Indien-GP kompakt: Vorschau aufs Rennen in Neu Delhi

Nackte Tatsachen in Sachen Entwicklung

Von Alexander Maack
Donnerstag, 25.10.2012 | 13:00 Uhr
An Michelangelo angelehnt präsentierten Fans in Südkorea "Die Erschaffung des Kimi Räikkönen"
© Getty
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Neue Teile überall! Bei Ferrari stehen die Zeichen nach der Red-Bull-Dominanz der letzten Grands Prix auf Angriff. Doch funktioniert das Upgrade nach den Windkanalproblemen überhaupt? Auch Lotus will sicher weiter verbessern, weil Kimi Räikkönen den Kampf um die WM immer noch nicht aufgibt. Und bei Red Bull freut sich Sebastian Vettel auf eine Achterbahnfahrt.

Streckendaten:

  • Name: Buddh International Circuit
  • Ort: Greater Noida, Neu Delhi
  • Länge: 5,125 Kilometer
  • Runden: 60
  • Renndistanz: 305,355 Kilometer
  • Kurven: 9 Rechtskurven, 7 Linkskurven

Darauf kommt es an: Auf dem Programm steht die Strecke mit der zweithöchsten Durchschnittsgeschwindigkeit nach dem altehrwürdigen Monza. Im Rennen reicht es für etwa 205 Stundenkilometer. Zwei lange Geraden, auf denen die Autos über Tempo 300 erreichen, bieten in Kombination mit den sich anschließenden Rechtskurven gute Überholmöglichkeiten.

Um für noch mehr Spektakel zu sorgen, hat die FIA zudem die DRS-Zone auf der längsten Geraden zwischen Kurve drei und vier um 80 Meter verlängert. Da die Einfahrt der Kurve sehr breit ausgelegt ist, sollten einige Fahrer hier ihren Vordermann kassieren können.

Zumindest solange der siebte Gang nicht zu kurz übersetzt ist, wodurch die Autos zu früh an den Drehzahlbegrenzer stoßen und somit Topspeed verschenken würden. Die zweite DRS-Zone ist praktisch mit der Länge der Start-Ziel-Geraden gleichzusetzen. Die hohe Geschwindigkeit spiegelt sich auch in den Kurven wieder. Nur in Turn 3 und 16 sinkt sie unter 100 Stundenkilometer.

Besonders im zweiten Sektor ist dagegen eine extrem gute Balance gefragt. In Kurve sechs bis neun stehen zwei sehr schnelle Richtungswechsel bei bis zu 200 Stundenkilometern an, bevor in Kurve zehn und elf die Reifen im fünften Gang sieben Sekunden lang mit 4G belastet werden.

Wer hier Untersteuern hat, kann nach wenigen Runden wieder an die Box kommen, um die Pneus zu wechseln. Deshalb achten die Teams bei der Abstimmung darauf, viel Abtrieb auf der Vorderachse zu generieren.

Vettel: "Wie eine Achterbahn"

Große Vorfreude legte vor allem Sebastian Vettel an den Tag: "Die Höhenunterschiede sind auf einer Runde riesig. Das erhöht den Spaß immens. Von fast acht Prozent Gefälle geht es bis zu zehn Prozent bergauf - das ist wie eine Achterbahn!"

An mehreren Stellen der Strecke wurden zudem die Kerbs ausgetauscht. Wie auf diversen anderen Kursen werden nun vermehrt wulstartige Randsteine hinter den eigentlichen Kerbs eingesetzt, damit die Piloten in schnellen Passagen nicht mehr stark über die Abweiser brettern können.

Die eigentlichen Randsteine sind dagegen nur noch 25 Millimeter hoch. Der Grund: Im kommenden Jahr werden in Greater Noida auch Motorrad-Rennen ausgetragen. Darüber freuen dürfte sich Felipe Massa. Der Brasilianer hatte sich im Vorjahr in Kurve acht während des Qualifyings und im Rennen die Vorderradaufhängung zerstört, weil er zu ungestüm über die Randsteine polterte.

