"Wir scheinen verflucht zu sein"

Von Alexander Mey
Dienstag, 13.07.2010 | 18:17 Uhr
Die Gesten von Fernando Alonso (r.) und Felipe Massa nach dem Großbritannien-GP sprachen Bände
© Getty
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Ferrari ist zum ersten Mal in dieser Saison ohne einen einzigen WM-Punkt von einem Grand Prix abgereist. Beim Großbritannien-GP in Silverstone ging alles schief, was schiefgehen konnte. Und daran ist - wie sich jetzt herausstellte - die Scuderia zum Teil auch noch selbst Schuld. Der WM-Zug scheint abgefahren, beim Team herrscht eine Mischung aus Selbstmitleid, Trotz und Zuversicht.

Schlimmer hätte es gar nicht laufen können. Wenn man ein Drehbuch hätte schreiben wollen, in dem Ferrari möglichst schlecht wegkommt, hätte man einfach den Verlauf der letzten beiden Rennen zu Papier bringen müssen.

In Valencia lagen Fernando Alonso und Felipe Massa beide in Reichweite des Podiums, bevor ihnen das Safety-Car genau vor die Nase fuhr und sie meilenweit zurückwarf. Am Ende stand Massa ohne Zähler da, Alonso rettete wenigstens noch Platz acht ins Ziel.

In Silverstone kam es noch viel schlimmer. Platz 14 für Alonso und Platz 15 für Massa. Ein Debakel, hinter dem eine fast schon absurde Geschichte von Pleiten, Pech und Pannen steht.

"Wir scheinen im Moment wirklich verflucht zu sein", kommentierte Teamchef Stefano Domenicali den Rennverlauf. "Alles, was schiefgehen kann, geht schief."

Massa ist ratlos

Das Elend begann schon am Start, als Alonso wegen Problemen mit der Kupplung miserabel wegkam und gleich mal ein paar Plätze verlor. In den ersten Kurven war Massa neben ihm und beide roten Renner berührten sich so unglücklich, dass Massa mit einem Plattfuß an die Box humpeln musste und aussichtslos zurückfiel.

"Ich weiß nicht, wie ich es anstellen soll, aber ich muss irgendeinen Weg aus dieser Pechsträhne heraus finden", sagte Massa nach dem Rennen. Alonso meinte zur Anfangsphase: "Trotz meines schrecklichen Starts hätte ich noch Dritter werden können. Aber stattdessen gehe ich mit leeren Händen nach Hause."

Alonso kürzt bei Überholmanöver gegen Kubica ab

Grund dafür war ein Überholmanöver gegen Robert Kubica und dessen Folgen. Alonso bremste sich neben den Polen, musste aber in der Kurve auf die Wiese ausweichen, um eine Kollision zu vermeiden. Dabei kürzte er jedoch ab und machte dadurch eine Position gut.

Für die Rennkommissare um Ex-Weltmeister Nigel Mansell ein klarer Regelverstoß. Nach neun Runden wurde Alonso mit einer Durchfahrtsstrafe belegt.

Safety-Car zerstört schon wieder Alonsos Rennen

Die allein hätte den Spanier aber noch nicht aus den Punkterängen geworfen. Wäre nicht erneutes Pech mit dem Safety-Car dazugekommen. Denn just bevor Alonso seine Strafe antreten wollte, wurde das Feld so dicht zusammengeführt, dass der Ferrari-Pilot durch die Boxendurchfahrt bis fast ans Ende des Feldes durchgereicht wurde.

Eine mittlere Katastrophe, die noch dadurch gekrönt wurde, dass Alonso auf der erneuten Aufholjagd mit Vitantonio Liuzzi kollidierte und sich seinerseits einen Reifenschaden einhandelte.

Alonso akzeptiert Strafe

Trotzdem blieb der Mann, der in Valencia noch fuchsteufelswild war und von einem manipulierten Rennen gesprochen hatte, erstaunlich ruhig.

