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Olympia

Olympische Spiele in Peking - DOSB-Boss Thomas Weikert im Interview: "Ein Sportministerium würde Deutschland guttun"

Seit Anfang Dezember ist Thomas Weikert der neue Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Seit Anfang Dezember ist Thomas Weikert der neue Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Aber wer ist der 60-Jährige überhaupt? Und wie denkt er über die Olympischen Spiele in Peking? Im Interview mit SPOX spricht Weikert offen über Winterspiele, die wohl noch nie unter so einem schlechten Stern standen.

Weikert erklärt, warum er dennoch der Meinung ist, dass im IOC bereits ein Wandel eingesetzt hat und welche Chancen er für eine zukünftige deutsche Olympia-Bewerbung sieht.

Weitere Themen: Medaillenziele für Peking, die Leistungssportförderung und ein eigenes Sportministerium.

Herr Weikert, Sie kommen aus dem Tischtennis, waren Präsident des DTTB und des Weltverbandes ITTF. Und Sie waren zu Ihrer aktiven Zeit selbst ein guter Spieler. Was war Ihr größter sportlicher Erfolg?

Thomas Weikert: Ich habe in den 1980er-Jahren drei, vier Jahre lang in der Tischtennis-Bundesliga spielen dürfen, das war eine tolle Zeit, an die mich immer gerne erinnere. 1984 habe ich es sogar mal zur Studentenweltmeisterschaft nach Danzig geschafft. Und dann muss ich immer an den Moment denken, als mein Heimatverein, der TTC Elz, in die 2. Liga aufgestiegen ist. Das hört sich jetzt nicht besonders spektakulär an, aber für uns und für mich persönlich war es spektakulär. Solche Momente vergisst man nicht.

Wer waren denn Ihre Idole?

Weikert: Die beiden Ungarn Istvan Jonyer und Gabor Gergely, die in den 1970ern und 1980ern zu den besten Tischtennisspielern der Welt gehörten, waren damals absolute Helden für mich. Später kamen dann die Schweden Jan-Ove Waldner oder Jörgen Persson dazu. Und ich habe die Entwicklung von Timo Boll von Anfang an hautnah mitverfolgt. Ich weiß noch, wie Timo sein allererstes Spiel in der 2. Liga gemacht hat mit Müller Gönnern gegen unseren TTC Elz. An dem Abend haben wir viel an Erfahrung gewonnen. (lacht)

Auf Funktionärsebene soll Hans Wilhelm Gäb, der sich sportpolitisch in ganz verschiedenen Rollen sehr verdient gemacht hat, unter anderem bei der Deutschen Sporthilfe, eine ganz wichtige Person für Sie gewesen sein.

Weikert: Das stimmt. Hans Wilhelm Gäb kommt auch aus dem Tischtennis und hat mich über die Jahre sehr geprägt als eine der beeindruckendsten Personen, die ich kennenlernen durfte. Er verkörpert für mich ganz elementare Werte wie Fairness und Offenheit. Wenn es Probleme gibt, ist er immer jemand, der sie auch direkt und ehrlich anspricht. Und er hat sich immer für den Sport engagiert - und zwar in alle Richtungen. Dazu kommt, dass er ja durch seine Lebertransplantation auch durch sehr schwierige Phasen in seinem Leben gehen musste, aber nie den Mut verloren hat, sondern danach sogar Vereine wie "Sportler für Organspende" gegründet hat. Ein besseres Vorbild kann man sich nicht vorstellen.

Weikerts Motto: Anzüge tragen, aber Trikot denken

Tischtennis gilt als extrem fairer Sport. Was hat Ihnen der Sport für Ihr Leben mitgegeben?

Weikert: Ich glaube, jeder, der Tischtennis-Matches anschaut, merkt schnell, wie fair dieser Sport ist. Es mag Ausnahmen geben, aber über 90 Prozent der Spieler geben zum Beispiel einen Kantenball. Fairness ist für mich kein Schlagwort, Fairness steht für mich wirklich ganz oben. Und dann hat mich der Tischtennis-Sport auch gelehrt, wie man in engen Momenten unter größter Nervenanspannung Leistung bringen muss. Wenn es im letzten Satz 9:9 steht und es um die Wurst geht, musst du da sein. Und genauso musst du da sein, wenn du in der Sportpolitik wichtige Entscheidungen treffen musst. Da hat mir meine Tischtennis-Vergangenheit oft geholfen und das weiß ich auch sehr zu schätzen.

Sie haben bei Ihrer Wahl einen interessanten Spruch gesagt. Wissen Sie, welchen ich meine?

