Tennis

Alexander Antonitsch - "Bin zu 100 Prozent für eine Davis-Cup-Reform"

Von Ulrike Weinrich
Alexander Antonitsch hat im Davis Cup 1990 das Halbfinale erreicht
© GEPA

Alexander Antonitsch, Turnierdirektor der Generali Open in Kitzbühel, ist strikt gegen die geplante Davis-Cup-Reform. Der 52-Jährige, einst für Österreich in 27 Länderpartien im Einsatz, nennt im Interview mit tennisnet.com seine Gründe dafür - und berichtet über seine skurrilsten Erfahrungen im bedeutendsten Tennis-Teamwettbewerb.

tennisnet: "Am Donnerstag geht es in Orlando um die Zukunft des Davis Cups. Wie bange ist Ihnen...?

Alexander Antonitsch: "Ich habe die Hochzeit miterlebt und weiß, was der Davis Cup bei uns in Österreich bewirkt hat. Es wurde in Fußballstadien gespielt. Ich erinnere mich an das Semifinale gegen die USA 1990 im Wiener Prater Stadion, als ein Thomas Muster uns ins Halbfinale gebracht hat. 1994 im Spiel gegen Deutschland wurde sogar eine eigene Halle dafür gebaut. Das war unser Tennis-Boom. Da haben sich Leute für diesen Sport interessiert, die vorher überhaupt nichts damit zu tun hatten. Wie ein Thomas Muster uns 1994 ins Halbfinale gebracht hat. Da wurde Tennis einer breiten Öffentlichkeit bekannt - und so etwas kann nur der Davis Cup."

tennisnet: "Was macht diesen Wettbewerb aus?"

Alexander Antonitsch: "Vor allen Dingen diese Heim- und Auswärts-Atmosphäre, das ist etwas Einzigartiges. In Moskau 1984 haben wir noch gegen den Vater von Alexander Zverev gespielt. Das war unfassbar. Ich glaube, es gibt keine Sportart, bei der ein Heimvorteil derart viel ausmachen kann wie beim Tennis. Und da wird jeder Punkt gefeiert wie ein Tor beim Fußball"

tennisnet: "Wie meinen Sie das?"

Alexander Antonitsch: "Man darf sich den Bodenbelag aussuchen. Bei der Wahl setze ich dann auf die Stärken meiner Spieler - oder ich versuche, die Schwächen des gegnerischen Teams auszunutzen. So wie Österreich jetzt im September gegen Australien, wenn auf Sand gespielt wird. Kanada hat einmal Rasenplätze gebaut, um Thomas Muster seiner Stärken zu berauben. Dazu kommt: Ich darf mir als Gastgeber die Bälle aussuchen. Ich habe die Linienrichter aus meinem Land. Das wurde zwar jetzt in der Weltgruppe mit dem Einsatz des Hawk Eye etwas entschärft, aber trotzdem: Ich habe im Davis Cup schon Fußfehler-Orgien erlebt gegen die Gastmannschaft."

"Dann hätten wir zwei World Team Cups"

tennisnet: "Was passiert, wenn der umstrittene ITF-Boss David Haggerty seinen Plan am Donnerstag durchbringt?"

Alexander Antonitsch: "Das Ganze ist überhaupt nicht durchdacht. Wenn die Reform durchgeht, hätten wir zwei World Team Cups - einen, den die Spieler unbedingt wollen, und den der ITF. Im Players´ Council hat es ein Abstimmung zum World Team Cup gegeben, Ergebnis 9:0. Diese Macht, die der Davis Cup hat, wird einfach aufgegeben, sie wird geopfert. Das ist brutal schade."

tennisnet: "Auch der Zeitpunkt des neuen Formats ist ein Problem, oder?"

Alexander Antonitsch: "Ich habe in diesen Tagen mit Günter Bresnik telefoniert. Er meinte, es sei überhaupt keine Option für Dominic Thiem, nach dem ATP-Finale in London noch in diesem neuen Wettbewerb zu spielen. Man darf nicht vergessen, für viele Spieler, für die es interessant sein könnte, ist die Saison zu diesem Zeitpunkt, also Ende November, schon lange vorbei."

tennisnet: "Trotzdem sieht es derzeit so aus, als ob die Reform kommt..."

Alexander Antonitsch: "Viele Leute, die in Florida abstimmen, wissen gar nicht, was der Davis Cup ist. Ich halte es mit den Australiern, die können einschätzen, was dieser Davis Cup für eine Bedeutung, für eine Kraft hat. Das beste Beispiel ist Belgien, Mit ihren Heimspielen und Erfolgen haben sie einen richtigen Boom ausgelöst.. Das Tennis in Belgien ist nicht von ATP-Vizeweltmeister David Goffin wieder groß gemacht worden, sondern vom Davis Cup."

"Man könnte auch über Best-of-3 diskutieren"

tennisnet: "Halten Sie den Davis Cup in der jetzigen Form für überlebensfähig?"

