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UFC

UFC: Israel Adesanyas schwerer Weg vom Mobbing-Opfer zum Superstar

Von Max Schrader
Israel Adesanya will bei UFC 253 seinen Titel verteidigen.

Israel Adesanya bestreitet bei UFC 253 gegen Paulo Costa (in der Nacht auf Sonntag ab 4 Uhr live auf DAZN) seine zweite Titelverteidigung. Lange Zeit sah es für ihn alles andere als vielversprechend aus. Denn: Adesanya war ein Mobbing-Opfer.

Es war der 22. Februar 2020. Die neuseeländische Band Six60 spielte ein Konzert vor 55.000 Zuschauern in Auckland, der größten Stadt des Landes. Kurz vor Schluss, als die Band "Can't stop believin' I'm the greatest" sang, betrat nicht ein weiterer Künstler die Bühne. Nein, es war UFC-Champion Israel Adesanya, der das Publikum weiter anheizte.

Solche Momente hätte er sich wohl niemals vorstellen können, vor allem nicht im Teenager-Alter. Denn für Adesanya verlief nicht immer alles so goldig in seinem Leben. "Rückblickend würde ich meinem früheren Ich raten, nie aufzugeben, wirklich nie", erklärt er gegenüber SPOX und DAZN.

Der in Lagos, Nigeria, geborene Adesayna wuchs 1989 zusammen mit vier Geschwistern auf. Doch nicht in armen, sondern in verhältnismäßig reichen Verhältnissen. Erst mit acht Jahren lernte er zum Beispiel, sich selbst zu baden, wie er einst sagte. Zuvor hatten diese Aufgabe noch die Hausangestellten der Familie übernommen. Mit zwölf Jahren siedelte die Familie schließlich in das neuseeländische Städtchen Rotorua über. Allein die Bevölkerung von Lagos ist mit fast 15 Millionen Einwohnern dreimal so groß wie ganz Neuseeland. Eine große Umstellung für den 12-Jährigen. Sein Start in Neuseeland wurde ihm zudem nicht leicht gemacht.

UFC - Israel Adesanyas schwere Kindheit: "Der Dorftrottel"

Er war ein Außenseiter und wurde gemobbt. Seine Mitschüler schikanierten ihn, stellten ihm ein Bein und warfen aus Bussen Dinge nach ihm. Adesanya wurde sogar gefragt, ob sein Blut gelb sei. Auf seiner Brust ist heute der Satz "Broken Native" eintätowiert, der das Gefühl der Andersartigkeit verdeutlichen soll.

"Der Dorftrottel, wenn Sie so wollen. Die Fledermaus unter den Tauben. Der Kieselstein zwischen [vermutlich großen] Steinen. Der Ausgestoßene", begründete Adesanya einst die Wahl seines Tattoos.

Ruhe und Sicherheit suchte er in diesen schweren Zeit nicht im Sport, sondern im Fernsehen. Japanische Zeichentrickfilme gaben ihm Halt, vor allem Naruto schaute er Tag und Nacht. Seine Familie passte auf, dass Adesanya nicht abdriftete.

"Meine Familie ist sehr wichtig für meine Entwicklung als Mensch und Kämpfer. Ich bin sehr dankbar, dass ich von so tollen Menschen umgeben bin. Sie sind immer für mich da und stellen sicher, dass es mir gut geht", sagt Adesanya. Weiter erzählt er, dass er den Kreis an Menschen um ihn herum daher auch so klein wie möglich halte. Nur so könne er jedem Menschen voll vertrauen.

Bei einem Talentwettbewerb in der High School änderte sich seine Situation dann grundlegend. Zu Michael Jacksons "Wanna Be Startin' Something" legte er einen Tanzauftritt hin, den die Schule "zum Eskalieren" brachte. An jenem Tag war es mit seiner Isolation vorbei. Adesanya merkte, dass er eine Gabe hatte, Menschen für Etwas zu begeistern. Anwalt, Ingenieur oder Buchhalter standen zuvor für ihn als Berufe zur Auswahl. Doch er sehnte sich nach diesem Gefühl, etwas Besonderes zu sein und lehnte solche Berufe ab - zum Unverständnis seiner Eltern. Schließlich fand er das Gefühl im Jiu-Jitsu.

Ende 2009 meldete er sich aus einer Laune heraus bei einem MMA-Training an, obwohl er nicht einmal etwas von der Sportart wusste. Er schaute sich Kämpfe auf YouTube an und fing an, sich auf das Training vorzubereiten. Seine fehlende Erfahrung wurde ihm aber zum Verhängnis. "Zerfleischt" wurde er, sagten seine Trainingsgegner danach. Adesanya gab aber nicht auf und trainierte immer weiter. Nebenbei startete er eine Karriere als Kickboxer. Um sich über Wasser zu halten, arbeitete er außerdem bei einem Gasunternehmen als Messtechniker.

Nach vier Jahren und einer Kickbox-Statistik von 75-5-Siegen kündigte er seinen Job und strebte nach Größerem. Über verschiedene Ligen arbeitete er sich immer weiter nach oben, bis er schließlich 2017 in der UFC landete. Nach sechs Kämpfen sicherte er sich 2019 schließlich den UFC-Titel. "Es hat bislang sehr viel Spaß gemacht", sagt Adesanya. "Wenn ich meinen wichtigsten Kampf bislang nennen müsste, wäre es der Fight gegen Robert Whittaker. Nachdem er so viel Mist über mich erzählt hat, habe ich ihn in dem Kampf zweimal ausgeknockt."

