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NHL

"Wir fühlen uns immer benachteiligt"

Von Philipp Dornhegge
MVP Henrik Sedin (l.) und sein Bruder Daniel (2.v.r.) sind die wichtigsten Offensivspieler der Canucks
© Getty

1993 hat letztmals ein kanadisches Team den Stanley Cup gewonnen. Seitdem gab es für die sechs Vertreter zusammen 55 Playoff-Teilnahmen, 4 Finals-Auftritte und viele Enttäuschungen. Gemeinsam mit Ex-NHL-Spieler und -Trainer Barry Melrose beleuchtet SPOX vor dem Saisonstart am 7. Oktober die Situation der Mannschaften "north of the border".

Kanada ist Eishockey, Eishockey ist Kanada. Darüber kann es gar keinen Zweifel geben. "Bei uns ist Eishockey Religion", erklärte Nationalspieler Rick Nash im Vorjahr im SPOX-Interview.

Wer hier zwischen Oktober und Juni im Fernsehen den Sportkanal einstellt, wird zwangsläufig mit Eishockey überhäuft. "Der Sport war nie beliebter als heute", bestätigt "ESPN"-Experte Barry Melrose, selbst gebürtiger Kanadier, im Gespräch mit SPOX.

Deshalb seien seine Landsleute umso verzweifelter, dass seit 1993 kein kanadisches Team mehr den Stanley Cup gewinnen konnte. Damals gelang es den Montreal Canadiens, bis heute mit 24 Meisterschaften Rekordmeister der NHL.

Rivalitäten untereinander immer noch groß

"Die Fans sind völlig verrückt. Wie verrückt, sieht man immer dann, wenn ein Team in den Playoffs weit kommt und die Hoffnung groß ist, dass es endlich mal wieder klappen könnte", sagt Melrose. Mittlerweile sei die Verzweiflung der Fans so groß, dass sich Melrose vorstellen könnte, dass ein Toronto-Fan den Canadiens oder Senators zujubeln würde, wenn die eine Chance auf die Meisterschaft hätten.

"Eigentlich ist das undenkbar", glaubt Melrose. Die Rivalitäten zwischen den kanadischen Teams seien immer noch groß und toll für den Sport. "Für einen Eishockey-Fan kann es nichts Besseres geben als die Rivalität zwischen den Edmonton Oilers und den Calgary Flames", sagt Melrose zum Beispiel.

Dennoch hielten die Fanlager immer mehr zusammen, weil die Durststrecke der Kanadier eben verbindet - und weil die Abneigung gegen die Amerikaner noch mal ganz andere Dimensionen hat.

Geht es um Eishockey und die NHL, geht es nicht nur um Sport, sondern besonders für Kanadier immer auch um Politik. "Wir fühlen uns immer benachteiligt", bestätigt Melrose. "Es ist kein Wunder, dass Commissioner Gary Bettman gnadenlos ausgebuht wird, wenn er zu Besuch in Kanada ist."

Eishockey: in Kanada top, in den USA vierte Geige

Die Amerikaner hielten den US-Markt für wirtschaftlich lukrativer und konzentrierten sich deshalb auf ihre Teams. Bisher jedenfalls war das so. Inzwischen hat sich nämlich herausgestellt, dass die kanadischen Klubs finanziell sehr viel besser aufgestellt sind: Hier stimmt die Kasse, das Merchandising läuft und die Arenen sind fast immer ausverkauft. In den USA muss sich die NHL hinter der NFL (American Football), MLB (Baseball) und NBA (Basketball) anstellen.

Langsam aber sicher setzt sich diese Erkenntnis auch bei Bettman durch. Und so steigen in Kanada die Hoffnungen, dass man in Zukunft wieder ernst genommen wird. Und damit würden sich auch die Chancen verbessern, dass die NHL wieder kanadischer wird.

"Ich bin absolut für mehr kanadische Teams", erklärt Melrose. "Nicht nur, weil es die Fans verdient hätten. Auch aus wirtschaftlicher Sicht wäre das vernünftig: Alle kanadischen Teams sind finanziell erstklassig aufgestellt, mit Winnipeg und Quebec City gibt es zwei Städte, die unbedingt in der NHL dabei sein wollen. Und Toronto könnte locker ein zweites Team neben den Maple Leafs vertragen."

Melrose: "Bin kein typischer Kanadier"

Insbesondere Winnipeg ist aktuell der große Hoffnungsträger der Kanadier. Denn die Phoenix Coyotes, die 1996 aus den Winnipeg Jets hervor gegangen waren, stehen vor dem Aus. Eishockey ist in der Wüste von Arizona nicht glaubwürdig zu verkaufen.

"Die Zukunft des Teams in Phoenix ist noch längst nicht gesichert", weiß Melrose. "Es heißt zwar, dass es einen neuen Deal geben wird, bisher ist aber nichts passiert. Und wenn es nicht klappt, dann wird die Franchise wohl wieder zurückkehren." Nach Winnipeg. Nach Kanada. Melrose: "Meine Hoffnung ist groß, dass Kanada in der NHL wieder einen größeren Stellenwert bekommt. Winnipeg hat eine brandneue Arena, Quebec City will auch eine bauen. Die Voraussetzungen waren nie besser."

Melrose lebt selbst zwar gar nicht mehr in Kanada, sondern ist seit vielen Jahren Wahlamerikaner und hat sogar eine doppelte Staatsbürgerschaft. "Ich bin deshalb auch kein typischer Kanadier, der bei Duellen gegen amerikanische Teams immer für die Kanadier jubelt. Ich will einfach nur gutes Eishockey sehen. Ich mag Teams, die das Spiel so spielen, wie es sein sollte: schnell, physisch und mit vielen Hits. Spieler, die bereit sind, für ihr Team und den Sport Opfer zu bringen, liebe ich über alles."

So hätten ihm im Vorjahr besonders Pittsburgh und Chicago imponiert, deren Spielweise Werbung für seinen Sport gewesen sei und die Fans in die Hallen und vor den Fernseher brachte.

Kanadas Nummer eins: Vancouver

Im Herzen ist Melrose dennoch Kanadier geblieben, und so fühlt er mit jedem Landsmann, den die kanadische Titeldürre verzweifeln lässt: "17 Jahre! So etwas gab es für Kanada noch nie!"

Ein Titelgewinn wäre sowohl Balsam für die geschundenen kanadischen Seelen als auch ein sportpolitisches Statement.

Zum Glück gibt es Hoffnung. Angesprochen auf die im Hinblick auf die neue Saison sehr gut aufgestellten Vancouver Canucks sagt Melrose: "Wissen Sie was: Ich glaube, dass sie den Stanley Cup gewinnen werden!"

Sollte es dazu kommen, werden nicht nur die gut zwei Millionen Vancouverites mit ihnen feiern, sondern zusätzlich 32 Millionen Landsleute, die sonst für die Flames, Oilers, Senators, Canadiens oder Maple Leafs jubeln.

"ESPN"-Experte Barry Melrose wurde am 15. Juli 1956 in Kelvington/Saskatchewan geboren. Als Verteidiger spielte Melrose in der NHL für die Winnipeg Jets (79-80), Toronto Maple Leafs (80-83) und Detroit Red Wings (83-84). Als Headcoach war er bei den L.A. Kings und den Tampa Bay Lightning angestellt.

Teil 2: SPOX und Melrose analysieren die kanadischen Teams und tippen die Finals

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