Wetter-Prognose:

  • Freitag: leicht bewölkt, 26-29 Grad, 0 Prozent Regenrisiko
  • Samstag: sonnig, 27-29 Grad, 0 Prozent Regenrisiko
  • Sonntag: sonnig, 27-30 Grad, 0 Prozent Regenrisiko

Reifen: Hard und Soft. Hatte Pirelli für Südkorea noch die beiden weichesten Mischungen eingepackt, entfällt in Indien der rote supersofte P Zero und wird durch die zweithärteste Mischung ersetzt. "Der harte und der softe Slick sind eine gute Wahl. Ich denke, eine Ein-Stopp-Strategie ist möglich", orakelt Pirelli-Testfahrer Jaime Alguersuari.

Seine Voraussage ist nicht unbegründet. Weil die Boxengasse mit 600 Metern eine der längsten des Terminkalenders ist, werden die Teams versuchen, durch Reifenwechsel möglichst wenig Zeit zu verlieren. Die Aufgabe lautet daher, den harten Pneu auf den ersten Runden möglichst schnell auf ein gutes Griplevel zu bringen und dennoch zu verhindern, dass der weiche Reifen schon nach wenigen Umrundungen allzu stark abbaut.

Statistik:

  • Sieger 2011: Sebastian Vettel in 1:30:35,002 Stunden
  • Pole-Position 2011: Sebastian Vettel in 1:24,178 Minuten
  • Schnellste Rennrunde 2011: Sebastian Vettel in 1:27,249 Minuten
  • Rekordsieger: Sebastian Vettel (1 - 2011)

Favoriten:

Red Bull: Neue Teile aus Milton Keynes? Angekündigt hat Red Bull nichts. Doch das ist nicht ungewöhnlich. Auch bei den letzten GPs kündigte kein Teammitglied im Vorfeld detaillierte Verbesserungen an. Dennoch gab es an jedem Wochenende neue Teile, was auch in Indien zu erwarten ist. Red Bull will die Entwicklung im Kampf um den Titel in unvermindertem Maße weitertreiben.

Dreimal in Folge triumphierte Vettel zuletzt. Als einziger Fahrer konnte er in dieser Saison mehrere Siege hintereinander einfahren. Der RB8 ist derzeit das dominante Auto, nachdem die Probleme nach dem Verbot des angeblasenen Diffusors endgültig beseitigt scheinen. Zudem liegt dem von Adrian Newey designten Wagen der zweite Sektor mit seinen schnellen Kurven wie keinem anderen im Feld.

Die Vorzeichen für einen weiteren Triumph des Heppenheimers stehen gut, auch wenn Red Bull eine Teamorder wie bei Ferrari immer noch ausschließt. "Sebastian hat die Führung übernommen und Mark hat noch die Chance den Titel zu gewinnen", begründete Teamchef Christian Horner die Entscheidung.

Ferrari: Die Italiener hadern weiter mit ihrer Entwicklungsabteilung. "In den letzten Rennen entsprach der Fortschritt nicht den Erwartungen und einige Teile, die das Auto schneller machen sollten, taten das nicht", räumte Chefdesigner Nikolas Tombazis ein.

Das Problem: Der eigene Windkanal spuckt falsche Daten aus, weshalb die Upgrades sich am Auto nicht so verhalten wie in der Theorie erhofft. Aktuell mietet sich das Team deshalb außer Haus bei Toyota in Köln ein.

Außerdem absolvierte Ferrari nach dem Rennen in Korea noch einen Straight-Line-Test in Spanien, um die neuentwickelten Teile auch am Auto selbst zu testen. Testfahrer Marc Gene kündigte einen Zeitgewinn von zwei bis vier Zehntelsekunden pro Runde an.

