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Ryan Tannehill bei den Tennessee Titans: Vom Backup zum Heilsbringer – und Patriots-Bezwinger?

Von Jan Dafeld
Ryan Tannehill zog mit den Tennessee Titans in die Playoffs ein.

Ryan Tannehill hat die Offense der Tennessee Titans mit seiner Übenahme als Starting Quarterback beinahe über Nacht in eine der besten der NFL verwandelt. Innerhalb eines Jahres dürfte er sich von einem Backup zu einem der bestbezahlten Spieler der Liga entwickelt haben. In den Playoffs warten nun die New England Patriots auf ihn und seine Titans - und es gibt Grund zur Hoffnung für Tennessee. Zu sehen gibt es das Spiel am nächsten Sonntag ab 2.15 Uhr LIVE auf DAZN.

Die Titans führten mit nur sieben Punkten Vorsprung als Ryan Tannehill zu Beginn des letzten Viertels im Spiel gegen die Houston Texans am vergangenen Sonntag zu einem tiefen Pass auf seinen Top-Receiver A.J. Brown ansetzte. Es war ein Wurf in Double Coverage, der Rookie wurde von den beiden Texans-Safeties Jahleel Addae und Tashaun Gipson flankiert.

Und doch resultierte Tannehills Entscheidung nicht in einer Incompletion oder gar einer Interception, sondern in einem großen Raumgewinn. Der Ball kam perfekt an der Seitenlinie herunter, wo einzig Brown ihn erreichen konnte. Der Receiver behielt im Fallen beide Füße im Feld und ließ den Pass über knapp 50 Yards genau in seine Hände fallen. Ein Monster-Catch, der das Kommentatoren-Duo aus Jim Nantz und Tony Romo bei NBC in Ekstase verfallen ließ.

Laut Next Gen Stats verfügte Tannehills Pass in dem Moment, in dem er die Hand des Quarterbacks verließ, über eine Wahrscheinlichkeit von gerade mal 6,2 Prozent, von Brown gefangen zu werden. Dem Rookie gelang damit also in der letzten Woche der Saison der unwahrscheinlichste Catch der gesamten Spielzeit. "Um ehrlich zu sein habe ich keine Ahnung, wie ich den Catch geschafft habe", gab Brown nach dem Spiel zu. "Ich weiß nicht, wie ich meine Füße auf den Boden bekommen habe, ich weiß es wirklich nicht."

Tennessee Titans: Eine der besten Offenses der Liga

Es war ein Play, das geradezu sinnbildlich für die Offense der Titans in den vergangenen Wochen stehen könnte. Seit Tannehill den Posten des Starting Quarterbacks von Marcus Mariota übernahm, zählt Tennessee, das in den neun Jahren zuvor nur ein Mal über eine überdurchschnittliche Offense verfügte und in den ersten sechs Spielen der Saison offensiv zum Bodensatz der Liga gehörte, zu den besten Offensiv-Teams der gesamten NFL.

Seit Woche sieben legen die Titans mehr als 30 Punkte pro Spiel auf (nur Baltimore ist noch besser), sie zählen sowohl in DVOA (Defense-adjusted Value Over Average) als auch in puncto Punkte pro Drive zu den fünf besten Teams der NFL und belegen bei der Red-Zone-Effizienz sogar den ersten Platz in der Liga.

Zahlen, über die man sich in Tennessee schon lange nicht mehr freuen konnte. "Das ist definitiv die konstanteste Offense, die wir hatten, seit ich hier bin", so Left Tackle Taylor Lewan, der mittlerweile seine sechste Saison in einem Titans-Jersey spielt.

Tennessee Titans: Die Offense von Arthur Smith entwickelt sich

Offensive Coordinator Arthur Smith, der in den ersten Wochen der Saison noch durch fragwürdige Personal-Nutzung, teilweise chaotische Play-Designs sowie ineffizientes Playcalling aufgefallen war, hat die Offense innerhalb weniger Tage und Wochen merklich verändert. Statt einem heißen Kandidaten auf eine vorzeitige Entlassung gilt Smith für manche nun sogar als Option auf eine Head-Coaching-Position.

Smith ermöglichte seinem mobilen Quarterback durch Rollouts und durch Bewegen der Pocket mehr Würfe aus dem Lauf, verband seine Run-Game und Play-Action-Game-Designs stark miteinander und versucht Woche für Woche, jeden Spieler in der Titans-Offense als potenzielle Big-Play-Gefahr wirken zu lassen. In dieser Saison bekamen bereits drei verschiedene Receiver den Ball bei Running Plays, ein Tight End durfte mit dem Ball laufen, zwei Offensive Linemen fingen Touchdown-Pässe und Running Back Derrick Henry warf einen Pass. Smith scherzte am Ende der Saison, man müsse noch einen Weg finden, Center Ben Jones an den Ball kommen zu lassen.