"Ich akzeptiere die Strafe der Stewards und möchte sie nicht weiter kommentieren", sagte Alonso. "Das Team hat absolut richtig gehandelt, denn als die Rennleitung uns angewiesen hat, Kubica wieder vorbei zu lassen, war es bereits zu spät. Ich hatte ein weiteres Auto überholt und Kubica rollte mit technischem Defekt aus."

Doch wie sich jetzt herausstellte, ist diese Aussage schlichtweg falsch. Rennleiter Charlie Whiting hatte das Team bereits direkt nach dem Zwischenfall angewiesen, Kubica wieder vorbeifahren zu lassen. "Wir haben Ferrari dreimal dazu aufgefordert. Direkt nach dem Manöver. Ich habe ihnen gesagt, dass es dann keine Strafe geben würde, doch sie haben nicht reagiert", wird Whiting vom "Autosprint"-Magazin zitiert.

Strafe für Kubica?

Man reagierte nicht, weil man nicht das Gefühl hatte, irregulär überholt zu haben. "Leute, die sich das Manöver ansehen, werden unterschiedliche Meinungen haben. Ich dachte, es wäre okay, denn ich konnte in dem Moment nichts machen. Wäre in dieser Kurve eine Mauer anstatt Gras gewesen, wäre ich dagegen gefahren und Kubica wäre wohl bestraft worden, weil er mich abgedrängt hat", erklärte Alonso seine Sicht der Dinge.

Ferrari beharrt unterdessen weiter auf der Aussage, man sei zu spät informiert worden. "Normalerweise diskutieren wir solche Dinge mit der Rennleitung, bevor wie eine Entscheidung treffen", sagte Teamchef Stefano Domenicali. "Aber als man uns darüber informiert hat, dass Fernando seine Position wieder hergeben soll, war es zu spät. Robert fiel bereits mit einem Problem zurück." Neun Runden hätten die Stewards gebraucht, um über die Strafe zu entscheiden. Viel zu lange.

Doch auch das kontert Whiting. "Es stimmt ganz einfach nicht, dass die Rennkommissare zu lange gebraucht haben", sagte er. "Für uns war die Sache sofort klar: Alonso hat abgekürzt und sich einen Vorteil verschafft. Und genau das haben wir dem Team mitgeteilt."

Domenicali: "Dürfen uns nicht in Selbstmitleid verlieren"

Und so war alles lamentieren des Teams umsonst, die Entscheidung der Stewards war gefallen. So sah es diesmal auch Ferrari, nachdem sich das Team wegen seiner harten Kritik in Valencia den Unmut der FIA zugezogen hatte. Man hakte das Wochenende lieber ab und schaute in die Zukunft.

"Es ist wichtig, dass wir uns nicht in Selbstmitleid verlieren", sagte Domenicali. "Stattdessen müssen wir ruhig und fokussiert bleiben und die gute Arbeit der letzten paar Wochen fortsetzen."

Alonso glaubt fester an WM-Titel denn je

Denn das ist die einzig positive Erkenntnis für die Scuderia. Das Auto hat deutliche Fortschritte gemacht und war in Silverstone dicht an Red Bull dran. Podestplätze und sogar Siege sind möglich, wenn die Pechsträhne endlich einmal reißt.

Siege müssen aber auch schleunigst her, denn mit 47 Punkten Rückstand in der Fahrerwertung sind Alonsos Titelchancen auf ein Minimum zusammengeschrumpft.

Für den Spanier aber kein Grund aufzugeben: "Das hört sich sehr viel an, aber ich sehe es so: Vor Silverstone habe ich an den Titel geglaubt, brauchte aber eine Bestätigung, dass ich das Auto dafür habe. Nach Silverstone, wo das Auto geflogen ist, glaube ich trotz der verlorenen Punkte noch mehr an den Titelgewinn als vorher."

Rennanalyse: Webber siegt und sorgt für Eklat

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