Montag, 23.04.2012

Sieg im Reifen-Roulette von Bahrain

Vettel gewinnt beim Glücksrad

Sebastian Vettel hat in Bahrain das große Reifen-Los gezogen und deshalb seinen ersten Saisonsieg eingefahren. McLaren lag zum ersten Mal völlig daneben. Michael Schumacher legt sich mit Pirelli an.

Sebastian Vettel fuhr mit drei Reifenwechseln in Bahrain zum Sieg
© Getty
Sebastian Vettel fuhr mit drei Reifenwechseln in Bahrain zum Sieg

Wie wäre es mit einer neuen Marketing-Idee für Bernie Ecclestone? Er könnte beim nächsten Formel-1-Rennen in Barcelona am Eingang ins Fahrerlager ein Glücksrad aufstellen. Jeder Teamchef, der rein will, muss erst einmal an diesem Rad drehen. Gewinnt er, wird sein Team die Reifen verstehen. Verliert er, endet das Wochenende in Ratlosigkeit und Frust.

Noch existiert dieses Glücksrad nur imaginär, daran drehen tut aber jetzt schon jeder - ob er will oder nicht.

Red Bull: "Totgesagte leben länger"

In Bahrain hat zum ersten Mal Red Bull den Hauptgewinn bekommen, nachdem sich in den Rennen zuvor schon McLaren, Ferrari und Mercedes über Siege freuen durften. Vier verschiedene Teams ganz vorne - so viele waren es in der gesamten Saison 2011 nicht.

"Totgesagte leben länger", jubelte Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko nach dem Triumph von Sebastian Vettel. Schon nach der Pole-Position am Samstag hatte er gesagt: "Es passt jetzt wieder alles zusammen."

McLaren hat die Hinterreifen "gekillt"

Die Frage ist nur: wie lange? Denn bisher hat jeder Sieger der Saison nahezu postwendend einen auf den Deckel bekommen. Ferrari nach dem Malaysia-Sieg erwartungsgemäß direkt im nächsten Rennen in China, Mercedes nach dem China-Sieg in Bahrain. Bei McLaren hat es nach dem Australien-Sieg etwas länger gedauert, aber in Bahrain kam auch für den bisherigen Favoriten der herbe Rückschlag.

"Es ist sehr schwer zu verstehen, wo der Speed, den wir in den ersten drei Rennen immer hatten, plötzlich hin war", rätselte Jenson Button nach dem Ausfall, der ihn die WM-Führung gegen Vettel kostete. Ohne seinen Reifenschaden und das folgende technische Problem wäre er wohl Fünfter geworden.

Aber auch das wäre gemessen an den Titelambitionen des Teams zu wenig gewesen. "Wir hatten von A bis Z einen schlechten Tag", gab Teamchef Martin Whitmarsh zu. Seine Erklärung dafür: "Wir haben die Hinterreifen zu schnell gekillt."

Die Reifen. Sie haben auch dieses Rennen wieder entschieden. Gäbe es ein Glücksrad in der Formel 1, der Sponsor müsste Pirelli heißen. "Die Reifen zu verstehen, ist wichtiger, als ein bisschen Abtrieb zu finden", blickte Whitmarsh schon auf die Anfang Mai anstehenden Testfahrten in Mugello voraus.

Frustrierter Schumacher kritisiert Pirelli

Die Reifen sind so entscheidend, dass es Michael Schumacher schon gehörig auf die Nerven geht. Er war nach seinem zehnten Platz, der ihn kaum über seine Pechsträhne zum Saisonstart hinwegtrösten konnte, auf Krawall gebürstet.

"Ich bin am meisten darüber unglücklich, dass wir Fahrer so weit unter unserem Limit und dem des Autos fahren müssen, nur um die Reifen am leben zu halten", sagte er "BBC Radio 5". "Ich stelle in Frage, ob die Reifen eine so wichtige Rolle spielen sollten. Sollten sie nicht ein bisschen länger halten, damit wir normal fahren können und nicht herumcruisen als hätten wir ein Safety-Car vor uns?"

