Türkei-GP: Rennanalyse

Vettel dominiert historisch turbulentes Rennen

Von Alexander Mey
Sonntag, 08.05.2011 | 15:57 Uhr
Sebastian Vettel (vorne) entschied den Start für sich und fuhr das Rennen problemlos nach Hause
© Getty
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Sebastian Vettel hat einen turbulenten Türkei-GP vom Start weg dominiert und den dritten Sieg im vierten Rennen gefeiert. Die Pirelli-Reifen sorgten für ein historisches Vierstopp-Rennen.

Hektik pur beim Türkei-GP in Istanbul, und ein Mann hat davon nicht das Geringste mitbekommen: Sebastian Vettel. Er hat den Grand Prix vom Start weg dominiert und ihn souverän gewonnen. Es war sein dritter Sieg im vierten Rennen und die klare Verteidigung der WM-Führung.

Hinter ihm ging es hoch her. Auf der extrem Reifen fordernden Strecke spielte sich die erste reguläre Vierstopp-Strategie der Geschichte ab. Sage und schreibe 80 Mal steuerten die Piloten die Box an.

Hinter Vettel duellierten sich Red-Bull-Kollege Mark Webber und Ferrari-Pilot Fernando Alonso um den zweiten Rang. Erst auf dem letzten Reifensatz konnte sich Webber die zwischenzeitlich verlorene zweite Position zurückholen.

Ferrari glücklich - Vettel zu Scherzen aufgelegt

"Es schadet nicht, wenn hinter einem gekämpft wird, dann kann man sich einfacher absetzen. Das hilft auch der Strategie. Man ist in der komfortablen Lage, auf die Gegner reagieren zu können", sagte Vettel und scherzte: "Wir hatten vorne ein bisschen mehr Ruhe als die anderen, aber solche Tage hat man gerne, denn sie kommen nicht allzu oft vor. Ich kann mir ja dann in Ruhe die Wiederholung des Rennens im Fernsehen anschauen und mich unterhalten lassen."

Obwohl Alonso das Duell gegen Webber letztlich verlor, freute sich Ferrari über die Rückkehr aufs Podium. "Wir haben wieder Spaß an den Rennen, wenn wir um Podestplätze kämpfen können", sagte Alonso. Teamchef Stefano Domenicali ergänzte: "Platz drei ist für uns nicht unbedingt ein Grund zu feiern, aber ich bin trotzdem glücklich, dass wir gezeigt haben, dass wir einen Schritt nach vorne gemacht haben."

Mercedes lässt im Rennen Federn

Nico Rosberg startete zwar ausgezeichnet und war im ersten Rennabschnitt Zweiter hinter Vettel, doch seine Reifen bauten zu schnell ab. Generell konnte Mercedes im Rennen den Speed aus dem Qualifying nicht bestätigen. Rosberg rettete in einem extrem kämpferischen Rennen immerhin noch den fünften Platz hinter Lewis Hamilton ins Ziel, Michael Schumacher kam nach einem frühen Crash mit Witali Petrow aber nur als enttäuschender Zwölfter ins Ziel.

"An der Aktion bin eher ich schuld, denke ich. Das kann ich niemand anderem anlasten", sagte Schumacher selbstkritisch. "Ohne den Crash hätten Nico und ich hintereinander ins Ziel fahren können." Mercedes-Sportchef Norbert Haug ergänzte: "Da ist der Vollblut-Racer in ihm durchgekommen."

Rosberg beschäftigte sich damit, warum er im Rennen ständig nach hinten anstatt nach vorne kämpfen musste: "Ich war sehr optimistisch, aber im Rennen ging diesmal nichts. Wir müssen analysieren, warum wir im Qualifying besser sind als im Rennen. Daran müssen wir hart arbeiten, auch wenn der Aufwärtstrend klar erkennbar war. Immerhin haben wir gegen McLaren gekämpft, die waren vor ein paar Wochen noch meilenweit weg."