Weikert: Geben Sie mir und uns die Chance zu beweisen, dass wir oft Anzug tragen, aber immer Trikot denken. Meinen Sie diesen?

Genau. Welches Trikot tragen Sie denn? Sie kommen ja aus der Nähe von Frankfurt.

Weikert: Ich bin Eintracht-Fan, insofern trage ich gerne das Eintracht-Trikot. Aber ich bin da generell nicht so festgelegt. Ich trage auch gerne das Hockey-Trikot, wenn ich in der Hockey-Hochburg Limburg bin oder das Fußball-Trikot des Kreisligisten um die Ecke.

Weikert über den Breitensport: "Die Lage ist dramatisch"

Was wollten Sie mit dem Spruch ausdrücken?

Weikert: Der Spruch war mir deshalb so wichtig, weil ich klarmachen will, dass ich nicht will, dass es eine Kluft zwischen den Anzugträgern in der Politik und den Menschen in der Bevölkerung gibt. Dass die Menschen uns auf einer Bühne mit Anzug sehen und überhaupt keine Verbindung entsteht. Das fände ich fatal. Es ist nun mal so, dass ich in meiner Rolle in der Sportpolitik im Anzug mit Krawatte auf Bühnen stehe und wir in sehr politischen Runden wichtige Entscheidungen treffen, die die Basis berühren. Wenn es um Regeländerungen geht oder um finanzielle Fragen zum Beispiel. Aber ich stehe genauso am nächsten Tag ganz entspannt bei meiner Verbandsligamannschaft am Tisch und bin heilfroh, mal keinen Anzug tragen zu müssen. Ich will, dass die Leute wissen, dass ich sie und ihre Probleme und Sorgen höre. Ich höre, dass Eltern verzweifelt sind, wenn die Hallen in der Pandemie geschlossen sind und ihre Kinder sich nicht bewegen können. Und dann marschiere ich - im Anzug - zum verantwortlichen Landrat oder zum Ministerpräsidenten und versuche, für sie zu kämpfen.

In der Pandemie wird viel darüber gesprochen, wie viele Zuschauer die Fußball-Bundesligisten denn jetzt in ihre Stadien lassen dürfen, aber es wird viel zu wenig über die schlimmen Auswirkungen auf den Breitensport gesprochen.

Weikert: Der Breitensport ist leider viel zu schlecht weggekommen in der Pandemie, das hätte uns als Land so nicht passieren dürfen. Die Lage ist dramatisch. Da muss man sich nur die Zahlen anschauen. Wir haben in einem Jahr bald eine Million Mitglieder in den Vereinen verloren. Bei den Ehrenamtlichen haben auch viele das Handtuch geworfen. 2021 sah es wieder etwas besser aus, aber auch weit entfernt von gut. Und ich kann die Eltern schon verstehen, die sich bei einer geschlossenen Halle fragen, warum sie denn noch den Mitgliedsbeitrag zahlen soll, wo das Geld eh knapp ist. Wir müssen alles dafür tun, Mitglieder in den Vereinen zu halten, Mitglieder wieder zurückzugewinnen und wir müssen vor allem auch wieder das Ehrenamt stärken. Indem wir Anreize schaffen. Finanzieller Natur über höhere Pauschalen. Dadurch, dass man für abgeleistete Stunden auch Rentenpunkte bekommt. Und, ganz wichtig, auch im ideellen Bereich durch eine höhere Wertschätzung wie durch die Preisverleihung "Sterne des Sports", die wir gerade mit dem Bundespräsidenten und dem Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken verliehen haben. Wir müssen unsere Ehrenamtlichen wieder viel mehr ehren.

Sie haben eine große Herausforderung schon angesprochen, das ist aber nicht die einzige. Sie müssen das ramponierte Image des DOSB nach dem unrühmlichen Ende der Amtszeit von Alfons Hörmann wieder aufpolieren und einen echten Aufbruch schaffen. Was sind Ihre wichtigsten Ziele?

Weikert: Wir müssen Vertrauen zurückgewinnen und eine neue Kultur schaffen, ganz klar. Das geht aber nicht über Nacht. Seit meiner Wahl haben meine Präsidiumskollegen und ich schon sehr viele Gespräche geführt. Das werden wir unermüdlich weiter tun. Wir wollen alle einbeziehen, die Athletinnen und Athleten, Athleten Deutschland als Vereinigung, alle in der Politik, es geht nur gemeinsam. In den nächsten Wochen ist unsere größte Herausforderung aber natürlich erstmal Peking. Wir wollen mit einem guten Ergebnis wieder nach Hause fliegen und wir wollen vor allem jede und jeden wieder gesund nach Hause bringen.

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