Pirelli-Sportchef kontert Schumi-Kritik

Deutliche Kritik, auf die Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery gegenüber "Autosport" jedoch umgehend reagierte: "Ich bin sehr enttäuscht, dass ein Mann wie Schumacher mit seiner Erfahrung so etwas sagt. Er war es schließlich, der noch während der Wintertests sehr glücklich mit den neuen Reifen war. Außerdem gibt es andere auf der Strecke, die mit ihren Reifen offenbar gut zurechtkommen."

Sein Fazit des ersten Rennens für Pirelli in Bahrain war positiv: "Obwohl der Reifenverschleiß wie erwartet eine wichtige Rolle gespielt hat, haben die Reifen die Anforderungen erfüllt. Da wir die Leistungsunterschiede zwischen den einzelnen Mischungen verringert haben, sind die Rennen in diesem Jahr so eng."

Bahrain-GP: Musste das wirklich sein?
Rauch über Manama während des Bahrain-GP. So sehr es die Verantwortlichen versucht haben, sie konnten die Krawalle im Land nicht tot schweigen
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Hier die Elite der Schönredner: FIA-Präsident Jean Todt, Veranstalter Zayed Rashed Al Zayani und F-1-Boss Bernie Ecclestone (v.l.)
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Gegen alle Widerstände aus Politik und Gesellschaft wurde das Rennen gestartet. Vettel (r.) kam mit Abstand am besten weg
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Hinter Vettel wurde es aber richtig eng. Hier der Dreikampf zwischen Alonso, Button und Räikkönen (v.r.) - inklusive qualmender Reifen
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Hinter Vettel wurde es aber richtig eng. Hier der Dreikampf zwischen Alonso, Button und Räikkönen (v.r.) - inklusive qualmender Reifen
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McLaren kam bei weitem nicht so gut klar wie gehofft und musste sich im Rennen mit Ferrari herumschlagen. Rosberg war hier noch hinter dem Trio, am Ende aber davor
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Rosbergs Mercedes-Kollege Schumacher kämpfte sich vom 22. Startplatz nach einem Getriebewechsel noch bis auf den zehnten Rang nach vorne
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Weder Mercedes noch McLaren hatten eine Chance gegen das Lotus-Team. Hier überholte Räikkönen (l.) Grosjean und startete seine Jagd auf Vettel
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Dann wurde es im Kampf um den Sieg richtig eng. Räikkönen hatte beim zweiten Boxenstopp andere Reifen genommen als Vettel und fuhr die Lücke zu
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Dann wurde es im Kampf um den Sieg richtig eng. Räikkönen hatte beim zweiten Boxenstopp andere Reifen genommen als Vettel und fuhr die Lücke zu
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In den Runden 35 und 36 folgten dann die Angriffe des Iceman. Aber er suchte sich die falsche Seite für seine Attacke aus und musste zurückstecken
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In den Runden 35 und 36 folgten dann die Angriffe des Iceman. Aber er suchte sich die falsche Seite für seine Attacke aus und musste zurückstecken
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Nach seinem dritten Boxenstopp konnte sich Vettel wieder etwas von Räikkönen absetzen. Sein Physiotherapeut zeigte ihm den beruhigenden Vorsprung an
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Die gut drei Sekunden Vorsprung rettete Vettel ins Ziel - sehr zur Freude seines Red-Bull-Teams. Vettel ist der vierte Sieger im vierten Rennen
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Vettel wusste, bei wem er sich für seinen Sieg zu bedanken hatte. Sein Auto kam am besten mit den wieder einmal tückischen Pirelli-Reifen zurecht
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Hinter Vettel und den beiden Lotus wurde es noch richtig eng. Di Resta (l.) rettete hauchdünn vor Alonso den sechsten Platz ins Ziel
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Hinter Vettel und den beiden Lotus wurde es noch richtig eng. Di Resta (l.) rettete hauchdünn vor Alonso den sechsten Platz ins Ziel
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Normalerweise sind diese Podiumsbilder brüllend langweilig, aber mal ehrlich: Wer dieses Podest getippt hat, hat damit viel Geld verdient
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Vettel machte das Stelldichein auf dem Podium auf seine Weise witzig. Sein Kumpel Räkkönen sah ziemlich besoffen aus, aber es gab in Bahrain wirklich nur Rosenwasser
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Button: "Die Reifen spielen keine zu große Rolle"

