Wintersport

Mario Matt im Interview: "Ich musste komplett neu anfangen"

Mario Matt gewann 2000 in Schladming seinen zweiten Weltcup-Slalom.
© GEPA

Mario Matt krönte sich bei der letzten Ski-WM in Are 2007 in überlegener Manier zum zweiten Mal zum Slalom-Weltmeister. Der heute 40-Jährige spricht im SPOX-Interview über eine langwierige Schulterverletzung, die den WM-Titel zu einem besonderen Erlebnis machte.

Außerdem erinnert sich der 14-fache Weltcup-Sieger an den Moment, als er Marcel Hirscher bei Olympia in die Schranken wies und verrät, was er von Parallel- und City-Events hält.

SPOX: Bei der letzten WM in Are krönten Sie sich mit satten 1,81 Sekunden Vorsprung zum Slalom-Weltmeister. Welche Erinnerungen haben sie an diese Titelkämpfe?

Mario Matt: Sehr gute. Durch meinen Start in der Kombination war ich von Beginn an dort, und ich erinnere mich noch an die eisigen Temperaturen von unter minus 30 Grad. Dass ich eineinhalb Wochen später meinen WM-Titel im Slalom wiederholen konnte, war ein großartiges Erlebnis.

SPOX: Zwischen Ihrem ersten und letzten Sieg im Weltcup liegen fast 14 Jahre. Wie schafften Sie es, in Ihrer Karriere so lange schnell zu sein?

Matt: Wenn man den Slalomsport zu Beginn und zum Ende meiner Karriere vergleicht, sieht die Technik gänzlich anders aus. In jeder Saison bereitete ich mich auf gleiche Weise, sehr gewissenhaft, vor. Die Materialänderungen brachten einen anderen Fahrstil mit sich. Ich versuchte, alles auszureizen und an meine Grenzen zu gehen. Das neue Material gab etwa andere Radien vor, man war aber gefordert, topfit zu sein, um sie auch fahren zu können.

SPOX: Das Material bereitete Ihnen nie Probleme, ihr Körper zwang Sie aber zu einer Pause.

Matt: Ich hatte eine langwierige Schulterverletzung, die zwei Operationen innerhalb eines halben Jahres erforderte. Das hat mich richtig zurückgeworfen. Ich musste eigentlich komplett neu anfangen - mit Startnummern jenseits der 40.

SPOX: Die Verletzung zogen Sie sich in Kitzbühel zu. Was war genau passiert?

Matt: Ich kam beim Einfahren zu Sturz. Dabei hatte ich bereits starke Schmerzen in der Schulter, aber ich dachte mir dabei nicht viel, weil ich davor in meiner Karriere keine gröbere Verletzung hatte. Was ich nicht wusste: Beim Sturz rissen vermutlich schon alle Bänder. Beim Start zum 1. Durchgang kugelte die Schulter aus, ich fuhr den Lauf aber noch zu Ende. Das Comeback war eine sehr mühsame Geschichte, vor allem weil mir Trainingsläufe fehlten. Ich hatte kein Vertrauen mehr ins Material, fühlte mich unwohl und es war nicht mehr so, wie ich mir das vorstellte. Dadurch war die Goldmedaille in Are sehr viel wert, weil ich komplett weg war und mir das beinhart erarbeiten musste.

SPOX: Dennoch haben Sie Kitzbühel vermutlich in guter Erinnerung. Bei Ihrem erst dritten Weltcup-Einsatz feierten Sie dort den ersten Sieg. Wie war das damals möglich?

Matt: Eigentlich war ich in dieser Saison (1999/2000, Anm.) für den Europacup vorgesehen. Es ging bei mir aber gleich Schlag auf Schlag. In Kranjska Gora bekam ich meine erste Chance im Weltcup und belegte dort trotz einiger Fehler mit hoher Startnummer Platz 15. In meinem zweiten Rennen in Wengen lag ich sogar schon auf Platz 6, schied aber mit bester Zwischenzeit im zweiten Lauf aus. Beim dritten Start klappte es mit einem Sieg. Kurz darauf stand ich auch in Schladming ganz oben.

Mario Matt: Olympia-Gold vor Hirscher? "Mein größter Triumph"

SPOX: Hat es geholfen, dass Sie bereits mit zwei Jahren auf den Skiern standen?

