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Tennis

US Open - Coaching-Legende Nick Bollettieri im Interview: "Zverev muss lernen, sich selbst zu kontrollieren"

Nick Bollettieri sieht die größte Schwäche bei Sascha Zverev immer noch im Kopf.

Alexander Zverev und Dominic Thiem greifen bei den US Open in New York am Sonntagabend (22 Uhr im LIVETICKER und im Eurosport-Player auf DAZN) nach ihrem ersehnten ersten Grand-Slam-Triumph. Hall-of-Fame-Coach Nick Bollettieri spricht im Interview mit SPOX über die Schlüssel zum Sieg für beide Finalisten.

Außerdem erklärt die inzwischen 89-jährige Tennis-Legende, was Zverev noch lernen muss und wie er die Disqualifikation von Novak Djokovic bewertet.

Herr Bollettieri, Alexander Zverev hat zum ersten Mal in seiner Karriere ein Grand-Slam-Finale erreicht. Wie beeindruckt sind Sie von seinem Auftreten?

Nick Bollettieri: Ich bin ein bisschen überrascht, dass Zverev im Finale steht. Aber durch die Disqualifikation von Novak Djokovic war der Weg für ihn natürlich frei. Zverevs Talent ist unbestritten, er hat alle Fähigkeiten, die man sich nur vorstellen kann. Aber er hatte auch sehr viel Glück, dass er gegen Carreno Busta nochmal zurückkommen konnte. Das war fast ein Wunder, dass er das noch gewonnen hat. Er muss immer noch sehr viel lernen, was die mentale Seite anbelangt.

Würden Sie nicht sagen, dass er sich gerade dort enorm verbessert hat und reifer geworden ist?

Bollettieri: Wie gesagt, er hatte sehr viel Glück in seinem letzten Match, das hätte auch schiefgehen können. Meiner Meinung nach muss er noch lernen, sich selbst zu kontrollieren. Seine Emotionen zu kontrollieren. Du kannst in einem Match deine Emotionen auf positive Art und Weise rauslassen. Oder du kannst sie so rauslassen, dass du damit deinem Gegner einen Vorteil verschaffst.

Zverevs Niveau schwankt enorm, je nachdem wie viel Vertrauen er in sich selbst spürt.

Bollettieri: Ich weiß nicht, ob es so viel mit Selbstvertrauen zu tun hat. Für mich geht es mehr um seine Emotionen. Er ist immer noch ein junger Mensch, der sich auf der größten aller Bühnen zurechtfinden muss. Er ist ein großer Fighter, der mit großer Leidenschaft spielt. Es wäre auch nicht gut, wenn er versuchen würde, alle Gefühle in sich drin zu behalten. Er muss sie rauslassen. Aber er muss sie in einer Art rauslassen, sodass er sofort danach für den nächsten Punkt wieder bereit ist. Dass er keine negative Energie mitschleppt und seinen Gegner damit stark macht. Für mich ist das der zentrale Punkt, an dem er arbeiten muss und der über seine Zukunft entscheiden wird.

Sein Aufschlag ist eine brutale Waffe, niemand würde aber je die Hand dafür ins Feuer legen, dass er nicht plötzlich Doppelfehler nach Doppelfehler serviert. Wohl nicht mal er selbst. Den Zweiten wie den Ersten zu servieren, ist schon eine Art Markenzeichen geworden. Wie schauen Sie auf seinen Aufschlag?

Bollettieri: Es ist sicherlich etwas, woran er arbeiten muss, aber wenn jemand in einem Grand-Slam-Finale steht, kann er nicht so schlecht serviert haben. Da sollten wir uns auf das Positive konzentrieren. Zverev muss sich Schritt für Schritt weiterentwickeln. Für seine Zukunft ist es wichtiger, dass er an seiner mentalen Herangehensweise arbeitet. An seiner Ruhe. Der Rest kommt dann automatisch. Zverev hat zweifellos das Zeug, ganz oben zu stehen.

Nick Bollettieri: "Zverev hat auf jeden Fall eine Chance, das Match zu gewinnen"

Inwieweit ist Zverevs neuer Coach David Ferrer für die von Ihnen genannten Punkte genau der richtige Mann?

Bollettieri: Ferrer wird Zverev natürlich nicht helfen können, sein Tennisspiel zu verbessern. Ferrer war ein Spieler, der das komplette Gegenteil von Zverev verkörpert hat. Aber darum geht es in dieser Partnerschaft nicht. Ferrer war im Kopf einer der stärksten Spieler auf der Tour. Seine Einstellung war fantastisch. Er hat keinem Gegner auch nur einen einzigen Ball geschenkt. Er hat sich niemals selbst geschlagen. Du musstest ihn regelrecht niederkämpfen. Das Ziel muss es sein, dass er es schafft, diese Einstellung bei Zverev einzupflanzen.

