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NBA: Matisse Thybulle von den Philadelphia 76ers - Vom Prediger zum Engel des Chaos

Von Lino Wilczewski
Matisse Thybulle gehört zu den Überraschungen der jungen Saison.

Bei den Philadelphia 76ers entwickelte sich Matisse Thybulle zur positiven Überraschung der noch jungen Saison, schon als Rookie gehört er zu den unangenehmsten Verteidigern der Liga. Doch nicht immer lief alles rund für Thybulle, der im Alter von 16 Jahren einen schweren Schicksalsschlag zurückstecken musste.

"Er ist extrem zerstörerisch. Ich nenne ihn den Engel des Chaos." Üblicherweise sind das keine Worte, mit denen Eltern ihre Kinder beschreiben. Greg Thybulle findet sie gegenüber Jordan Schultz von ESPN aber ganz passend für seinen Sohn Matisse - zumindest, wenn es sich um das Basketballfeld handelt.

Dort macht Thybulle nämlich schon als Rookie mit seiner destruktiven Defensivarbeit auf sich aufmerksam. Starke 2,6 Steals und 1,4 Blocks verzeichnete er in der Preseason, zum Start der regulären Saison führt er die Liga in gestohlenen Bällen sogar an (2,8). Was Gegenspieler nervös macht, sorgt bei Fans, Medien und Teamkollegen gleichermaßen für Begeisterung.

"Ich hasse ihn" beschrieb Ben Simmons den Neuling scherzend, nachdem Thybulles Verteidigung den Point Guard im Training an seine Grenzen gebracht hatte. "Ich liebe es, mit ihm zu spielen," formulierte Joel Embiid das Ganze etwas positiver und bezeichnete den 22-Jährigen gar als den "besten Verteidiger der Liga."

Es klingt fast, als sei Thybulle bereits mit dem Ziel auf die Welt gekommen, NBA-Spielern das Leben schwer zu machen - die Realität jedoch sieht etwas anders aus.

Matisse Thybulle: "Eine gütige und sanfte Seele"

Erst mit acht Jahren nahm Thybulle das Basketballspielen auf - von einem "Zerstörer" war das introvertierte Kind damals weit entfernt. "Ich war nicht sehr talentiert und wenn ich einen Steal oder Block bekam oder tatsächlich mal gegen jemanden gepunktet habe, fühlte ich mich immer ein wenig schlecht für mein Gegenüber. Das abzulegen war ziemlich schwierig für mich."

Thybulle ähnelte in dieser Hinsicht schon von klein auf seiner Mutter Elizabeth, die Greg im Gespräch mit dem Philadelphia Inquirer als "eine gütige und sanfte Seele" beschrieb. "Matisse ist genauso, er möchte anderen Menschen Gutes tun. All seine Geduld und Freundlichkeit kommen von seiner Mutter. Ich dachte früher immer, dass er einmal Prediger werden würde."

So war es ein besonderer Schock für Thybulle, dass seine Mutter an Leukämie erkrankte, als er gerade die High School besuchte. "Unser Leben änderte sich über Nacht", sagte Greg, "aber sie wollte nicht, dass unsere Kinder Zeit im Krankenhaus verbringen. Sie gab mir eine direkte Anweisung: Die beiden sollten ihre Träume erfüllen."

Für Thybulle bedeutete dies, Basketball zu spielen. Inzwischen stolze 1,95 Meter groß, hatte der damals 16-Jährige mit seiner enormen Spannweite und Schnelligkeit das Interesse einiger prominenter Universitäten auf sich gezogen. "Er ist zwar noch sehr roh, aber seine Athletik springt dir förmlich ins Gesicht", beschrieb Lorenzo Romar, der damalige Coach der Washington Huskies, den Flügelspieler.

Obwohl nicht wenige Colleges mit Stipendien lockten, fiel die Wahl schnell auf die University of Washington - nur unweit von Thybulles Heimatort und damit seiner Familie. "Meine Mutter war außer sich vor Freude, sie ist in dieser Gegend aufgewachsen", begründete Thybulle die Entscheidung. Elizabeth blieb jedoch verwehrt, ihren Sohn im Trikot der Huskies zu sehen, sie verstarb während Matisses letztem Jahr an der High School.

Hopkins: "Er ist wie ein Löwe, der seine Beute ausspäht."

