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Draft Grades: Packers stürzen ab - Giants und Cowboys überraschen

SPOX-Redakteur gibt sein Fazit zum NFL Draft 2020 für alle 32 Teams ab.

Der NFL Draft 2020 ist Geschichte, die Offseason und der Blick auf die kommende Saison rücken in den Mittelpunkt! Zuvor aber gibt SPOX-Redakteur Adrian Franke seine Einschätzungen ab - zu allen 32 Draft-Klassen und dem vorgehen der Teams über die drei Draft-Tage.

Ein kleiner Disclaimer zu Beginn, denn sicher wird der eine oder andere hier die Meinung vertreten, dass Grades direkt nach dem Draft ohnehin keinen Sinn ergeben - dem stimme ich nicht zu. Vielleicht liegt aber auch ein Missverständnis darüber vor, was Draft Grades eigentlich genau sind.

Bei Draft Grades geht es nicht darum, jede Klasse im Detail auf die nächsten vier Jahre zu prognostizieren. Es geht nicht darum, sich festzulegen, welcher Sechstrunden-Sleeper explodieren und der nächste Superstar oder welcher Top-10-Pick in drei Jahren ein Draft-Bust sein wird - leider kann niemand in die Zukunft schauen.

Es geht auch nicht darum, stupide die Picks mit seinem eigenen Pre-Draft-Board abzugleichen und dann eine Note daraus zu basteln - das hätte keinerlei Mehrwert. Vielmehr geht es darum, den Prozess im Hier und Jetzt zu bewerten; und das wiederum ist ausschließlich jetzt möglich, bevor sich das Bild unweigerlich verschiebt, wenn die über die letzten Tage gedrafteten Prospects dann ihre ersten NFL-Jahre auf dem Buckel haben.

Jedes Jahr kommt es vor, dass ein Prospect, das so gut wie jeder als absolutes Elite-Talent auf dem Zettel hatte, am Ende nicht funktioniert - das rückblickend zu bewerten und Gründe dafür zu finden ist aber ein völlig anderes Thema als den Prozess und die Herangehensweise der 32 Teams über die drei Draft-Tage anzuschauen, zu beurteilen und zu versuchen, die Überlegungen nachzuvollziehen.

Um diesen Prozess geht es maßgeblich beim Erstellen von Draft Grades. Natürlich fließen zusätzlich die eigenen Analysen der individuellen Prospects - sonst könnte man sich diese auch sparen -, die möglichen Needs der Teams sowie Dinge wie Positional Value und in wie weit sich der mit dem Value des investierten Draft-Picks deckt, mit rein.

Zu sagen, dass Draft Grades keinen Sinn ergeben, weil die Spieler noch keinen Snap in der NFL gespielt haben, spielt jedoch auf eine ganz andere Evaluierung an als die, die bei Draft Grades im Mittelpunkt steht.

Und damit hinein ins Vergnügen!

NFL Draft Grades 2020

Draft Grades: AFC EAST

Buffalo Bills

Die Picks: Edge A.J. Epenesa (2. Runde), RB Zack Moss (3. Runde), WR Gabriel Davis (4. Runde), QB Jake Fromm (5. Runde), K Tyler Bass (6. Runde), WR Isaiah Hodgins (6. Runde), CB Dane Jackson (7. Runde).

Die Analyse: Infolge des Trades für Stefon Diggs hatte Buffalo keinen Erstrunden-Pick; mit Epenesa haben sie dennoch ein potenzielles Erstrunden-Talent ergattert. Mit seiner Power ein Kandidat, um regelmäßig auch nach innen zu rücken und Druck auf den Quarterback zu machen.

Value gab es dann auch mit Fromm in Runde 5, der zumindest ein sehr guter Backup-Quarterback werden sollte - und im Idealfall auch ein Low-Level-Starter werden kann. Hodgins könnte die Rolle des Big-Slot-Receivers als Ergänzung zu Cole Beasley einnehmen; sehr gut möglich, dass es der Sechstrunden-Pick in den Kader als Nummer-4-Receiver schafft - womöglich vor Viertrunden-Pick Davis.