Alexander Antonitsch: "Er hat natürlich seine Probleme. Ich bin zu 100 Prozent dafür, dass der Davis Cup reformiert werden sollte. Die Frage ist, muss er jährlich gespielt werden - oder reicht es, wenn er alle zwei Jahre stattfindet? Müssen wir vielleicht am Format etwas ändern, so dass die Spieler nicht eine komplette Woche pausieren müssen. Auch über "Best-of-3" könnte man diskutieren. Muss es sein, dass Österreich in der ersten Runde nach Japan muss? Das sind alles Dinge, die man angehen könnte, ohne den Charakter des Davis Cups vollends zu zerstören."

tennisnet: "Mit was für einem Ergebnis rechnen Sie am Donnerstag?"

Alexander Antonitsch: "Meine Befürchtung ist, dass kleine Länder mit der Aussicht auf Geldspritzen zum Zustimmen gebracht werden. Ein Beispiel: Ich habe gelesen, dass derjenige, der jetzt in Orlando für Kambodscha abstimmt, gleichzeitig am College spielt und total begeistert ist von der Davis-Cup-Reform. Ein französischer Spieler hat mir jüngst erzählt, dass keiner der Profis der L'Equipe Tricolore für die Reform ist - aber ihr Verband stimmt trotzdem dafür. Für mich persönlich lebt der Davis Cup einfach von Heim-und Auswärtsspielen - und von diesem Heimvorteil, bei dem absolute Überraschungen passieren können."

tennisnet: "Das neue Format sieht einen Länderkampf zwischen 18 Nationen vor..."

Alexander Antonitsch: " Alle auf demselben Belag - in einer einzigen Woche. Wenn mir jemand erklärt, dass ein Duell zwischen Österreich und Kroatien in Moskau irgend jemanden interessiert - oder Deutschland Argentinien in Lille, dann weiß ich auch nicht..."

"Die kleinen Verbände werden mit Geld zugeschüttet"

tennisnet: "Geht es in Orlando mit rechten Dingen zu?"

Alexander Antonitsch: "Was ich weiß ist, dass die kleinen Verbänden aus einem unfassbaren Deal viel Geld bekommen sollen. Was mir kein Mensch erklären kann: Wie kann man 120 Millionen per anno über 25 Jahre garantieren? Das bezweifeln auch die Australier, dass es überhaupt eine Bankgarantie über ein Viertel Jahrhundert geben kann. Wer weiß, ob es die Bank da überhaupt noch gibt. Die kleinen Verbände werden mit Geld zugeschüttet. Das verspricht ITF-Boss David Haggerty ihnen."

tennisnet: "Mit welchem Ergebnis rechnen Sie am Donnerstag?"

Alexander Antonitsch: "Ich bin sehr neugierig und hoffe, dass es eng wird. Aber dieses Beispiel von Kambodscha macht mich skeptisch. Ich weiß natürlich, dass es schwer ist für die kleinen Verbände - und jetzt schüttet die ITF das Füllhorn aus...Ich glaube, dass sehr viel falsche Versprechungen gemacht werden. Und dass am Ende das Geld entscheidet."

tennisnet: "Sie haben lange im Davis Cup gespielt. Welche Erlebnisse sind Ihnen in Erinnerung geblieben?"

Alexander Antonitsch: "Da wurde manchmal bei Auswärtsspielen schon probiert, die Spieler der Gastmannschaft etwas länger unten an der Bar zu halten. Ich habe schon Fußfehler bekommen, als ich anderthalb Meter hinter der Linie gestanden habe. Es hat Sachen gegeben in Uruguay, da war es schwer, die Fans auf den Rängen zu halten. Da war Security gefragt. Es war eine giftige, aber supergeile Atmosphäre, die du nie vergisst."

"Im Davis Cup in Neuselland stand ich kurz vor der Disqualifikation"

tennisnet: "Details, bitte!"

Alexander Antonitsch: "In Neuseeland stand ich kurz vor der Disqualifikation. Wir haben in einer Wellblechhalle um den Aufstieg in die Weltgruppe gespielt. Man hat sein eigenes Wort nicht mehr gehört. In der entscheidenden Partie hatte ich schon eine Verwarnung, dann ist plötzlich das Licht ausgegangen - ich habe getobt. Mein Kapitän Günter Bresnik hat mir das Handtuch über den Kopf gelegt und hat mich rausgeführt, so dass ich nicht noch mehr schimpfen konnte. Dann haben wir es doch noch gewonnen, es war ein Traum."

tennisnet: "Im Davis Cup wurden Helden geboren, es gab Dramen en masse. Was macht diesen Wettbewerb für einen Profi so einzigartig?"

Alexander Antonitsch: "Die wirklich großen Spieler sind diejenigen, die diesen Davis Cup annehmen. Egal, ob auswärts oder zuhause. Ich ziehe meinen Hut vor den Profis, die dort ihre Leistung bringen. Die Meisterklasse ist, bei 2:2 im Davis Cup seine beste Leistung abzurufen. Boris Becker hat es geliebt, wenn es um etwas gegangen ist im Davis Cup. Das war legendär. Thomas Muster war genau dasselbe Kaliber. Aber selbst ein Roger Federer hat lange gebraucht, um im Davis Cup seine Leistung abzurufen, wenn es eng geworden ist."

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