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Basketball

"Ich kiffe nie wieder"

Von Interview: Haruka Gruber
Schaffartzik erzielte in sieben der elf Vorbereitungsspiele zwölf Punkte oder mehr
© Imago

Dirk Nowitzkis Nachfolger heißt Heiko Schaffartzik - zumindest als Topscorer des DBB-Teams. Der einst unberechenbare Problemfall wandelte sich zum Hoffnungsträger des deutschen Basketballs und ist bei der am Montag beginnenden EM die wichtigste Scoring-Option von Bundestrainer Dirk Bauermann. Der 25-jährige Spielmacher, der im Sommer von Gießen nach Braunschweig gewechselt ist, über Tony Parker, seine Leukämie-Erkrankung und Probleme mit Drogen und der Schule.
 
 

SPOX: Zum EM-Auftakt trifft Deutschland gleich auf Frankreich und Ihr direkter Gegenspieler ist ein gewisser Tony Parker. Haben Sie sich schon mental darauf eingestellt?

Heiko Schaffartzik: Überhaupt nicht. Mir ist es ehrlich gesagt egal, gegen wen ich spiele. Ich reise ohne große Erwartungen zur EM und spiele einfach so hart, wie ich kann. Daher ist es uninteressant, ob mein Gegner in der NBA oder sonst wo unter Vertrag steht.

SPOX: Klingt da das gewachsene Selbstvertrauen nach der gelungenen Vorbereitung durch?

Schaffartzik: Bisher war es ja ganz nett, aber im Grunde ist die Vorbereitung nur Vorgeplänkel. Daher sollten wir nicht zuviel hineininterpretieren - wobei es natürlich ein gutes Gefühl gibt, wie positiv alles gelaufen ist.

SPOX: Täuscht der Eindruck, dass vor allem die Point-Guard-Rotation von Steffen Hamann und Ihnen besonders gut funktioniert?

Schaffartzik: Es stimmt, wir ergänzen uns sehr gut, weil wir unterschiedliche Typen sind. Meine Stärken sind der Wurf aus der Mitteldistanz und von der Dreierlinie, dafür hat Steffen einen unnachahmlichen Zug zum Korb. So macht es Spaß, zumal ich unschätzbare Tipps von Steffen bekomme.

SPOX: Es fällt auf, dass Sie als Neuling in entscheidenden Situationen den Ball bekommen und die wichtigen Würfe nehmen, so wie beim Supercup gegen Mazedonien. Woher kommt die Nervenstärke?

Schaffartzik: Ehrlich gesagt: In meiner Karriere ist es auch häufig genug in die Hose gegangen. Aber es ist so, dass ich mir schon immer zugetraut habe, in den entscheidenden Situationen Verantwortung zu übernehmen. Woher das kommt? Ich weiß es nicht.

SPOX: Es gibt eine Theorie, dass es etwas mit Ihrer Leukämie-Erkrankung zu tun hat, als Sie 13 Jahre alt waren.

Schaffartzik: Meine Freude sagen über mich, dass ich wegen der Leukämie-Geschichte eine Freiheit verspüre, alles zu machen, worauf ich Lust habe. Ob es so ist, weiß ich nicht abschließend, aber es ist eine Möglichkeit.

SPOX: Wie sehr hat der Krebs Ihre Entwicklung beeinflusst?

Schaffartzik: Eigentlich gar nicht, egal ob privat oder sportlich. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich nicht krank, sondern eher verletzt war und einfach nur ein Jahr mit dem Basketball pausieren musste. Nach der Heilung war es dementsprechend nie so, dass ich mir gesagt habe: 'Oh mein Gott, ich war ja so krank und auf einmal habe ich so viel Spaß am Basketball.'

SPOX: Hatten Sie nie Angst vor dem Tod?

Schaffartzik: Viele Leute hätten wohl Angst davor, aber für mich war es nie ein Thema. Ich habe mich nie mit dem Tod beschäftigt, sondern immer daran gedacht, wann ich wieder fit genug bin, um auf dem Court zu stehen.

SPOX: Führte Ihre Basketball-Fixiertheit auch dazu, dass Sie später schulische Probleme bekamen - weswegen Sie bereits als Junioren-Nationalspieler den Stempel als Problemfall verpasst bekamen?

Schaffartzik: Man darf nicht vergessen, dass die Doppelbelastung als 18-, 19-Jähriger sehr hoch ist. Ich hätte wohl auf ein Sportgymnasium gehen sollen, dann wäre alles einfach gewesen. So war ich aber auf einem normalen, eher anspruchsvollen Gymnasium. Als ich dann zu viele Ausfallzeiten sammelte, hatte ich keinen Bock mehr auf Abitur - was ich mittlerweile bereue.

SPOX: 2005 folgte der Tiefpunkt, als Sie wegen Marihuana-Konsums von Gießen entlassen und von der BBL gesperrt wurden. Haben Sie Lehren daraus gezogen?

Schaffartzik: Die Konsequenz ist, dass ich nie wieder kiffen werde.

SPOX: War der positive Drogenbefund nicht der Grund dafür, dass Sie ihr Lebenskonzept neu überdacht haben?

Schaffartzik: Das geschah erst deutlich nach dem Dopingtest und hatte nicht wirklich etwas mit der Sache zu tun gehabt.

SPOX: Nein?

Schaffartzik: Ich weiß nicht einmal, was genau den Wandel ausgelöst hat. Aber irgendwann war ich soweit, dass ganz neue Gedankenprozesse einsetzten. Ich habe mit allen Dingen, die mich privat ablenken könnten, abgeschlossen und setzte voll auf die Karte Basketball. Vorher habe ich meine Karriere halbherzig verfolgt. Aber als ich sah, dass es nichts bringt, wenn man nicht diszipliniert als Profi lebt, machte ich mir Gedanken über mich. Als ich diese Einsicht hatte, konnte ich anfangen, mich zu ändern.

SPOX: Wie zeigt es sich? Haben Sie fleißiger trainiert?

Schaffartzik: Hartes Training war noch nie mein Problem. Ich war immer schon der Typ, der am intensivsten trainiert hat. Vielmehr ging es darum, dass es nicht reicht, in die Halle zum Training zu kommen und alles zu geben. Daher habe ich das gesamte Leben auf Basketball abgestimmt und habe angefangen, auch außerhalb des Parketts professionell zu leben.

SPOX: Hat es geholfen, zu einem besseren Spielmacher zu werden?

Schaffartzik: Auf jeden Fall hat es bei mir eine Zeit lang gedauert, bis ich eine innere Mitte gefunden habe. Ich spielte früher schon mit viel Selbstvertrauen, dafür habe ich aber häufig überdreht. Jetzt bin ich nicht mehr so unausgeglichen und habe eine bessere Balance in meinem Spiel.

SPOX: Das heißt?

Schaffartzik: Ich habe meine mentale Schwäche ausgemerzt. Hoffe ich zumindest (lacht).

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