Es stimmt, dass es in jedem Rennen Fahrer gibt, die mit ihren Reifen gut zurechtkommen, es sind nur immer andere. Diesmal waren Vettel und die beiden Lotus-Piloten Kimi Räikkönen und Romain Grosjean ebenso dabei wie Paul di Resta, der in seinem Force India sogar mit nur zwei Reifenwechseln durchkam.

Schumacher seinen Kommentaren nach zu urteilen offensichtlich nicht. Ebenso wenig wie die McLaren-Piloten. Trotzdem wollte Button Schumachers Kritik an Pirelli nicht teilen. "Die Reifen spielen keine zu große Rolle. Wir verstehen sie einfach nicht gut genug", sagte Button. "2011 haben die Reifen auch stark abgebaut, aber wir haben begriffen, wie und warum. In diesem Jahr werden wir aus ihnen einfach nicht schlau."

Alonso kann sein Glück kaum fassen

Die Folge ist eine Saison, in der vor keinem Rennen irgendetwas sicher vorherzusagen ist. Das ist ein Albtraum für Verantwortliche und Experten, aber ein Fest für die Fans.

Denn wer hätte gedacht, dass nach vier Rennen schon acht Fahrer aus sechs verschiedenen Teams auf dem Podium standen?Oder dass Fernando Alonso im als Gurke verspotteten Ferrari noch voll im Titelrennen ist?

Nicht einmal er selbst. "Nach vier Rennen, in denen maximal 100 Punkte zu holen waren, nur zehn Punkte hinter dem WM-Führenden zu liegen, ist eigentlich unvorstellbar. Das ist ein Geschenk", sagte Alonso. "Das nehmen wir dankbar an, ohne aber zu vergessen, dass wir unsere Leistung vor dem nächsten Rennen in Barcelona deutlich steigern müssen."

Vettel glaubt nicht an Wunder bei Testfahrten

Dazu sollen die Tests vor der eigenen Haustür in Mugello dienen. Wie alle anderen Teams hoffen auch die Roten, dort den großen Rätseln dieser Saison auf die Spur zu kommen.

Dass das aber gelingen wird, bezweifelt Bahrain-Sieger Vettel: "Es wird für jeden schwierig werden, in Mugello ein Wunder zu bewirken." Die Wundertüten-Rennen könnten also noch eine ganze Weile so weitergehen.

Grund genug für Vettel, trotz der wieder erlangten WM-Führung den Ball flach zu halten: "Ich habe in dieser Saison noch kein einziges Mal auf den WM-Stand geschaut. Dafür ist es noch viel zu früh. Wir sehen ja, wie eng es zugeht, und in jedem Rennen können Kleinigkeiten den Unterschied machen."

In drei Wochen dreht sich das Glücksrad wieder. Dann ist Europa-Auftakt in Barcelona, traditionell der zweite Start in die Saison, der die Weichen für den Rest des Jahres stellt.

Mal sehen, welche Farbe dann gewinnt.

Stand in der Fahrer- und Konstrukteurs-WM

Alexander Mey

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Vettel hat in Bahrain das große Reifen-Los gezogen und deshalb seinen ersten Saisonsieg eingefahren. McLaren lag zum ersten Mal völlig daneben. Schumacher legt sich mit Pirelli an.

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