Heidfeld mit Platz sieben unzufrieden

Drittbester Deutscher wurde Nick Heidfeld als Siebter im Lotus-Renault, ganz zufrieden war er damit aber nicht. "Platz sieben ist nicht schlecht, aber es ist ärgerlich zu sehen, dass mehr drin gewesen wäre. Unser Speed im Rennen war sehr gut, aber ich steckte immer wieder im Verkehr fest", sagte er.

Adrian Sutil belegte Rang 13, Timo Glock konnte wegen eines Getriebedefekts an seinem Virgin gar nicht erst starten.

Schlüsselszenen des Rennens:

Start: Vettel und Rosberg kommen sehr gut weg. Die rechte Startseite bringt deutliche Vorteile, Webber hat gegen Rosberg keine Chance und fällt auf Rang drei zurück. Schumacher geht an Petrow vorbei und ist Siebter. Hamilton will im Duell mit Webber zu viel, kommt auf die schmutzige Spur und muss Alonso und Button passieren lassen.

Runde 2: Petrow greift Schumacher an, der fährt Kampflinie, aber der Russe lässt sich nicht aufhalten. Er setzt sich neben Schumacher, ist aber etwas zu schnell und rutscht in der Kurve nach außen. Schumacher lenkt trotzdem ein und es kracht. Schumacher muss mit zerstörtem Frontflügel direkt in die Box abbiegen und fällt weit zurück.

Runde 7: Überragendes Duell der beiden McLaren-Piloten. Es ist eine Kopie des Duells vom letzten Jahr. Erst geht Hamilton an Button vorbei, dann kontert Button auf der Zielgeraden, aber Hamilton setzt sofort den Gegenkonter an. Unglaubliche Manöver! Aber Button lässt sich nicht abschütteln und setzt seinerseits zum dritten und endgültigen Konter an. Alles fair, alles großartig!

Runde 12: Heißes Duell zwischen Massa und Hamilton in der Box. Massa ist gerade erst an Hamilton vorbei gegangen, dann kommen beide gleichzeitig zum Stopp. Die McLaren-Crew arbeitet einen Tick schneller und beide rauschen direkt nebeneinander in Richtung Boxenausgang. Hamilton setzt sich letztlich durch und Massa muss sich dahinter einreihen.

Runde 22: Der Höhepunkt eines rundenlangen Duells zwischen Massa und Rosberg. Erst war Massa vorbei, dann hat Rosberg gekontert. Schließlich rast Massa dank des Heckflügels auf der Geraden endgültig vorbei. Gleichzeitig nutzt Button die Chance und schlüpft mit durch. Sehr mutig!

Runde 24: Beinahe-Crash zwischen Button und Massa. Button bremst sich auf der Geraden außen vorbei, Massa ist aber ebenfalls spät auf der Bremse und muss voll in die Eisen. Es qualmt, aber es geht alles gut.

Runde 30: Alonso ist im Ferrari der schnellste Mann im Feld und schließt zu Webber auf. Auf der Geraden geht er außen locker vorbei und macht sich nun auf die Jagd nach Vettel.

Runde 35: Panne beim Boxenstopp von Hamilton. Vorne rechts klemmt die Radmutter, er verliert fast zehn Sekunden. Zudem muss der alte Reifen auch noch drauf bleiben, ausgerechnet vorne rechts! Der wird in Kurve 8 deutlich am stärksten beansprucht.

Runde 44: Rosberg eröffnet den Reigen der vierten Boxenstopps - regulär! Ihm folgen alle Top-Piloten außer Button. Das ist ein Novum in der Formel-1-Geschichte!

Runde 52: Webber schließt auf dem letzten Reifensatz schnell zu Alonso auf und geht dank verstellbaren Heckflügels vorbei auf Platz zwei.

Runde 55: Rosberg profitiert gegenüber Button von seinem vierten Stopp und geht auf wesentlich besseren Reifen vorbei auf Rang fünf.