Trotz der Probleme will die Scuderia nur noch eins: attackieren. "Wir müssen angreifen und eine aggressive Herangehensweise bei der Entwicklung des Autos für diese vier Rennen wählen", so Tombazis: "Wir brauchen bei jedem Rennen Updates, um die Lücke zu schließen und um Siege zu kämpfen." Angeblich bringt Ferrari Verbesserungen im Auspuffbereich, einen neuen Diffusor und verbesserte Flügel mit nach Greater Noida.

Vorallem der schnelle erste Sektor dürfte Ferrari liegen. Er ähnelt mit den langen Geraden und den anschließenden hart anzubremsenden, engen Kurven der Charakteristik von Sektor eins in Korea, wo Fernando Alonso nur eine Tausendstelsekunde auf Vettel verlor. Da beide DRS-Zonen zudem in diesem Abschnitt liegen und mit eigenen Messpunkten ausgestattet sind, kann der WM-Zweite hoffen, die Red Bull hier im Rennen anzugreifen.

McLaren: Zuverlässigkeit ist das Thema der Stunde bei den Engländern. Während Lewis Hamilton und Jenson Button nach der Sommerpause dominierten, hat sich der Trend nach dem Verbot der um die Horizontalachse abkippenden Frontflügel umgekehrt.

Button schied in Monza aus und hatte Getriebeprobleme in Japan. Hamilton stellte in Singapur den McLaren ab und hatte in Japan und Korea wegen Defekten Probleme, sein Auto in die Punkte zu bringen.

Der zu Mercedes wechselnde Brite schöpft nun Hoffnung. "Ich denke, wir werden ein Auto haben, das zu dem Kurs passt. Ich kann es nicht erwarten, auf die Strecke zu gehen und am Freitag mit dem Training zu beginnen", so Hamilton: "Der aktuelle McLaren ist sehr schnell, aber der Titelgewinn wäre jetzt fast ein bisschen viel verlangt."

Die Truppe aus Woking kündigte vor der Reise nach Indien noch mal eine Großoffensive an. "Wir werden bis zum Ende pushen. Unser Ziel ist es, jedes Rennen zu gewinnen und wir werden unser Bestes geben, das zu erreichen", erklärte Sportdirektor Sam Michaels: "Das Pendel kann schnell in eine andere Richtung ausschlagen, dafür braucht es nur ein oder zwei Zehntel. Wir sind überzeugt, dass wir diese Herausforderung meistern können."

Die Weiterentwicklung am Auto läuft trotz des fast unmöglichen WM-Titels auf Hochtouren, weil McLaren auch in der Saison 2013 das aktuelle Auto als Grundlage nutzt und es weiterentwickelt. "Normalerweise gehen wir zu diesem Zeitpunkt der Saison nicht mehr ins Detail, aber dieses Jahr werden wir bis zum Ende neue Teile bringen", bestätigt Michaels. Funktionieren diese wie erwünscht, kämpft McLaren wieder um den Sieg.

Lotus: Wer den drei tonangebenden Teams Konkurrenz machen kann, ist wie so oft die vieldiskutierte Frage. Die besten Karten scheint aktuell Lotus zu haben. Das in Korea nur bei Kimi Räikkönen eingesetzte Coanda-Auspuff-System wird in Indien auch von Romain Grosjean gefahren.

"Wir wussten, dass unsere erste Variante einige Motorleistung kostet, aber wir konnten einen grossen Abtriebszuwachs feststellen", resümmierte Wir erwarten noch mehr von dem Paket, wenn wir den Auspuff weiter modifizieren, um die verlorene Leistung zurück zu gewinnen."

Im Gegensatz zu Räikkönen fuhr Grosjean in Yeongam mit einem neuen Frontflügel. Der soll nun auch am Auto des Finnen eingesetzt werden. Wie schon beim letzten Grand Prix werden beide Fahrer am Freitag aber erst mal hinterher fahren. Beide sind bisher noch nicht auf dem Buddh International Circuit gefahren.

Räikkönen macht sich derweil immer noch Hoffnungen auf dem WM-Titel, obwohl er als Drittplatzierter aktuell 48 Punkte zurückliegt. "Auch 2007 wurde die Weltmeisterschaft erst im letzten Rennen entschieden. Mal sehen, was passiert", erklärte der notorisch kurz angebundene Finne. Ein Titelgewinn würde im immer noch unterlegenen Lotus umso höher einzuschätzen sein.