Abzug gibt es für den Kicker-Pick in Runde 6; man sollte gerade beim Draft nie in Absoluten denken oder reden, aber: Niemals einen Kicker draften. Und gerade die Bills, die keinen Erstrunden-Pick hatten, sind kein Team, das sich in der dritten Runde einen Running Back hätte leisten sollen. Buffalo hatte bereits letztes Jahr einen Drittrunden-Pick, überaus erfolgreich, in Devin Singletary investiert und auch wenn man die Frank-Gore-Rolle neu besetzen musste: Ein weiterer Drittrunden-Pick war dafür keinesfalls nötig.

Die Note: 3+.

Miami Dolphins

Die Picks: QB Tua Tagovailoa (1. Runde), OT Austin Jackson (1. Runde), CB Noah Igbinoghene (1. Runde), OG Robert Hunt (2. Runde), DT Raekwon Davis (2. Runde), S Branon Jones (3. Runde), OL Solomon Kindley (4. Runde), DT Jason Strowbridge (5. Runde), Edge Curtis Weaver (5. Runde), LS Blake Ferguson (6. Runde), WR/RB Malcolm Perry (7. Runde).

Die Analyse: Die Grundidee dieses Dolphins-Drafts ist absolut super - und allein die Art und Weise, wie sie letztlich (ohne Uptrade, ohne etwas zusätzliches aufzugeben) Tua Tagovailoa bekamen, macht diesen Draft sehr positiv. Doch Miami hatte mit seinem immensen Draft-Kapital und den dazu analog großen Baustellen im Kader auch größeren Druck für diesen Draft als jedes andere Team. Und nach Tua wurden sie ein Beispiel dafür, wie Draft-Bewertungen sich unterscheiden können: Prozess und Gedankengänge waren gut, doch die Spieler-Auswahl überraschte teilweise.

Austin Jackson in Runde 1 ist hoch diskutabel; das Potenzial ist da, aber Jackson wird auch noch Zeit brauchen. Igbinoghene, ein physischer Man-Corner, und Raekwon Davis, ein 2-Gapper und Run-Stopper, sind exzellente Scheme-Fits, waren beide aber auch vergleichsweise hoch gepickt. Und gerade Igbinoghene überraschte, angesichts der Tatsache, dass Miami bereits das teuerste Cornerback-Duo der Liga hat und dass mit Bama-Safety Xavier McKinney noch ein anderes Top-Prospect auf einer großen Dolphins-Baustelle auf dem Board war.

Curtis Weaver in Runde 5 - trotz der athletischen Defizite - ist an dem Spot ein sehr guter Pick und der neben Tua "aufregendste" Spieler dieser Klasse ist womöglich Malcolm Perry. Der Navy-Quarterback wird eine Gadget-Waffe auf dem nächsten Level sein, für die man offensive Kreativität braucht - dann aber könnte er sehr viel Spaß machen. Bonuspunkte gibt es dafür, dass die Dolphins keinen hohen Pick für einen Running Back verwendeten und stattdessen diese Problemzone mit dem deutlich günstigeren Trade für Matt Breida schlossen.

Die Note: 2+.

New England Patriots

Die Picks: S Kyle Dugger (2. Runde), Edge Josh Uche (2. Runde), Edge Anfernee Jennings (3. Runde), TE Devin Asiasi (3. Runde), TE Dalton Keene (3. Runde), K Justin Rohrwasser (5. Runde), OL Michael Onwenu (6. Runde), OL Justin Herron (6. Runde), LB Cassh Maluia (6. Runde), OL Dustin Woodard (7. Runde).

Die Analyse: Die Strategie hinter dem Pats-Draft war klar: Flexibilität stand im Mittelpunkt, und diese Pats-Defense sollte wieder jede Menge Spaß machen. Das begann mit dem ultra-athletischen Small-School-Safety Kyle Dugger, ging weiter mit den Edge-Linebacker-Hybriden Uche und Jennings und setzte sich dann auch mit den beiden Tight Ends fort. Zusätzlich griff New England ordentlich Value ab, indem man die Chargers hochkommen ließ und aus der ersten Runde raus tradete.

Die Tight Ends waren für meinen Geschmack beide ein wenig hoch, ein Outside-Receiver hätte New England an irgendeinem Punkt an Tag 2 besser zu Gesicht gestanden. Die Offensive-Line-Tiefe später am dritten Tag sollte den Pats einige Möglichkeiten und auch Flexibilität für mögliche Vertragsverhandlungen geben; Rohrwasser in Runde 5 war aber ein in jeder Hinsicht absolut absurder Pick.

Die Note: 3+.