Was man nicht vergessen darf: Zverev hat bei einem Grand Slam noch nie einen Top-10-Spieler geschlagen (0-7-Bilanz). Noch nie. Was ist der Schlüssel für Zverev für das Finale gegen Dominic Thiem?

Bollettieri: Der Schlüssel für Zverev ist, sich nicht selbst zu schlagen. Er darf keinen einzigen Punkt herschenken und muss dafür sorgen, dass sich Thiem alles hart erarbeiten muss. Er muss aggressiv sein. Wenn du am Ende vielleicht verlierst, okay, aber dann solltest du wenigstens voll durchgeschwungen haben. Lass dich nicht von Thiem ausknocken und schaue dabei zu! Das darf nicht passieren. Deshalb wird es ein großer Faktor sein, welche mentale Message Zverev zu Thiem auf die andere Seite des Netzes schickt. Die mentale Stärke oder Schwäche Eures jungen Deutschen wird extrem wichtig. Ich freue mich auf ein großartiges Match. Thiem hat vielleicht einen kleinen Vorteil, aber Zverev hat auf jeden Fall eine Chance, das Match zu gewinnen.

Wie muss es denn Thiem auf der anderen Seite angehen?

Bollettieri: Wenn ich Dominic Thiem wäre, würde ich zu mir sagen: Es ist Zeit! Es ist meine Zeit, jetzt einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen! Thiem spielt ein wunderschönes Tennis, mir gefällt vor allem seine sensationelle Rückhand. Bei ihm würde ich mir wünschen, dass er in Zukunft noch mehr den Weg nach vorne ans Netz sucht. Auf Dauer wird es nicht reichen, von der Grundlinie Grand Slams zu gewinnen. Du musst die Jungs mehr dazu zwingen, dich zu passieren. Thiems Spiel ist aber jetzt schon großartig, deshalb ist er eigentlich auch dran, den Durchbruch auf Slam-Ebene mit dem ersten Triumph zu schaffen. Ob er eines Tages die Nummer eins wird? Das ist schwer zu sagen und hängt extrem davon ab, wie lange Djokovic noch spielt.

Nick Bollettieri über die Disqualifikation von Novak Djokovic: "Korrekte Entscheidung"

Sie sprechen Novak Djokovic an. Sie kennen ihn gut. Wie wird er sein unrühmliches Aus in New York verdauen?

Bollettieri: (lacht) Djokovic ist mein Junge! Er ist ein guter Freund von mir. Die Entscheidung, ihn zu disqualifizieren, war vollkommen korrekt. Sie mussten so entscheiden, sonst hätte man einen Präzedenzfall geschaffen, den man so nicht schaffen kann. Aber ich mache mir keine Sorgen um Novak.

Es war aber nicht das erste Mal, dass er seinen Frust nicht kontrollieren konnte.

Bollettieri: Ich würde trotzdem nicht sagen, dass er dort ein Problem hat. Das sehe ich nicht so, er ist schlau genug. Es war einfach eine Aktion, die unbeabsichtigt total daneben gegangen ist. Das kann passieren. Aber jetzt weiß er auf jeden Fall, was man machen kann und was nicht.

Nach den US Open stehen fast direkt die French Open auf Sand an. Sehen wir den 13. Paris-Triumph von Rafael Nadal?

Bollettieri: Diese Frage wird die French Open bestimmen. Wir wissen ja auch nicht, wie lange Nadal noch dabei sein wird. Alle Augen werden auf Nadal gerichtet sein. Schauen wir, was passiert. Hier eine Vorhersage zu treffen, ist noch schwieriger als sonst. Das wird wieder ein völlig anderes Spiel als in New York und diesen schnellen Wechsel hatten wir ja auch noch nie.

US Open: Der Weg ins Finale von Alexander Zverev und Dominic Thiem

Alexander ZverevDominic Thiem
Kevin Anderson (RSA) 7:6, 5:7, 6:3, 7:5Jaume Munar (ESP) 7:6, 6:3 Ret.
Brandon Nakashima (USA) 7:5, 6:7, 6:3, 6:1Sumit Nagal (IND) 6:3, 6:3, 6:2
Adrian Mannarino (FRA/32) 6:7, 6:4, 6:2, 6:2Marin Cilic (CRO/31) 6:2, 6:2, 3:6, 6:3
Alejandro Davidovich Fokina (ESP) 6:2, 6:2, 6:1Felix Auger-Aliassime (CAN/15) 7:6, 6:1, 6:1
Borna Coric (CRO/27) 1:6, 7:6, 7:6, 6:3Alex de Minaur (AUS/21) 6:1, 6:2, 6:4
Pablo Carreno Busta (ESP/20) 3:6, 2:6, 6:3, 6:4, 6:3Daniil Medvedev (RUS/3) 6:2, 7:6, 7:6
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