeguckt: Wir hätten das Auto nach Hause bringen können."

Unbefriedigende Saison? Eupehmismus!

Trotzdem ist das Adjektiv unbefriedigend für McLarens Saison ein extremer Euphemismus. Das Team aus Woking wollte mit Honda wieder zur Spitze der Formel 1 aufschließen. Das vollmundige verkündete Ziel zu Beginn des Jahres 2015 war der Kampf um Siege.

Die aktuelle Bilanz: Zweimal schaffte es ein Fahrer nicht zum Start, fünfmal streikte der Honda-Antrieb, einmal die Bremsen. Dazu kommen fünf Zielankünfte außerhalb der Punkteränge und mickrige zwei WM-Punkte auf der Fahrerstrecke von Monaco.

Dass Jenson Button ausgerechnet im Fürstentum der "Erfolg" glückte, ist ein eindeutiges Indiz, woran der MP4-30 krankt. In Monte Carlo ist Motorenleistung fast nebensächlich.

"In Sachen Balance fühlt sich das Auto gut an. Aber es gibt Bereiche, von denen wir wissen, dass wir uns noch verbessern können", bestätigte Button zuletzt ohne den Schuldigen beim Namen zu nennen.

Honda-Antrieb wird nicht besser

Das übernahm Alonso. "Wir sind 35 km/h langsamer auf den Geraden als Ferrari", spielte der 33-Jährige den schwarzen Peter dem Motorenpartner zu. Auch wenn es in Wirklichkeit am Sonntag nur zwölf Stundenkilometer waren und beide Ausfälle durch Defekte am Auspuff hervorgerufen wurden.

Das Honda-Projekt gleicht einer Operation am offenen Herzen. Während Renault seine Antriebseinheit im Vorjahr nach vergleichbar problematischen Wintertests immerhin haltbar bekam und in Montreal den ersten Sieg feierte, als beide Mercedes vom Technik-Teufel heimgesucht wurden, kommt McLaren nicht voran. Fortschritt? Fehlanzeige!

Schon beim Saisonauftakt in Australien fehlten Honda zehn Stundenkilometer auf Mercedes, der Rückstand in Kanada war gleich groß.

Zudem wird die Arbeit der Ingenieure erschwert, weil die Autos dauerhaft stehen bleiben. Ihnen fehlen Daten - auch weil Honda nur ein Team beliefert. Renault konnte im Vorjahr gleich von sechs Autos Zahlen auslesen und für die Entwicklung nutzen.

"Haben uns massiv verbessert"

"Bis auf heute gab es dauerhaft Verbesserungen", betonte Button trotzdem: "Es ist einfach, zu sagen: 'Das ist eine schreckliche Saison für McLaren-Honda.' Aber das ist nicht der Fall. Wir haben uns dieses Jahr massiv verbessert. Wir sollten zufrieden mit dem sein, was wir erreicht haben."

Dennoch: Die hochgesteckten Ziele sind mittlerweile deutlich geschrumpft. Wo McLaren am Ende des Jahres sein will? "Vielleicht hört sich das doof an, aber wir sollten um die Position kämpfen, die wir letztes Jahr hatten", sagte Renndirektor Eric Boullier zuletzt. Beim Finale in Abu Dhabi erreichte Button damals immerhin Platz 5. Nach dem Doppelpodium zum Saisonauftakt hatte er es noch viermal auf Platz 4 geschafft. Magnussen kam nur in Russland zu einem weiteren Top-5-Ergebnis.

Kein Zweifel am Mercedes-Abschied

McLaren wird nicht aufgeben. Die Teams in Japan und England arbeiten auf Hochtouren. Trotz der dürftigen Resultate zweifelt beim Traditionsrennstall niemand an der Entscheidung, vom Mercedes-Kundenteam zum Honda-Exklusivpartner zu werden.

"Wenn wir bei Mercedes geblieben wären, hätten wir nicht den Hauch einer Chance sie zu schlagen. Ich liebe Toto Wolff und Paddy Lowe wie Brüder, aber sie würden nie ihre Daten mit uns teilen", sagte Neal: "Wir müssen unabhängig sein. Wir werden ihr Team bekämpfen. Der einzige Weg zurück zu Meisterschaften, ist unabhängig zu sein. Honda hat in kurzer Zeit einen großartigen Job gemacht."

Ob das auch die beiden Weltmeister so sehen? "Ich sage es immer wieder: Es ist besser, dass es jetzt passiert, als wenn wir um das Podium oder den Sieg kämpfen", sagte Alonso in Montreal.

Alonso vertraut und witzelt

Stets bemüht betont er die Richtigkeit seines Abschieds von Ferrari. "Ich glaube an dieses Projekt. Ich genieße die Erfahrungen. Alles, was ich sehe, ist stimmig, ich bin optimistisch für die Zukunft - etwas, das ich zuvor nicht sehen konnte. Daher Geduld."

"Wir brauchen mehr Leistung. Er kennt und glaubt an die Dinge, die wir in der Pipeline haben", erklärte Neale: "Wir müssen es mit Fassung tragen. Wir haben zweieinhalb Sekunden auf einer Runde seit dem Beginn der Saison aufgeholt. Aber wir sind immer noch zwei Sekunden zurück."

In spätestens drei Rennen soll der Angriff auf die Punkteränge endlich möglich sein. "Wir müssen härter arbeiten als jemals zuvor, denn wir wollen diese Situation verändern", sagt Alonso. Immerhin: Seinen Humor hat er nicht verloren. Nach dem Rennen twitterte er ein auf den Kopf gestelltes Bild vom Klassement. So standen die beiden McLaren-Honda endlich mal auf den ersten beiden Plätzen.

Kalender und WM-Stände 2015 im Überblick

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