New York Jets

Die Picks: OT Mekhi Becton (1. Runde), WR Denzel Mims (2. Runde), S Ashtyn Davis (3. Runde), Edge Jabari Zuniga (3. Runde), RB Lamical Perine (4. Runde), QB James Morgan (4. Runde), OL Cameron Clark (4. Runde), CB Bryce Hall (5. Runde), P Braden Mann (6. Runde).

Die Analyse: Ein exzellenter Draft. Ja, Becton ist noch ein Projekt, hat aber massive Upside, ist technisch nicht so roh wie er teilweise im Pre-Draft-Prozess gemacht wurde und macht die Jets-Line zumindest im Run-Blocking sofort deutlich besser. Und New York musste an der Line besser werden.

Die Aussage galt für die Receiver; Mims in Runde 2 war für mich ein Steal, das könnte der beste X-Receiver dieser Klasse nach CeeDee Lamb werden und auch hier ging New York einen riesigen Need an. In puncto Value war Davis in der dritten Runde ein herausragender Pick. Vielleicht der beste Deep-Safety dieser Klasse mit enormer Reichweite; ein Spieler, der das vertikale Passspiel des Gegners signifikant limitieren kann.

Der größte Value-Pick dieser Klasse ist aber Bryce Hall in der fünften Runde. War verletzt, aber das ist ein Playmaker auf der Cornerback-Position, der in einer Off-Coverage-Rolle jederzeit ein Play machen kann, um ein Spiel kippen zu lassen.

Die Note: 1-.

Draft Grades: AFC NORTH

Baltimore Ravens

Die Picks: LB Patrick Queen (1. Runde), RB J.K. Dobbins (2. Runde), DT Justin Madubuike (3. Runde), WR Devin Duvernay (3. Runde), LB Malik Harrison (3. Runde), OL Tyre Phillips (3. Runde), OG Ben Bredeson (4. Runde), DL Broderick Washington (5. Runde), WR James Proche (6. Runde), S Geno Stone (7. Runde).

Die Analyse: Dass Queen bis nach Baltimore fiel, könnte so manchem Team rückblickend noch leid tun; ein absolut perfekter Scheme-Fit auf einer Need-Position, Queen wird hinter der dominanten Defensive Line im Raum arbeiten können und passt in den ultra-flexiblen Ansatz der Defense. Madubuike ist direkt ein Rotationsspieler in der D-Line, Duvernay ein explosiver, physischer Slot-Receiver, den die Ravens so noch nicht hatten, der perfekt in diese Offense passt und der ein Day-1-Starter sein könnte. Harrison ist quasi das Gegenstück zu Queen und Bredeson ein kleiner Steal und potenzieller Day-1-Starter in Runde 4.

Einzig der Dobbins-Pick gibt Rätsel auf. Sicher, das Run Game in Baltimore spielt eine gewichtige Rolle und Mark Ingram wird nicht jünger. Aber gerade die Ravens sind eigentlich das Musterbeispiel dafür, dass man keinen Elite-Running-Back braucht. In Baltimore entsteht extrem viel über das Scheme und die Option-Plays sowie die starke Offensive Line, sodass sich Räume für Running Backs ergeben. Ganz zu schweigen davon, dass Lamar Jackson selbst einen gewichtigen Teil des Run Games übernimmt. Dobbins ist ein guter Spieler, aber die Ravens "brauchen" keinen Zweitrunden-Back.

Die Ravens-Note hätte aufgrund des Draft-Abschlusses dennoch auch gut Richtung 1 gehen können. Proche ist kein Receiver, der mit Route-Running gewinnt, aber irre gute Hände hat und im Slot unfassbar produktiv im College war. Und Geno Stone ist einer der besten Safeties dieser Klasse in puncto Antizipation und Play-Recognition, wenn er aus dem Raum spielen kann. Potenziell einer der Steals des gesamten Drafts und ein perfekter Scheme-Fit in Baltimore für diese Rolle.

Die Note: 2+.

Cincinnati Bengals

Die Picks: QB Joe Burrow (1. Runde), WR Tee Higgins (2. Runde), LB Logan Wilson (3. Runde), LB Akeem Davis-Gaither (4. Runde), Edge Khalid Kareem (5. Runde), OT Hakeem Adeniji (6. Runde), LB Markus Bailey (7. Runde).