Matt: Nicht unbedingt, denn das machen viele andere auch. Es ist schwer zu sagen. Manche brauchen mehrere Jahre im Europacup, um sich an die Weltspitze heranzutasten. Bei mir ging der Knopf schneller auf, andere wagen erst mit Anfang 20 den Schritt und steigen im Weltcup ein.

SPOX: Wann entschieden Sie sich dazu, sich nur auf den Slalom zu fokussieren?

Matt: In der Saison 2010/11 hatte ich enorme Probleme und fiel sogar aus den Top-30. Ich wechselte das Material und setzte neue Prioritäten. Ich war 31 Jahre alt und wollte so schnell wie möglich zurück in die Weltspitze. Für mich war aber wichtig, in der Lage zu sein, Rennen zu gewinnen oder zumindest am Stockerl zu stehen. Riesenslaloms mitzunehmen, nur um Top-10-Ergebnisse einzufahren, das war mir zu wenig. Darum konzentrierte ich mich mehr auf den Slalom, was im Nachhinein sicher die richtige Entscheidung war.

SPOX: Sie sind einer der wenigen, die Marcel Hirscher auf großer Bühne schlagen konnten. In Sotschi holten Sie Gold, Hirscher nur Silber. Welchen Stellenwert hat diese Goldmedaille?

Matt: Das war wohl mein größter Triumph. Die ganze Saison über war ich sehr schnell, auch wenn ich etwa in Schladming mit bester Zwischenzeit ausgeschieden bin. In Sotschi hat es Gott sei Dank geklappt. Es war meine letzte Möglichkeit, bei Olympia teilzunehmen. In einem hohen Skifahrer-Alter schätzt man das noch mehr.

SPOX: Womit verbringen Sie heute, rund vier Jahre nach Ihrem Karriereende, am meisten Zeit?

Matt: Ich betreibe das "Krazy Känguruh", eine Apres-Ski-Bar in St. Anton. Die Wintermonate sind mit viel Stress und Arbeit verbunden, ich bin so gut wie täglich dort. Hinzu kommen die Pferde: Wir betreiben eine Vollblutaraber-Zucht in Flirsch.

SPOX: Wie viele Pferde haben Sie über die Jahre gezüchtet?

Matt: Die exakte Zahl habe ich gar nicht im Kopf, aber in unserem Stall befinden sich zurzeit 28 Pferde. Sie werden zum Teil als Reitpferde verkauft, wir haben Abnehmer aus der ganzen Welt. Zudem reisen wir zu Wettbewerben im Western-Reiten und fahren zu Zuchtschauen, die europaweit stattfinden.

Mario Matt über Bruder Michael: "Traue ihm alles zu"

SPOX: Sie greifen Ihrem Bruder Michael immer wieder unter die Arme. Was fällt unter Ihr Aufgabengebiet?

Matt: Prinzipiell ist er mit einem guten Trainerteam abgedeckt. Ab und zu fahre ich zu den Rennen mit, wo ich ihm mein Feedback gebe. Vor allem in der Abstimmung des Materials kann ich meinen Input geben und ihn unterstützen.

SPOX: Trauen Sie Michael bei der WM in Are eine Slalom-Medaille zu?

Matt: Ich traue ihm alles zu. Er ist einer der schnellsten Slalomläufer, die es gibt. Das steht außer Zweifel. Im Jänner hat es aufgrund von Abstimmungsproblemen nicht so geklappt, aber generell kann er bei jedem Rennen aufs Stockerl fahren - auch in Are.

SPOX: Geht die FIS den richtigen Weg, indem sie vermehrt auf Parallel- und City-Events setzt?

Matt (überlegt lange): Ich finde die Bewerbe grundsätzlich okay. Es ist ein Mittel, den Skisport in die Städte zu bringen, um ein größeres Publikum anzuziehen und Werbung zu machen. Doch die Zuschauerzahlen sind nicht so gut, wie man sich das erwartet hätte. Ich finde es verwerflich, dass Parallel-Slaloms zum Slalom-Weltcup zählen. Diese Rennen sind etwas ganz anderes, sie haben nichts mit dem Slalomfahren zu tun.

Mario Matt: Medaillen bei Ski-WMs und Olympischen Spielen

JahrOrtDisziplinErgebnis
2001St. AntonKombinationSilber
2001St. AntonSlalomGold
2007AreTeam-EventGold
2007AreSlalomGold
2013SchladmingSlalomBronze
2014SotschiSlalomGold
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