Auf dem Campus angekommen, sah der Freshman sich mit einem harten Konkurrenzkampf konfrontiert. In einem Team mit den zukünftigen First-Round-Picks Marquese Chriss, Dejounte Murray und später auch Markelle Fultz war er nicht sicher, wie viel Einsatzzeit er bekommen würde. "Mein Selbstbewusstsein kam und ging", sagte er zu ESPN. "Ich dachte: 'Mist, ich kann mit diesen Jungs nicht mithalten. Ich muss mich anpassen, um zu bestehen.'"

Gesagt, getan. Während Thybulle in seiner Freizeit seiner großen Leidenschaft, der Fotografie, nachging oder überschüssige Ausrüstungsgegenstände wie Schuhe und T-Shirts an Obdachlose verschenkte, lernte er, "auf dem Platz nicht mehr der nette Kerl zu sein." So verpasste der Forward während seiner gesamten vier Jahre bei den Huskies nicht einen einzigen Start - weder unter Coach Romar noch dessen Nachfolger Mike Hopkins.

Ein besonderes Händchen fürs Scoring bewies der Swingman dabei nicht (9,2 Punkte, 42,9 Prozent aus dem Feld), vielmehr waren es seine defensiven Instinkte, die ihn von seinen Mitspielern abhoben. "Er ist sehr, sehr intelligent," sagte Hopkins über ihn: "Sein IQ in der Defensive ist von einem anderen Stern. Er kann unglaublich gut antizipieren. Er ist wie ein Löwe, der seine Beute ausspäht."

Wie sich herausstellte, sind Löwen nicht die angenehmsten Gegenspieler. Thybulle wurde zweimal zum besten Verteidiger der Pac-12-Konferenz gekürt (2018, 2019), als Senior sammelte er 3,5 Steals und 2,3 Blocks pro Spiel und gewann den Naismith-Defensive-Player-of-the-Year-Award. Er löste Jason Kidd und Gary Payton als Pac-12-Rekordhalter für die meisten Saison- (126) und Karriere-Steals (331) ab und verzeichnete als erster Spieler seit 20 Jahren 100 Steals und 70 Blocks in einer Saison.

Gar keine schlechte Ausbeute, möchte man meinen - vollends überzeugt hatte er in NBA-Kreisen trotzdem nicht jeden.

Thybulle im College: Statistiken pro Spiel

SaisonCollegeSpiele/StartsMinutenFG%3P%FT%TRBASTSTLBLKTOVPKT
2015-16Washington34/3424,139,736,671,43,21,61,10,91,46,2
2016-17Washington31/3129,944,840,584,13,11,82,10,72,010,5
2017-18Washington34/3432,344,536,571,42,92,63,01,42,211,2
2018-19Washington36/3631,141,530,585,13,12,13,52,31,89,1
KarriereWashington135/13529,442,935,878,23,12,02,51,41,99,2

NBA Draft: Matisse Thybulles Traum wird wahr

Neben seinen offenkundigen Defiziten in der Offensive befürchteten einige Experten vor dem Draft, dass Thybulles ansehnliche Statistiken weniger ein Produkt seiner individuellen Fähigkeiten als vielmehr der Zonenverteidigung Washingtons sein könnten. Sie warfen die Frage auf, wie gut der Forward sich in einem NBA-System zurechtfinden würde, und wie groß sein Potenzial nach vier Jahren am College noch sei.

Den 76ers schien dies keine allzu schlimmen Kopfschmerzen zu bereiten, bereits im Vorfeld des Drafts bekundeten sie Thybulle ihr Interesse. Obwohl sie mit seinem College-Teammate Markelle Fultz nicht gerade erquickliche Erfahrungen gemacht hatten, tauschten die Sixers zum zweiten Mal seit 2017 Draft-Picks mit den Boston Celtics, um einen Husky nach Philly zu holen.

Der bisherige Saisonverlauf gibt den Sixers Recht. Als Rookie führt Thybulle die Liga in Steals an (2,8), sammelt die fünftmeisten Deflections (4,2) und 1,4 Blocks - in gerade einmal 20 Minuten von der Bank! Offensiv ist noch viel Luft nach oben, das bleibt unbestritten - wer den Ball aber in der Nähe des Flügelspielers führt, sollte gut darauf aufpassen.

Denn auch, wenn Thybulle sich abseits des Feldes seinen liebenswerten Charakter erhalten hat - die Zeiten, in denen seine Gegenspieler ihm leidtaten, sind vorbei. Auf dem Hartholz sieht sein Vater schon lange keine gütige und sanfte Seele mehr, sondern einen Engel des Chaos.

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