"All das entwickelt sich laufend und du schaust, wohin es dich tragen kann", so Smith. "Wir halten Ausschau nach verschiedenen Möglichkeiten. Manchmal führst du etwas Neues ein, aber findest einfach nicht den richtigen Moment dafür. Wir versuchen immer besser zu werden, Dinge zu verändern und neue Ideen zu sammeln, egal woher sie kommen."

Ryan Tannehill: Statistiken auf MVP-Niveau

Smith mag im Laufe der Saison einiges richtig gemacht haben, der entscheidende Mann hinter dem Erfolg der Titans-Offense ist dennoch jemand anderes: Ryan Tannehill. Er hat es innerhalb weniger Monate geschafft, von einem Backup zu einem Quarterback, der auf Pro-Bowl- und erweitertem MVP-Niveau agiert, zu werden. Der 31-Jährige führt die Liga in dieser Saison in puncto Yards per Attempt, Net Yards per Attempt, Adjusted Net Yards per Attempt und Passer Rating an.

Tannehills Einfluss geht dabei merklich über Smiths Offense und die darin geschemten Plays hinaus. Er weist die beste Completion Percentage above Expectation, ein deutlich besserer Indikator für die Genauigkeit eines Quarterbacks als die klassische Completion Percentage, auf. Darüber hinaus ist der ehemalige Dolphins-QB alles andere als ein Game-Manager. Nur vier Quarterbacks kamen auf mehr als Tannehills neun Air Yards pro Passversuch, nur vier warfen noch mehr Würfe in enge Fenster.

Innerhalb weniger Monate dürfte er sich somit eine ordentlich Summe an Geld gesichert haben. Tannehills Vertrag läuft im Frühjahr aus, die Titans werden ihren gerade erst gefundenen Heilsbringer sicher nicht gleich wieder verschwinden lassen wollen. Dieser könnte in den nächsten Monaten somit eine äußerst lukrative Verlängerung in Tennessee unterschreiben, zumindest der Franchise Tag und damit mehr als 30 Millionen Dollar für ein Jahr sollten Tannehill sicher sein.

Ryan Tannehill: Erstes Playoff-Spiel in Sichtweite

Eine weitere Belohnung für ihn zudem: Sein erstes Playoff-Spiel. In seiner siebten Saison in der NFL wird Tannehill am kommenden Sonntag erstmals den Rasen in einem Postseason-Spiel seines Teams betreten. "Das ist etwas, worauf ich schon sehr lange hingefiebert habe", so Tannehill. "Ich bin begeistert, jetzt endlich diese Gelegenheit zu bekommen."

Der Quarterback ist nicht der einzige Spieler im Titans-Kader, der voller Vorfreude in Richtung des kommenden Wochenendes blickt. "Das ist das Team, gegen das ich spielen will", verrät Safety Kenny Vaccaro über das anstehende Spiel bei den New England Patriots. "Ich will gegen Tom (Brady, Anm. d. Red.) spielen. Ich meine: Wie viele Chancen werde ich noch kriegen, gegen Tom zu spielen?"

Für Tannehill und die Titans-Offense bedeutet das Matchup allerdings einen echten Prüfstein. Auch wenn New Englands Defense nicht mehr so dominant agiert wie noch zum Saisonstart, so ist die Unit rund um Star-Cornerback Stephon Gilmore gemäß DVOA nach wie vor die beste Defense der NFL, gegen den Pass liegt sie sogar mit weitem Abstand auf Rang eins.

Tennessee Titans: Außenseiter gegen die New England Patriots?

Selbst wenn Tannehills Hochform auch gegen die aggressive Defense von Bill Belichick weiter anhalten sollte, bleiben so einige Baustellen im Team der Titans doch weiter bestehen. Der Pass-Rush ist im Laufe der Saison zu einem echten Sorgenkind der Titans-Defense geworden. Auch die eigenen Special Teams - insbesondere die Kickoff-Coverage - könnte in den Playoffs zu einem Negativ-Faktor für Tennessee werden.

Die ohne jede Frage schwache Form der Patriots und Brady sollte daher noch nicht über den Außenseiter-Status der Titans hinwegtäuschen. "Eins ist sicher: Playoff Brady spielt auf einem anderen Level", ist sich auch Safety Kevin Byard sicher. "Er hat vor zwei Jahren unsere Defense komplett zerlegt." Damals überrollten die Patriots die Titans mit 35:14. Brady warf drei Touchdown-Pässe und keine Interception.

Und doch stehen die Vorzeichen in dieser Spielzeit merklich anders. Zum ersten Mal seit neun Jahren verpasste New England eine Bye Week in der Wild Card Round, am vergangenen Wochenende verlor das Team zudem völlig überraschend gegen die Miami Dolphins. Ein Punkt kann den Titans derzeit zudem ganz besonders viel Mut machen: Sie haben Ryan Tannehill.

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