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Boxen

Der geliebte Diktator

Ulli Wegner hat das Boxen nachhaltig geprägt

Am 26. April feiert Ulli Wegner seinen 75. Geburtstag. Der Flüchtlingsjunge aus Stettin hat ein bewegtes Leben hinter sich, am Ziel ist er deshalb noch lange nicht. Wegner brennt mit hochrotem Kopf für seine Leidenschaft, seine kratzige Stimme hallt auch mit einem dreiviertel Jahrhundert auf dem Buckel noch durch Boxhallen in ganz Deutschland. Dass er für seine Schützlinge und Freunde weit mehr als ein gewöhnlicher Mensch ist, weiß inzwischen jeder, - dass das Boxen allerdings gar nicht seine größte Leidenschaft ist, nur die wenigsten.

Jeder Schritt auf der kleinen Treppe, die von der blauen Ringecke hinab auf den Hallenboden führt, fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Jeder Schritt schmerzt in der Seele. Der Griff um das weiße Handtuch in der rechten Hand wird fester. Tränen schießen Ulli Wegner in die Augen. Er wirft einen letzten Blick in den Ring, dann bekommt er von der zwölften Runde kaum mehr etwas mit. Eine Ära ist zu Ende.

Stettin, Anfang 1945. Auf dem Hof eines kleinen Häuschens werden früh am Morgen hektisch die wichtigsten Habseligkeiten auf die Ladefläche eines alten Lastwagens verladen. Platz ist nur für das Nötigste, die Zeit drängt.

Zwei russische Offiziere helfen dem Ehepaar aus Deutschland, das nebenbei verzweifelt versucht, seine aufgewühlten Kinder so gut es geht zu beruhigen. Der Familie steht die blanke Angst in das Gesicht geschrieben. Angst vor Vergeltung, vor weiteren Gräueltaten, die das Geschehe unweigerlich mit sich bringen würde.

Alles was sich Karl und Hedwig Wegner in ihrem Lebens aufgebaut hatten, war wertlos. Das einzige, was noch zählte, war der Versuch, in Sicherheit zu gelangen. Der Krieg näherte sich dem Ende, längst hatte die russische Armee die Gegenwehr der Wehrmacht gebrochen und die Stadt an der Mündung der Oder zurückerobert. Nachrückende polnische Verbände sorgten für Schrecken. Flucht war die letzte Hoffnung.

Entbehrungen des Krieges

Von einer unbeschwerten Kindheit konnte Hans-Ullrich Wegner, der zehn Jahre nach Bruder Fritz und 20 Jahre nach Schwester Martha am 26. April 1942 mitten im Zweiten Weltkrieg das Licht der Welt erblickt hatte, nur träumen. "Wir hatten immer zu essen. Nie im Überfluss, aber Vater und Mutti haben rund um die Uhr geschuftet, damit wir Kinder nicht hungern mussten", erinnert sich Wegner in seiner Biographie Mein Leben in 13 Runden an die Nachkriegszeit. Kleine Glücksmomente waren unheimlich wertvoll.

Vielleicht legt Wegner deshalb keinen Wert auf Luxus. Er ist auch all die Jahre, die der Krieg hinter ihm liegt, ein Mann, der die schrecklichen Erlebnisse, über die in seinem Elternhaus nie gesprochen werden durfte, und die erdrückende Stimmung der Nachkriegszeit nicht vergessen hat.

Nach der Flucht nach Büssow, das rund 30 Kilometer westlich von Stettin liegt, sowie den Umzug nach Penkun war das Leben der Familie Wegner, die eine Landwirtschaft zugeteilt bekam, von Entbehrungen und harter Arbeit geprägt.

Anpacken musste Ulli, so wurde der jüngste Wegner-Spross von klein auf genannt, früh. Die Grenzen aus Pflicht und Kindsein verschwammen. "Kühe hüten mit sechs Jahren ist keine Idylle aus irgendeinem Heimatfilm. Es ist pure, nackte Angst - davor, etwas falsch zu machen. Angebrüllt, bestraft, geschlagen zu werden", blickt Wegner auf die Tätigkeit zurück, die zwei Mark pro Woche in die Familienkasse spülte.

Verfehlungen wurden von seinem Vater knallhart bestraft. "Wenn wir nicht bestraft wurden, war es das größte Lob, zu dem er fähig war", schildert Wegner. Einen Groll hegt er dennoch nicht. Der frühere Soldat war von zwei Kriegen gezeichnet. Es war seine Art, die Kinder zu einem bessern Leben treiben zu wollen.

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Der schulische Saisonarbeiter und ein großer Traum

Eine Strafe traf Wegner allerdings besonders hart: Fußballverbot. Denn anders als viele erwarten würden, war der Fußball nicht nur die erste große Liebe des Nesthäkchens, sondern er rangiert auch heute noch immer knapp vor dem Boxen. Jede freie Minute verbrachte Wegner, der sich selbst mit einem Augenzwinkern als "schulischen Saisonarbeiter" bezeichnet, auf dem Bolzplatz beim "Knödeln".

Wenn er sich nach einer Bestrafung aus dem Haus geschlichen und von seiner Mutter die Fußballschuhe, seine "Töppen", durch das Fenster gereicht bekommen hatte, stand über allem der Traum, irgendwann Profi zu werden.