Die Analyse: Man kann jetzt darüber diskutieren, wie viel Lob die Bengals für Burrow verdienen; zumindest aber haben sie sich auf kein verrücktes Angebot - so es das denn gab - eingelassen und den klar besten Quarterback und wertvollsten Spieler dieser Klasse genommen. Der Grundstein für den Neustart in Cincinnati.

Lob gibt es definitiv für Higgins in Runde 2, ein X-Receiver mit enormem Catch-Radius und im Play subtileren Bewegungen als er zugeschrieben bekommt. Perspektivischer Ersatz für A.J. Green und kann als Nummer 3 auch als Rookie eine Rolle spielen.

Linebacker war die andere Großbaustelle, hier haben die Bengals mit Wilson einen soliden Pick in Runde 3 und mit dem extrem agilen, explosiven, Cover-starken Davis-Gaither einen Steal in Runde 4 gelandet. Bailey ist medizinisch nach mehreren Kreuzbandrissen ein Fragezeichen, sportlich aber ist das ein potenzieller Starter.

Die Note: 1-.

Cleveland Browns

Die Picks: OT Jedrick Wills (1. Runde), S Grant Delpit (2. Runde), DT Jordan Elliott (3. Runde), LB Jacob Phillips (3. Runde), TE Harrison Bryant (4. Runde), C Nick Harris (5. Runde), WR Donovan Peoples-Jones (6. Runde).

Die Analyse: Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich überhaupt bei dieser Browns-Klasse kritisieren soll - und wenn das größte Fragezeichen für mich zumindest darin besteht, wie schnell man Jedrick Wills von der rechten auf die linke Seite umschulen kann, dann ist das vermutlich ein Hinweis darauf, wie gut der Rest der Klasse ist.

Die Browns haben einen absoluten Sahne-Draft hingelegt: Wills adressiert nicht nur den größten Need, er war für mich auch deutlich der beste Offensive Tackle dieser Klasse. Delpit in Runde 2 ist enormer Value und wird die Pass-Defense - Tackling hin oder her - deutlich besser machen, auch Elliott in Runde 3 geht Richtung kleiner Steal.

Harrison Bryant könnte der gefährlichste Downfield-Receiving-Tight-End dieser Klasse werden und passt damit hervorragend in das 2-Tight-End-System, das Kevin Stefanski in Cleveland installieren wird, in dem per Play Action vertikal attackiert werden soll. Ein Scheme-Fit und definitiv ein Steal für mich ist Nick Harris in Runde 5. Harris könnte sich sehr gut als bester Zone-Blocking-Center dieser Klasse entpuppen und passt damit perfekt zu Stefanski.

Die Note: 1+

Pittsburgh Steelers

Die Picks: WR Chase Claypool (2. Runde), Edge Alex Highsmith (3. Runde), RB Anthony McFarland (4. Runde), OG Kevin Dotson (4. Runde), S Antoine Brooks (6. Runde), DL Carlos Davis (7. Runde).

Die Analyse: Rundum solide trotz beschränktem Draft-Kapitals; mit McFarland in Runde 4 etwas hoch, dafür aber ansonsten einem guten dritten Tag.

Eine der größten Baustellen in Pittsburghs Kader war der X-Nummer-1-Receiver, der Coverage auf sich ziehen und JuJu Smith-Schuster auch schematisch entlasten kann: Chase Claypool mag nie ein Elite-Receiver werden, doch er ist sehr wohl ein Receiver, der mit seiner Physis, seiner Körperkontrolle und seinen Fähigkeiten im vertikalen Passspiel alleine Outside gewinnen und Safety-Coverages auf sich ziehen kann.

Auch Highsmith ist ein logischer Fit. Ein agiler, explosiver Edge-Rusher, der als Versicherung dienen könnte, Bud Dupree nach der kommenden Saison nicht zu bezahlen. Kevin Dotson in ähnlicher Rolle könnte Stefen Wisniewski in der Interior Line beerben, ein Guard mit enormer Power. Das waren Picks, die perspektivisch absolut Sinn ergeben für die Steelers.

McFarland in Runde 4 zieht die Note dann aber doch nochmal etwas runter. Ein schmaler Change-of-Pace-Back, bestenfalls für eine Rotationsrolle neben Benny Snell hinter James Conner. Da ist nicht nur der Positional Value äußerst zweifelhaft.

Die Note: 2-.

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