Ziel: Vettel gewinnt ein turbulentes Rennen von der Spitze weg und dürfte von der ganzen Hektik hinter ihm kaum etwas mitbekommen haben. Neben ihm auf dem Podium landen Webber und Alonso.

Mann des Rennens:

Fernando Alonso: Ganz starkes Wochenende des Spaniers. Mit dem fünften Startplatz hat er in der schwachen Disziplin des Ferrari das Optimum herausgeholt und es dann im Rennen als einziger Pilot geschafft, das Tempo von Red Bull mitzugehen. Phasenweise war sogar Platz zwei vor Webber möglich, den hat er erst auf dem letzten Reifensatz wieder verloren. Trotzdem: Ein Podium im immer noch nicht restlos konkurrenzfähigen Ferrari ist eine großartige Leistung.

Flop des Rennens:

Mercedes: So stark das Auto im Qualifying aussah, so chancenlos war es im Rennen. Schumachers Grand Prix war schon nach dem unnötigen Crash mit Petrow in der zweiten Runde gelaufen. Rosberg fiel dem extremen Abbauen seiner weichen Reifen zum Opfer. Es bildeten sich früh Blasen und er musste zwei Stints auf den harten Pneus absolvieren. Mit denen war er in den Zweikämpfen gegen Hamilton, Massa und Button chancenlos, auch wenn er fahrerisch alles versucht hat. Rosberg hat noch viel aus den Möglichkeiten gemacht, aber in diesem Punkt müssen die Silbernen deutlich nachlegen.

Manöver des Rennens:

McLaren-Duell Hamilton vs. Button: Den beiden Briten zuzusehen, macht immer wieder Spaß. Sie haben ihrem Rad-an-Rad-Duell aus dem vergangenen Jahr noch einmal die Krone aufgesetzt. Wie 2010 geht es in Turn 12 vor Start und Ziel los. Hamilton geht an Button vorbei, kommt aber schlecht aus der Zielkurve heraus. Button kontert noch auf der Zielgeraden, muss sich aber noch vor der ersten Kurve erneut auskontern lassen. Anstatt sich mit seiner Niederlage abzufinden, setzt er eine Runde später in Kurve eins den nächsten Konter. Alle Manöver waren hart, aber alle waren fair. Motorsport vom feinsten!

Analyse:

Die Formel 1 in der Türkei war ein großes Tohuwabohu. Es war zu erwarten, dass die Reifen nirgends mehr beansprucht werden als in Istanbul und das hat sich bewahrheitet. Ein reguläres Vierstopp-Rennen - das gab es in der Formel-1-Geschichte noch nie.

Die Pirelli-Pneus sorgten dadurch zwar wieder für jede Menge Action auf der Strecke, aber vier Stopps sind dann doch zu viel, um im Rennen den Überblick zu behalten.

Im Hinblick auf das ebenfalls Reifen mordende Barcelona in zwei Wochen würde der von Pirelli angedachte Einsatz der extraharten Reifen Sinn machen. Drei Stopps sollten das Maximum sein.

Sportlich hat Red Bull seinen Vorsprung aus den Übersee-Rennen mindestens gehalten. Vor allem Vettel dominierte das Wochenende trotz seines Unfalls vom Freitag eindeutig.

Dahinter scheinen Ferrari und Mercedes zu McLaren aufgeschlossen zu haben. Die Roten aber nur im Rennen und die Silbernen nur im Qualifying.

Außer Red Bull schafft es noch kein anderes Top-Team, eine perfekte Balance zwischen Qualifying und Rennen hinzubekommen. Ferrari startet zu weit hinten, um den bärenstarken Rennspeed in einen Sieg ummünzen zu können. Mercedes fällt mit vollen Tanks viel zu weit zurück, um aufs Podest kommen zu können.

LIVE-TICKER: Das Rennen in Istanbul zum Nachlesen

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