Die übrigen Teams:

Mercedes: Das deutsche Team hat schon mit der Entwicklung des Autos für 2013 begonnen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Teams entwickeln die Silberpfeile ihren aktuellen Boliden aber nicht weiter, sondern bauen ein komplett neues auf. "Die Aerodynamik-Veränderungen, die man in Korea am Freitagmorgen gesehen hat, sind vorallem fürs kommende Jahr", erklärte Ross Brawn gegenüber "Autosport".

Durch die Konzentration auf die nächste Saison ist auch die absteigende Form der letzten Rennen zu erklären. Dennoch muss Mercedes im Kampf um Platz fünf in der Konstrukteurs-WM langsam zittern. Sauber ist bis auf 20 Punkte herangerückt. Teamchef Brawn lässt das kalt: "Die nächsten Kurse werden unserem Auto wieder besser liegen, auch wenn wir nicht viel über Austin wissen."

In den letzten vier Rennen soll das Testprogramm für 2013 fortgesetzt werden. Eventuell funktioniert ein Teil sofort, bleibt am Auto und bringt eine eklatante Verbesserung. Bei Temperaturen von fast 30 Grad Celsius und den hohen Belastugen in den schnellen Kurven dürfte sich das Silberpfeil-Problem der schnell abbauenden Reifen sonst wieder schnell bemerkbar machen.

Force India: Heimspiel für Vijay Mallyas Truppe um Nico Hülkenberg und Paul di Resta. Im letzten Jahr reichte es durch den neunten Platz von Adrian Sutil immerhin für zwei WM-Punkte. "Dieses Jahr würde ich es gerne noch besser machen und beide Autos - allermindestens - in den Punkten sehen, damit wir unseren Fans einen Grund zum Lachen geben", erklärte Teamchef Mallya im Vorfeld.

Der Optimismus ist nach der starken Leistung von Hülkenberg beim vergangenen Rennen mehr als begründet. Zudem können die Inder wichtige Punkte auf Sauber aufholen, die in der Konstrukteurs-WM gut machen. Aktuell beträgt der Rückstand nur 27 Punkte.

Sauber: Beim Schweizer Rennstall steht neben dem Kampf gegen Sauber und Mercedes vor allem Monisha Kaltenborn im Fokus. Die neue Teamchefin kehrt in ihr Geburstland zurück.

"Ich glaube, man legt seine Wurzeln nie ab, und man sieht mir meine Herkunft ja auch an. Ausserdem denke ich schon, dass mir eine gewisse Gelassenheit und Offenheit eigen sind, die man indisch nennen kann", erklärt Kaltenborn. "Dazu gehört es, und das ist in einem derart wettbewerbsorientierten Umfeld wie der Formel 1 sehr wichtig, schlechte Erlebnisse rasch abzuhaken und sich positiv auf die Zukunft fokussieren zu können."

Kaltenborn im exklusiven Interview: "Es ist dringend nötig, dass die Kosten sinken"

Nachdem Kamui Kobayashi in Yeongam die Startkollision mit Button und Nico Rosberg auslöste und Sergio Perez durch Probleme beim Boxenstopp nur Elfter wurde, soll nun die Trendwende folgen. "Der Kurs in Indien dürfte für den C31 weder das ideale Terrain noch ein Problem darstellen. Ich bin überzeugt, dass wir dort wieder ordentlich Punkte holen können", gibt sich Kaltenborn optimistisch.

Zeitplan (MEZ):

  • Freitag, 6.30 Uhr: 1. Training
  • Freitag, 10.30 Uhr: 2. Training
  • Samstag, 7.30 Uhr: 3. Training
  • Samstag 10.30 Uhr: Qualifying
  • Sonntag, 10.30 Uhr: Rennen

Stand in der Fahrer- und Konstrukteurs-WM

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