UFC - Israel Adesanya: Tanzen vor dem größten Kampf seiner Karriere

Bei UFC 243 im australischen Melbourne besiegte Adesanya ihn vor 57.127 Zuschauern, bis heute die größte Kulisse aller Zeiten. Als er die Arena betrat, machte er das nicht in normaler, cooler Manier. Adesanya dachte sich mit zwei Tänzern eine Choreographie aus, die bis heute seinesgleichen sucht.

Adesanyas Tanzen war kein Zufall oder eine bloße Promotion-Marotte - es ist der Schlüssel, um die wichtigsten Nacht seiner bis dato beruflichen Laufbahn zu verstehen. In seinem wichtigsten Kampf gegen einen Gegner, der seit mehr als fünf Jahren nicht mehr verloren hatte, entschied sich Adesanya dafür, so eindrucksvoll wie möglich aufzutreten. Bei einer Niederlage wäre er immer mit der Tanzeinlage zuvor in Verbindung gebracht worden. ESPN schrieb danach, dass sein Auftritt wie einer von Muhammad Ali gewesen wäre, der die K.o.-Runde voraussagte.

Adesanyas Titelverteidigung gegen Yoel Romeo bei UFC 248 war dagegen alles andere als eine Show. In fünf Runden kamen die beiden auf insgesamt nur 88 Wirkungstreffer - ein äußerst schwacher Wert. Kein Wunder, dass die Zuschauer in Las Vegas buhten. Adesanya tänzelte mit großem Abstand um ihn herum und ließ jegliche Angriffslust vermissen. Schnell kamen kritische Stimmen auf, dass Adesanya eben doch kein Potenzial habe, um das neue Gesicht der UFC zu werden.

Das sah die UFC aber anders. Nicht nur wurde Gegner Romeo für den passiven Kampf beschuldigt, sondern Adesanya wurde danach demonstrativ, zusammen mit Jorge Masvidal, zum Coverstar des neuen EA-Games UFC4 gemacht. Ein weiterer Schritt, um auf eine Stufe mit Conor McGregor und Khabib Nurmagomedov zu kommen. Adesanya sieht sich aber schon weiter.

"Ich denke schon, dass ich mit beiden auf einer Stufe stehe. Natürlich bin ich erst dabei, auch außerhalb der UFC richtig bekannt zu werden. Einen Superstar machen vor allem zwei Dinge aus: Einzigartigkeit und Angriffslust. Wer mich kennt, weiß, dass ich beides total verkörpere", erzählt er.

UFC - Israel Adesanya: Folgt der Wechsel ins Schwergewicht?

Dass Adesanya in Neuseeland bereits ein Superstar ist, weiß Christopher Reive. Der MMA-Reporter berichtet seit Adesanyas Anfängen über ihn im New Zealand Herald.

"Die Neuseeländer lieben einen Sieger, und mit seinem schnellen Aufstieg zum Titel hat er viel Aufmerksamkeit auf den Sport gelenkt - und seine Persönlichkeit schadet der Sache sicher nicht. Im vergangenen Jahr wurde er als erster Kampfsportler zum neuseeländischen Sportler des Jahres gekürt, was in einem Land, das normalerweise von Rugby und Cricket dominiert wird, ein großer Erfolg war", erzählt er im Gespräch mit SPOX. Die Neuseeländer verehren ihn, manche nennen ihn sogar "unseren Muhammad Ali".

Doch wie sieht Adesanyas Zukunft aus? Klar ist, dass er bereits auf seine nächste Herausforderung schielt. Reive sieht vor allem einen Rückkampf gegen Robert Whittaker als die wahrscheinlichste Lösung. Aus Sicht der UFC könnte man sich auch einen Kampf gegen Publikumsliebling Darren Till vorstellen.

Reive meint aber auch: "Israel könnte definitiv auch außerhalb seiner Gewichtsklasse kämpfen. Er kämpfte im Schwergewicht bei 'King in the Ring' - einer lokalen Show, bei denen die Finalisten drei Kämpfe in einer Nacht austragen - und gewann recht überzeugend. Es würde mich nicht überraschen, wenn er erfolgreich ins Halbschwergewicht- oder sogar ins Schwergewicht aufsteigt, bevor seine Zeit in der UFC vorbei ist."

Ein Wechsel der Gewichtsklasse, wie es bereits Conor McGregor, Daniel Cormier oder nun Jon Jones, vorgemacht haben, würde Adesanyas Wert in der UFC erheblich steigern. Er scheint auf jeden Fall dafür bereit, in den nächsten Jahren das Aushängeschild der UFC zu werden. Vermutlich bald auch das alleinige, da Khabib bereits mit einem Rücktritt kokettierte. "Ich denke, ich bin bereit. Aktuell bin ich die heißeste Aktie der UFC", sagt Adesanya selbstbewusst.

UFC - Israel Adesanya: Statistiken

Vollständiger NameIsrael Oluwafemi Adesanya
Alter31
HerkunftLagos, Nigeria
Größe1.93 m
Gewicht84 kg
SpitznameThe Last Stylebender
Armlänge203 cm
Rekord19-0
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