"Während der Unterricht lief, konnte ich nicht zuhören - ich musste den Nachmittag organisieren. Fußballmannschaften aufstellen. Spiele ausdenken. Ganz scharf nachdenken, bei wem eventuell die Eltern nicht da waren. Schule war was für Streber. Für Leseratten. Für Muttersöhnchen", berichtet Wegner, der bis heute den Stich verspürt, dass es nicht gereicht hat, Profi zu werden. Obwohl er vom Spielertyp einem Matthias Sammer sehr ähnlich gewesen sei.

Erlebnisse wie das Gastspiel von Manchester United, den berühmten Busby Babes, die Monate später in München Opfer einer Flugzeugkatastrophe mit vielen Todesopfern wurden, im Berliner Olympiastadion 1957, faszinierten ihn.

Die Schule übte weit weniger Faszination auf ihn aus. Nach der achten Klasse war Schluss. Dass dies weniger an den geistigen Kapazitäten des Lausbuben, der um keinen Streich verlegen war, sondern viel mehr an fehlenden schulischen Ambitionen lag, beweisen unter anderem sein späteres Studium an der Außenstelle der DHfK sowie die Art, sich durch das Leben zu bewegen.

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Wegner und das Ziel, etwas Besonderes zu sein

Antriebslos war er nie, suchte aber den für ihn richtigen Weg. "Ich hatte kein Interesse an dem, was die Lehrer da vorne erzählten", erklärt Wegner. "Ich wollte immer etwas Besonderes sein. Ja, das wollte ich. Das war mein Antrieb schon in jungen Jahren. Aber ich wollte mir das Besondere erkämpfen, wollte irgendwie, irgendwo auf irgendeine Art und Weise den Weg finden, dass mich Menschen loben würden."

Er entschied sich für die nahe liegende Option einer Ausbildung. Statt weiter die Schulbank zu drücken, entschloss er sich mit 14 Jahren das Elternhaus zu verlassen und eine Lehre im 80 Kilometer entfernten Anklam zu beginnen. Drei Jahre später war er gelernter Traktoren- und Landmaschinenschlosser.

In dieser Zeit habe er dann auch "so langsam, aber ganz langsam, einen Blick fürs Leben bekommen". Selbst ohne die 1961 errichtete Berliner Mauer gingen die Meinungen über die DDR in seiner Familie auseinander. Freie Entfaltung? Unmöglich. Es galt sich mit dem System zu arrangieren so gut es ging.

Rückblickend sieht Wegner die Zeit deshalb als ein "Klarkommen mit einem Unrechtsstaat", stellt aber ebenso heraus, dass eine Flucht in den Westen kein Thema war und er auch niemand gewesen sei, der auf den Straßen demonstriert habe: "Bei dem, was ich nach der Wiedervereinigung erreicht habe, dort, im goldenen Westen, war ich stolz auf meine fachliche Ausbildung in der DDR. Auf die Menschen, die mich gefördert haben, die etwas in mir gesehen und ihre Kompetenz an mich weitergegeben haben. Stolz und dankbar." Der spätere Mauerfall Im November 1989 sei dennoch ein großer Tag für ihn gewesen.

Unverhoffte Liebe

Zunächst zählten sowieso andere Dinge. Für Wegner stand der Wehrdienstes an. Der damals 19-Jährige entschied sich, nach Rostock zur Marine zu gehen.

Der Hauptgrund waren nicht die laut Wegner "schönen Uniformen", sondern der Umstand, dass der DDR-Zweitligist ASK Vorwärts Rostock nach Spielern suchte. Insgesamt versuchten 48 Akteure ihr Glück, Wegner schaffte es bis unter die letzten fünf. Und das, obwohl er nur in der Juniorenliga bei Traktor Anklam und in der Bezirksklasse bei Aufbau Anklam gegen das runde Leder getreten hatte.

Um sich bis zum endgültigen Ausscheiden der zu ersetzenden Spieler fit zu halten und den Kritikpunkt seiner Trainer, er sei athletisch nicht weit genug, zu beseitigen, fand Wegner nach wenigen Wochen den Weg in die Boxhalle des ASK.

"Ich hatte mitbekommen, dass diese Sportler zu den fittesten überhaupt gehörten, wollte einfach mitmachen", fasst er die Beweggründe zusammen. Während er beim Fußball der harte Arbeiter war und auch in anderen Sportarten von seiner Hingabe profitierte, sollte der Späteinsteiger in den folgenden Wochen etwas erleben, das er so noch nie gespürt hatte: Er hatte einfach großes Talent.

Der ehrliche Sport, das Duell Mann gegen Mann und die harte Arbeit vor den Wettkämpfen ergriffen Besitz von seiner Seele. Wegner musste sich nicht mehr auf Mitspieler verlassen, Ausreden gehörten der Vergangenheit an. Eine Niederlage hatte er nur sich selbst zuzuschreiben. Es folgten 176 Amateurkämpfe und als Höhepunkt eine gewonnene DDR-Mannschaftsmeisterschaft im Jahr 1970 mit der BSG Wismut Gera, für die Wegner inzwischen die Boxhandschuhe schnürte. Nebenbei versuchte er sich, auch weil er wohl sein sportliches Limit schon vor Augen hatte, auf der anderen Seite der Seile.

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